Bangladesch: vom Elend zur Armut

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Bangladesch: vom Elend zur Armut

Von Bernard Imhasly, 07.06.2021

Bangladesch wird dieses Jahr fünfzig. Der jüngste Staat Südasiens ist wirtschaftlich um das Fünffache gewachsen – allerdings nicht im Gleichschritt mit einer Stärkung der Demokratie.

Letzte Woche berichtete die Agentur Bloomberg, Bangladesch habe Indien bei einer wichtigen Kennzahl überholt: Das Pro-Kopf-Einkommen liegt mit 2227 US-Dollar nun höher als jenes des grossen Nachbarn. Auch wenn es noch immer erschreckend tief liegt, macht sich das Land damit ein Geburtstagsgeschenk, denn Ende Jahr wird es fünfzigjährig.

 

Indien war 1971 die Hebamme dieser im indo-pakistanischen Krieg erfolgten Zangengeburt gewesen. Während Jahrzehnten war die Migration von Bangalen nach Indien ein Indikator dafür, wie viel schlechter es dem neuen Staat ging. Wie ein Schandfleck blieb lange Zeit die böse Bezeichnung Henry Kissingers an ihm haften, ein internationaler Basket Case (ein hoffnungsloser Fall) zu sein. 

Häufige Regierungswechsel, Armee-Putsche und eine vergiftete Parteipolitik schienen dies zu bestätigen. Die Deltalandschaft trug mit ihren Stürmen und Überschwemmungen zum Schreckensbild eines vielgeplagten Entwicklungslands bei, in welchem das Wachstum der Bevölkerung jenem der Wirtschaft davonlief. 

Agiler als Nachbar Indien

Doch bereits in den Neunzigerjahren begann des Land auf sozialem Gebiet zu punkten, noch bevor sich die wirtschaftlichen Indikatoren verbessert hatten (entgegen der landläufigen Meinung, wonach sozialpolitische Errungenschaften wie Gesundheit, Bildung und Zivilrechte erst nach Erreichen wirtschaftlicher Minimalstandards zu erwarten sind). Noch vor Indien erreichte das Land eine vollständige Einschulung auch der Mädchen, und es überholte den Nachbarn auch bei der durchschnittlichen Lebenserwartung und bei der Gleichstellung der Frauen.

Als sich China mit der steigenden Wertschöpfung seiner Industrie von Billigtextilien verabschiedete, war es Bangladesch, nicht Indien, das diesen klassischen Sektor arbeitsintensiver Produktion erbte. Allein in den letzten zehn Jahren hat sich dessen Umsatz auf 33 Mia. US-Dollar verdreifacht. Heute hat Bangladesch sogar Vietnam überholt und ist nach China und der EU weltweit der drittgrösste Exporteur von Kleiderwaren.

Diese rasche Entwicklung erfolgte nicht ohne Druck von aussen. Das miserable Arbeitsumfeld und der fehlende physische und soziale Schutz führten zu mehreren Brandkatastrophen in Textilfabriken. Sie machten Sweatshops namens Rana Plaza zu Symbolen der unerbittlichen Tiefkostenschraube, die von internationalen Firmen (und indirekt von westlichen Konsumenten) immer mehr angezogen wurde. 

Reaktion auf Missstände in der Textilindustrie

Als Reaktion auf die Missstände resultierten verbesserte Arbeitsbedingungen, die auch zu einer Konsolidierung der Industrie führten. Tausende von Kleinbetrieben gingen in modernen Unternehmen auf. Diese verarbeiten heute (auch auf Druck von Grosskunden wie H&M, GAP etc.) umweltgerechte Materialien und setzen dabei auch nachhaltige Farb- und Reinigungsstoffe ein. Nicht weniger als 1500 Unternehmen sollen heute zertifizierte Bio-Fasern einsetzen.

Im Gegensatz zu Indien, in dem bereits eine De-Industrialisierung eingesetzt hat, noch bevor die Wirtschaft den Rückgang landwirtschaftlicher Arbeitsplätze aufgefangen hat, wächst Bangladeschs Industriesektor weiter. Er trägt beinahe 30 Prozent zur Gesamtleistung bei – ein kritischer Faktor in einer Bevölkerung von 180 Millionen. Allerdings ist dieser Sektor abhängig von der Monokultur der Textilherstellung und -ausfuhr und damit anfällig für externe Krisen.

Machtmonopol der Awami-Liga

Der wirtschaftliche Erfolg wurde zudem mit einem hohen politischen Preis erkauft. Er führte nicht zu einer Intensivierung demokratischer Prozesse und einer starken Zivilgesellschaft. Im Gegenteil, die seit fünfzig Jahren dominante Partei der Awami-Liga nutzt ihre Stärke zu einer immer härteren Machtkonzentration. 

Die langjährige Premierministerin Sheikh Hasina – Tochter des Staatsgründers Mujibur Rahman – hat die parlamentarische Opposition systematisch dezimiert. Sie tat dies unter anderem im Namen des Kampfs gegen den Islamismus und konnte sich damit das Wegschauen, wenn nicht die Sympathien der westlichen Geberländer sichern. 

