Auswandern oder arm bleiben?

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Auswandern oder arm bleiben?

Von Daniel Funk, 10.07.2016

Wie geht es Griechenland heute? Eine Momentaufnahme.

Seit vorgestern bin ich im Dorf auf unserer Insel. Die Taverne war praktisch leer. Etwa drei Tische waren zum Abendessen besetzt.

Der Wirt kam zu mir und fragte, wie er es bewerkstelligen könnte, in die Schweiz auszuwandern.

Griechenland im Sommer 2016. Einzig die Schifffahrt und der Tourismus funktionieren. Die Inseln, die sich stark auf den ausländischen Feriengast fokussieren, sind voll und brummen. Da sich dort die Tourismusbranche immer an die internationalen Entwicklungen anpassen musste, ist sie konkurrenzfähig und profitiert vom Ausfall der Türkei, Tunesiens und Ägyptens.

Weniger gut sieht es an Orten aus, die sich auf den griechischen Binnentourismus konzentrieren. Wie zum Beispiel unsere Insel. Lange Zeit war dieses Modell lukrativ. Das Geld sass locker und man musste sich nicht allzu sehr den Bedürfnissen der Ausländer gegenüber anpassen.

Gemäss Prognosen der griechischen Zentralbank wird die Wirtschaftsleistung dieses Jahr wiederum um 0,3% schrumpfen. Die Mittelklasse bricht ein; Armut macht sich breit.

Szenenwechsel: Während man bei den Gottesdiensten der griechischen Gemeinde in Bern früher bequem in der Kapelle Platz fand, muss man heute oft mit einem Stehplatz vorlieb nehmen. Ungefähr 200’000 Griechinnen und Griechen sind in den letzten Jahren ausgewandert.

Ausgerüstet oft nur mit einer Schwarzweissfotografie der oder des Liebsten, sind schon in den 50er und 60er Jahren wellenweise Griechinnen und Griechen ausgewandert: Amerika, Australien, Deutschland. Damals waren es Arbeiter, heute sind es Universitätsabsolventen und Fachspezialisten. Oft kommen sie schon mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche und mit der vagen Hoffnung, einmal heimzukehren – eine Hoffnung, die sich oft nicht materialisieren dürfte.

Fakt ist, dass eine durchschnittliche Familie ungefähr einen Drittel des Realeinkommens verloren hat. Fakt ist ebenfalls, dass die jüngsten Steuererhöhungen die Sache nicht besser machen. Die Konsequenz war vorauszusehen. Es werden weniger Quittungen ausgestellt und die Steuern öfter hinterzogen. Bei einer Mehrwertsteuer von nun 23% merkt man das in der Tasche.

„Aux calendes grècques“

Gemäss der jetzt gültigen Finanzierungsvereinbarung hätte Griechenland im Jahr 2015 einen kleinen Primärüberschuss (Überschuss von Zinsen und Amortisationen) erwirtschaften müssen. Dieses Ziel hat das Land gemäss vorläufigen Angaben auch mehr oder weniger geschafft. Von 2018 bis 2027 müsste das Land 3,5% der Wirtschaftsleistung an Primärüberschuss erwirtschaften. Das lässt erwarten, dass die Binnennachfrage der ständigen Sparmassnahmen wegen wieder sinken wird und das Land wohl auch in den kommenden Jahren nicht wachsen wird.

Strukturreformen werden zwar gefordert, aber tut Athen nichts, hat es keine Konsequenzen zu tragen: Privatisierungen, Bekämpfung der Bürokratie und der Korruption – Fehlanzeige. Brüssel täte besser daran, sich auf diese Themen zu konzentrieren, anstatt auf die strikte Einhaltung der Sparprogramme. Dann käme das Land eher wieder auf die Beine.

So sieht es nach Durchwursteln aus, nach einer verlorenen Generation. Die griechische Gemeinde Berns wird wohl weiteren Zulauf erhalten, die Regierung wird versuchen, die Sparauflagen zu unterlaufen und die Strukturreformen auf den St. Nimmerleinstag zu verschieben. Auf französisch: „aux calendes grècques.“ Zuversicht sieht anders aus.

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