Baum der Hoffnung und der Zukunft

Barbara Schmid-Federer's picture

Baum der Hoffnung und der Zukunft

Von Barbara Schmid-Federer, 10.06.2020

Zusammenfassung von 13 Kurzreferaten – ein Versuch

Im Wonnemonat Mai 2020 schmückte ein fünf Meter hoher Eisenholzbaum – eine Parrotia Persica – den Münsterhof in Zürich, umgeben von historischen Gebäuden wie der Fraumünsterkirche, dem Haus «Marfurt», den Zunfthäusern «Zur Meisen» und «Zur Waage», sowie dem nahe liegenden Zunfthaus «Zum Storchen». Dem Versammlungsverbot geschuldet, wurden Kurzreferate von 13 Persönlichkeiten nicht neben dem Baum, sondern auf den Dächern oder im Inneren dieser Gebäude gesprochen, aufgenommen und per Livestream publiziert.

«Wir setzen damit ein Zeichen der Hoffnung und der Zukunft in der Corona-Krise auf dem Münsterhof», erklären die beiden Initianten Lorenz Schmid, Präsident der Vereinigung Kulturplatz Münsterhof, und Niklaus Peter, Pfarrer am Fraumünster, und erinnern damit an Winston Churchill, selber zu Gast auf dem schönen und geschichtsträchtigen Münsterhof. Seinem Ausspruch folgend, «never waste a good crisis», haben namhafte Persönlichkeiten aus der Zivilgesellschaft während eines Monats ihre persönlichen Gedanken formuliert zum Thema: «Was will ich nach der Coronakrise für mich persönlich und für unsere Gesellschaft neu denken, verändern und an positiven Akzenten einbringen?»

Im Folgenden sei der Versuch gewagt, die Fülle der Reden in einen Gesamttext zu vereinen. Die Ansprachen sind auf www.baumderhoffnung.ch einsehbar.

Der rote Faden der Geschichte

Drei Elemente ziehen sich wie ein roter Faden durch den Reigen der 13 Ansprachen. Erstens: Pandemien hat es in der Weltgeschichte immer schon gegeben. Und plötzlich stellen wir fest, dass wir mit solchen Realitäten nicht gerechnet haben. Wir realisieren, dass wir uns geirrt haben. Zweitens: Wir sollen, wollen und können nicht weitermachen wie bisher. Fehlentwicklungen müssen neu gedacht werden, alles andere wäre fatal. Drittens: Durch die Pandemie werden wir mit der Endlichkeit konfrontiert. Über die eigene Endlichkeit, über die Endlichkeit der Menschheit nachdenken wird als wichtige Herausforderung definiert. Dazu gehört auch: Denken wir nach über das Gute. Niklaus Peter und Roger de Weck

Der Baum

Der Baum mit seinen Wurzeln und der Baumkrone wird als Metapher für das Leben per se, bzw. die Vergangenheit und die Zukunft verwendet. Insbesondere die Voten aus dem Bereich «Kirche» weisen auf den Baum hin, der seine Kraft aus den Wurzeln schöpft. Die Wurzeln sind Sinnbild für die Vergangenheit, für unsere Geschichte. Es ist wichtig, dass wir die Wurzeln, die Geschichte kennen. Urban Federer. Auch werden die Wurzelstränge mit vier fundamentalen christlichen Werten verglichen: Demut, Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Bescheidenheit. Mit diesen seinen Wurzeln hält der Baum den Stürmen stand. Franziska Driessen-Reding

Zentral ist die Aufforderung, dass wir auf die Baumkrone hin, auf die Zukunft hin schauen. Christliche Werte, zu denen auch die Hoffnung gehört, dürfen nicht auf die Vergangenheit hin verklärt bleiben, sondern müssen in die Zukunft weisen.

«Baumkrone» heisst auf Lateinisch «Corona». Nähren wir mit den Wurzeln «die Corona» für unsere Kinder, denn diese haben ein Recht auf Hoffnung und auf Zukunft. Urban Federer

Das Leben mit Corona

Der bunte Strauss der 13 Referenten erzählt über das Leben mit Corona in all seinen Facetten. Sitzungen verlaufen schneller, kürzer, strukturierter. Grabenkämpfe finden weniger statt, unnötige Reisen werden nicht getätigt. Gleichzeitig sind Familien unterwegs in den Wäldern, sie hören der Stille des Waldes zu und entschleunigen ihr Leben. Felix Gutzwiller