Wie andere autoritäre Regime verfährt sie ähnlich mit den Bürgerrechten, diesmal im Namen des Kampfs gegen den Terror. Die freie Meinungsäusserung wird durch willkürliche Verhaftungen von Journalisten und Politikern eingeschränkt; und ein drakonischer Digital Security Act erlaubt Inhaftierungen ohne Rechtsbeistand und gerichtliche Überwachung. Achtzig Prozent der Insassen bangalischer Gefängnisse sind laut Human Rights Watch Untersuchungshäftlinge ohne formelle Anklage.

Populistisch aufgeblähte Egos

Früher war es das demokratische Indien gewesen, das von seinen Nachbarn demokratische Menschenrecht-Standards einfordern konnte. Seit den letzten sieben Jahren ist jedoch auch die „grösste Demokratie der Welt“ zunehmend der autokratischen Versuchung erlegen. So ist leicht nachzuvollziehen, dass sich die beiden Machthaber Modi und Hasina persönlich recht gut verstehen.

Allerdings hat diese persönliche Chemie, wie oft bei den aufgeblähten Egos populistischer Politiker, eine rasche Verfallszeit. Vom Umarmen und Schulterklopfen ist der Weg nicht weit, sich gegenseitig in die Haare zu geraten. Dies gilt gerade für den indischen Premierminister, dessen Politik einen nationalreligiösen und damit potentiell ausländerfeindlichen Kern hat. 

Bei seiner ersten Amtsvereidigung 2014 hatte Narendra Modi noch in einer erstmaligen Geste alle Präsidenten der Nachbarländer nach Delhi eingeladen. Er sprach sogar von einer Neighborhood First Policy. Davon ist sieben Jahre später nicht mehr viel übriggeblieben. Im Gegenteil, eine nachbarschaftliche Aussenpolitik wird zunehmend innenpolitischen Erwägungen und kurzfristigen ökonomischen Vorteilen geopfert. 

Indiens Geringschätzung für den Nachbarn

Auch Dhaka bekommt dies zu spüren. Vor einem Jahr führte die Regierung in Delhi ein neues Bürgerrechtsgesetz ein mit einer kaum verhüllten Spitze gegen die islamischen Nachbarn Pakistan und Bangladesch. Muslimische Migranten aus diesen Ländern würden langfristig Indiens demografisches Gleichgewicht bedrohen, so die Furcht. Zudem seien muslimische Einwohner nach Bangladesch, Afghanistan und Pakistan abzuschieben, wenn sie keinen indischen Geburtsschein beibringen können. In einer Wahlkampfrede sprach Innenminister Amit Shah von „Termiten“.

Die Geringschätzung der kleinen Nachbarn zeigt sich auch in der Covid-Krise. Ähnlich wie Sri Lanka und Nepal hatte auch Bangladesch beim (privaten) Serum Institute of India dreissig Millionen Astra Zeneca-Impfdosen bestellt. Weil die Modi-Regierung eine eigene Bestellung versäumt hatte, blockierte sie abrupt alle Exporte. Der bangalische Aussenminister musste seinen Amtskollegen anflehen, zumindest einen Teil der Dosen in Geschenke umzuwandeln, um der Exportsperre zu entgehen.

Von China umgarnt

Es kam, wie es kommen musste. China sprang in die Lücke und offerierte Dhaka 600’000 Sinopharm-Dosen, zweifellos in der Absicht, diesem Geschenk kommerzielle Lieferungen folgen zu lassen. Vor einem Monat erlaubte sich Beijing eine besonders dreiste Povokation. Es lud die Aussenminister Südasiens zu einer Konferenz nach China ein, um über die Zusammenarbeit und die Verteilung von Covid-Impfstoff zu diskutieren. Auch Indien sei natürlich eingeladen worden, sagte der aussenpolitische Sprecher in Beijing maliziös; es sei aber verhindert gewesen. 

Bangladesch ist eines der südasiatischen Länder, die im Rahmen der Belt&Road Initiative (Neue Seidenstrasse) Kredite von rund 100 Mia. US-Dollar erhalten haben. Ähnlich wie seine Nachbarn fühlt sich auch Dhaka nicht wohl bei dieser Umarmung des selbsternannten Wolf Warriors und den politischen (und langfristig auch der ökonomischen) Kosten, die dabei anfallen. Erst letzte Woche drohte der chinesische Botschafter in Dhaka der Regierung offen Repressalien an, sollte Bangladesch es wagen, dem losen Quad-Zusammenschluss der USA, Australiens, Japans und Indiens beizutreten.

Aussenminister Abul Kalam Momen verwahrte sich gegen diese Einmischung Chinas in die Souveränität seines Landes. Delhi hätte mit seinem regionalen Gewicht die Chance, aus solchen ruppigen Affronts diplomatischen Gewinn zu schlagen und regionale Ressentiments gegen China zu nutzen. Aber die Südasien-Konföderation SAARC ist ohne die Leadership Delhis inzwischen zu einem Trümmerhaufen verkommen. Indien hat seine kulturelle Soft Power weitgehend auf dem Altar des Hindu-Nationalismus geopfert. Auf dieses Spannungsverhältnis angesprochen, meinte Aussenminister Momen kürzlich gegenüber Journalisten: „Indien mag unser Bruder sein. Aber China ist unser Banker.“

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Ja, gleich wie China. Wirtschaftliches Wachstum ohne Demokratie.

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