Hervorgehoben werden der grossartige Einsatz von medizinischem Personal sowie die Solidarität. Gleichzeitig werden Nöte im Pflegeberuf offengelegt. Der Beruf wird nicht mehr als attraktiv betrachtet, weil die Anreize falsch gesetzt sind. Gleichzeitig ist die Schweiz ausserordentlich solidarisch mit den Seniorinnen und Senioren. Brida von Castelberg

Redakteure arbeiten im Homeoffice, während die Zeitungen trotz Krise regelmässig publiziert werden. In der Corona-Krise erleben die Medien einen enormen Publikumszuwachs. «Social Distancing» ist aber der «Feind unseres Berufs». Ohne die Nähe zu anderen Menschen fehlt der erfrischende Ansatz in der Erzählkunst, Gedankensprünge und Assoziationen kommen abhanden. Luzi Bernet

Die Behörden haben schnell reagiert auf die Krise, Gewerbetreibenden wird rasch und unbürokratisch geholfen. In der Nationalen Science Task Force, die den Bundesrat berät, arbeiten Personen zusammen, die sich vorher nicht kannten. Insgesamt wird auch in der Schule viel geleistet, wobei Kinder aus weniger privilegierten Geschichten in Zukunft  besondere Aufmerksamkeit benötigen werden. Neue Bilder über Lehrerinnen und Lehrer entstehen, insgesamt lernen wir viel Positives. Monika Bütler

Die Versammlungsfreiheit wird verboten, Abstimmungen verschoben, das Parlament zieht sich zurück. Einschränkungen der Freiheitsrechte finden statt, weshalb es sinnvoll ist, so rasch wie möglich in die Normalität zurückkehren. Laura Zimmermann

Der absolute Stillstand in der Kunst versetzt Betroffene in eine Schockstarre. Alles ist Stillstand. Gleichzeitig brechen neue Formate – beispielsweise Podcasts – in die digitale Welt herein. Dadurch entsteht die Fähigkeit, die Kunst in ein neues Medium zu übertragen. Ilona Schmiel

Bedeutung der Freiwilligenarbeit

In der Krisenzeit erlebt die Freiwilligenarbeit eine Renaissance, in einer nie da gewesenen Selbstverständlichkeit. Die Bedeutung der Freiwilligenarbeit hat eine neue Dimension erreicht. Schon immer hat das Milizsystem zur DNA der Schweiz gehört, denn sie fördert durch alle Zeiten hindurch den gesellschaftlichen Zusammenhang. Die Freiwilligenarbeit und das Milizsystem haben in den letzten Jahrzehnten stark gelitten, auch in der Politik und in der Zivilgesellschaft, auch bei den Jüngeren. Die Krise zeigt nun: Es braucht wenig, um sich wieder stärker einzubringen. Dazu sollte es keiner Krise bedürfen. Esther Girsberger

Hoffnung: Verantwortung übernehmen für eigenes Handeln

Die Lockerungen der COVID-Massnahmen stimmen uns zuerst einmal hoffnungsvoll. Hoffnung ist nicht gleichzusetzen mit Optimismus, denn Optimisten sind eigentlich naiv. Sie glauben, es werde ohnehin alles gut. Auch Pessimisten sind naiv in ihrem Fatalismus, denn Optimisten wie Pessimisten zählen nicht auf die Gestaltungsmacht des Menschen.

Hoffen hingegen heisst, nicht zu wissen, ob es gut kommt. Wer hofft, wählt die angemessene Haltung. Hoffende anerkennen die Möglichkeit, dass es so oder anders ausgehen kann. Hoffende wissen, dass mit der Hoffnung die Aufgabe einhergeht, unsere Sehnsucht nach dem Besseren zu leben. Hoffnung befreit von Passivität und verpflichtet, den eigenen Handlungsspielraum auszuschöpfen, bzw. Verantwortung zu übernehmen für das eigene Handeln. Der Lauf der Dinge ändert sich nicht automatisch zum Guten. Es bedarf der Hoffnung. Barbara Bleisch

Gedanken der Hoffnung und der Zukunft

«Prüft alles, das Gute behaltet.» Mit diesem Pauluswort sind wir dazu aufgefordert, zu prüfen, was wir jahrelang «gemacht» haben, was wir behalten wollen, und was wir verwerfen sollen.

Wir brauchen die menschliche Nähe, weil wir auf Kontakte angewiesen sind.

Wir brauchen ein massvolles Leben. Wir brauchen soziale Netzwerke.
Wir brauchen Orte, wo wir hingehen können, weil wir keine digitalen Wesen sind.

Die Religion kann helfen, über die eigene Verletzlichkeit, Fehlbarkeit, Endlichkeit nachzudenken. Niklaus Peter

Der hektischen Betriebsamkeit entgehen wir durch den Spaziergang, den «promenade», dem Bespiel Aristoteles oder Rimbauds des meditativen Schreitens folgend. Das Spazieren wird so zu einem Protest gegenüber der Beschleunigung und Geschwindigkeit der Zeit. Luzi Bernet

Wir brauchen mehr Gemeinschaft, mehr Spiritualität, mehr Rituale. Unnötige Termine sollen wir nicht mehr wahrnehmen, die eigenen Gedanken hingegen zu Papier bringen, zum Beispiel in Form eines Tagebuchs. Esther Girsberger

Wir sollen wieder mehr uns selber sein, mit uns selber auskommen. Wir brauchen eine neue Solidarität zwischen Alt und Jung, reich und arm, fröhlich und traurig. Dazu gehört auch ein gesundes Vertrauensverhältnis zwischen Politik und Wissenschaft. Im Menschen gibt es viel mehr zu bewundern als zu verachten (Camus, La Peste). Felix Gutzwiller

Corona ist eine Einladung dazu, weiter zu denken. Beispielweise über die drängende Klimafrage oder über eine gelebte Solidarität über die Krise hinaus.

Wir müssen an der Demokratie arbeiten, wie dies nach dem zweiten Weltkrieg geschehen ist: Rücksicht auf die Nachbarn nehmen innerhalb der Europäischen Union, Rücksicht nehmen auf die Schwächeren durch die soziale Marktwirtschaft. Roger de Weck

In Zeiten von Corona, in denen wir wissen, dass wir wenig wissen, erhält der «gesunde Menschenverstand» neue Bedeutung. Setzen wir jeder für sich eigene Massstäbe. Gemäss Immanuel Kant bedeutet die Aufklärung: Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Mündigkeit heisst, sich seines Verstandes zu bedienen, ohne Führung eines anderen. Esther Girsberger

Die politische Auseinandersetzung soll besser werden. Verzichten wir auf die üblichen Parteischablonen, den rauen Ton in der Debatte oder in Facebook Posts. Wesentlich ist, den Schwächsten in unserer Gesellschaft gegenüber Solidarität zeigen. So steht es bereits in der Bundesverfassung: Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen. Laura Zimmermann

Leben wir nach dem Vorbild des Komponisten Beethoven: seine allerbesten Werke entstanden in der Krise seiner Gehörlosigkeit, als er schon nichts mehr hörte. Die Vision: Alle Menschen werden Brüder. Gerade in diesen Pandemiezeiten, den Zeiten der geschlossenen Grenzen, sollen europäische und weltumfassende Perspektiven zurückkommen. Mit einer Ode an die Freude. Ilona Schmiel

Hoffnung bedeutet Arbeit. Auf dass Menschen ihre Zukunft selbst und miteinander gestalten. Dem Kranken Nachbarn helfen, solidarisch sein, rücksichtsvoll und achtsam miteinander umgehen. Demokratie ist eine innere Haltung. Den Baum muss man pflegen. Hoffnung, die uns eine Krise gibt, dürfen wir nicht verschwenden. Hoffnung ist systemrelevant. Ohne Hoffnung hat das Leben keinen Sinn. Moritz Leuenberger

Die Hoffnung wächst nicht am Baum. Der Baum wächst auf der Hoffnung. Monika Bütler

Herzlichen Dank an Monika Bütler, Volkswirtin, Roger de Weck, Publizist, Ilona Schmiel, Intendantin Tonhalle Zürich, Urban Federer, Abt des Klosters Einsiedeln, Niklaus Peter, Pfarrer am Fraumünster, Mitinitiant, Brida von Castelberg, Ärztin, Felix Gutzwiller, Präventivmediziner und ehemaliger Ständerat, Franziska Driessen-Reding, Präsidentin Synodalrat, Laura Zimmermann, Co-Präsidentin Operation Libero, Esther Girsberger, Unternehmerin und Co-Ombudsfrau SRG, Moritz Leuenberger, Barbara Bleisch, Philosophin, Luzi Bernet, Chefredaktor der NZZ am Sonntag, Enzo Enea, Landschaftsgärtner, Lorenz Schmid, Initiant Projekt Baum der Hoffnung.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren