Ausgehungertes Land

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Ausgehungertes Land

Von Arnold Hottinger, 03.12.2017

Nach dem Abschuss zweier Huthi-Raketen auf Saudi-Arabien hat Riad die Grenzen für die Einfuhr von Hilfsgütern total abgeriegelt. Haupttragende ist die Zivilbevölkerung

Anfang November hatten die jemenitischen Huthis eine Langstreckenrakete Richtung der saudischen Hauptstadt Riad abgefeuert. Zuvor schon hatte Saudi-Arabien fast keine Hilfsgüter ins Land gelassen und die jemenitischen Häfen und Flugplätze teilweise abgeriegelt. Jetzt, nach dem Raketenbeschuss wurde das Embargo als „absolut“ erklärt.

Die Rakete war bis in die Nähe der saudischen Hauptstadt geflogen, wo sie abgeschossen wurde. Grosser Schaden wurde keiner angerichtet. Doch der Umstand, dass die Huthis in der Lage waren, die Hauptstadt des Königreichs zu erreichen, war für sie ein Prestigeerfolg und kam einer Bedrohung des Königreiches gleich. In der Zwischenzeit haben die Saudis den Abschuss einer weiteren Huthi-Rakete gemeldet. Diese ist nahe der jemenitischen Grenze bei Khams Mashit niedergegangen.

Iran mit im Spiel?

Die saudischen Militärs und Diplomaten zeigen sich überzeugt, dass die Raketen iranischer Herkunft sind und mit iranischer Hilfe eingesetzt wurden. Iran dementiert. Inzwischen wurden der Uno Teile der Rakete, die auf die Hauptstadt abgeschlossen wurde, präsentiert. Ein Untersuchungsbericht liegt noch nicht vor.

Durchgesickerte Angaben besagen jedoch, dass es sich in der Tat um eine iranische Rakete gehandelt habe. Die Verschärfung des Embargos durch die saudische Koalition wurde damit begründet, dass nun der Waffenschmuggel aus Iran nach Jemen endgültig und restlos unterbunden werden müsse.

Unbezahlbare Lebensmittel

Doch Jemen ist ein Land, das sogar in Friedenszeiten den grössten Teil seiner Nahrungsmittel importiert. Weizen für Brot ist der weitaus wichtigste dieser Importartikel. Vor dem jetzigen Totalembargo bestand ein Teilembargo. Schon damals waren Nahrungsmittel knapp. Die Folge war ein stetiger Preisanstieg. Ein beachtlicher Teil der Bevölkerung war nicht mehr in der Lage, sich genügend zu ernähren.

Betroffen waren in erster Linie die vielen am Rande der Armut lebenden Landarbeiter und Gelegenheitsarbeiter. Sie mussten, wenn sie denn Arbeit hatten, mit 500 jemenitischen Rials (2 Dollar) sich und ihre Familie durchbringen. Nach dem Totalembargo stieg der Preis von einem Kilo Mehl auf 200 Rial, fast die Hälfte eines Tagelohns. Zu den Mindestlohn-Verdienern kamen in diesem Jahr die Staatsangestellten hinzu. Sie erhielten einen grossen Teil ihrer Saläre nicht mehr, weil dem Huthi-Staat das Geld ausgegangen war.

Noch mehr Hunger

Die Verteuerung der Lebensmittel hatte zur Folge, dass bald die Hälfte der Jemeniten nicht mehr weiss, woher ihre nächste Mahlzeit herkommen sollte. Etwa sieben Millionen der 27,5 Millionen Jemeniten hungern und drohen zu verhungern, wenn die Hilfswerke sie nicht erreichen. Der Untersekretär für Humanitäre Angelegenheiten der Uno erklärte, in Jemen stehe eine Hungersnot bevor, grösser als irgendeine in den letzten Jahrzehnten. Ihr könnten Millionen zum Opfern fallen.

Unicef schätzt, dass jeden Monat zusätzlich 20’000 Kinder unter fünf Jahren unterernährt sind.  Also pro Stunde 27 mehr. Die Folge von Unterernährung bei Kleinkindern sind Wachstumsstörungen und bleibende Gesundheitsschäden. Den unterernährten Müttern fehlt die Muttermilch. Die Lebensmittel, die noch vorhanden sind, sind derart teuer, dass sie für immer mehr Jemeniten unerschwinglich sind.

Stop auch für Medikamente

Betroffen vom Totalembargo sind nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch Medikamente. Diese haben die Hilfsorganisationen unter anderem zur Bekämpfung der Cholera-Epidemie importieren wollen. Es brauchte 20 Tage, bis die Saudis und ihre Verbündeten sich unter dem Druck der Uno und der Hilfsorganisationen bequemten, die Hilfe ins Land einzulassen. Auch die Briten und die USA übten Druck aus. (Die Bomben, die die Saudis in Jemen einsetzen, werden von den Amerikanern geliefert.) Für kurze Zeit waren die Häfen für Hilfslieferungen geöffnet worden. Flugzeuge mit den dringend benötigten Medikamenten durften in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa landen. Doch das ist jetzt, nach dem Raketenbeschuss, wieder vorbei.

Unentbehrlicher Treibstoff

Inzwischen waren nicht nur die Lebensmittel, sondern auch Diesel und Petroleum knapp geworden. Auch für diese Importe entstand ein Schwarzmarkt mit stark überhöhten Preisen. Treibstoff wird von Oman durch die Wüste in kleinen Mengen eingeführt. Neben den hohen Transportkosten müssen dabei Gebühren und Bestechungsgelder an den verschiedenen militärischen Sperren bezahlt werden. Transport- und Bestechungsgebühren sind auch notwendig für alle Waren der Hilfswerke, die in Aden ankommen und von dort in die am dichtesten besiedelten Teile des Landes transportiert werden müssen, die von den Huthis beherrscht werden.

Benzin ist deshalb für alle Transporte unentbehrlich, weil es in dem Land keine Eisenbahnen gibt. Diesel ist noch wichtiger, weil damit die Pumpen betrieben werden die Wasser aus dem Untergrund pumpen. In Sanaa, einer Millionenstadt, können die Brunnenschächte bis zu 90 Meter tief sein.

Dieselöl gegen Cholera

Die Cholera war in Sanaa im vergangenen April ausgebrochen. Wegen Treibstoffmangels konnten die Pumpen nicht betrieben werden. So ging nicht nur das Trinkwasser aus: auch die Abwasserentsorgung funktionierte nicht mehr. Später hatte sich die Epidemie über das ganze Land hin ausgebreitet. Zweitausend Menschen starben, 900’000 Jemeniten waren betroffen. Im November klang die Epidemie etwas ab.

Doch nun begann in mehreren Städten gleichzeitig der Diesel auszugehen. Die Stadtverwaltungen in Sanaa, Hodeida und Taez, der drittgrössten Stadt des Landes, mussten die Trinkwasserversorgung einstellen. Vorräte an Diesel gab es keine mehr. Die horrenden Schwarzmarktpreise konnten nicht bezahlt werden. In Hodeida hatte sich der Preis von Petroleum verdoppelt. Er war für 20 Liter von 12 Dollar (3’000 Jemeni Rial) auf 24 gestiegen. Deshalb wurde ein Wiederaufleben der Cholera befürchtet.

Das IKRK, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, tat den ungewöhnlichen Schritt und kaufte für die drei Städte Brennstoff. So konnte Wasser abgekocht werden. Doch die Vertreter des Roten Kreuzes betonten, dass dies eine einmalige Notlösung sei. Es gehört eigentlich nicht zu den Aufgaben des IKRK, auf diese Art Stadtverwaltungen unter die Arme zu greifen. Die Ausnahmeaktion geschah dennoch, um einem zweiten Ausbruch der Cholera zuvorzukommen. Der Preis für Propangas, das überall zum Kochen verwendet wird, verdoppelte sich ebenfalls von 11 auf 22 Dollar die Flasche.

Stillgelegte Ölförderung

Alle Hilfswerke unterstreichen, dass die Zulassung ihrer Güter nicht ausreicht, um das ganze Land zu ernähren. Kommerzielle Lieferungen, vor allem von Weizen, sind unerlässlich für die rund 20 Millionen von Jemeniten, die – vorläufig noch – in der Lage sind, sich selbst zu ernähren, falls die Preise wieder auf ein normales Niveau sinken.

Für den Treibstoff gilt: Jemen hat eigene Erdölvorkommen in bescheidenem Masse. Vor dem Bürgerkrieg wurde Rohöl exportiert. Raffinierte Produkte für den Eigenverbrauch mussten importiert werden. Die Raffinerie von Aden genügte nicht für das ganze Land. Heute steht die Ölförderung wegen des Krieges völlig still.

Festgefahrene Fronten

Die Kriegslage im Land hat sich nicht entscheidend verändert. Die Bombardierungen durch die saudische Koalition wurden einmal mehr verschärft, um auf die Raketen der Huthis zu reagieren. Die Offensiven der Anhänger von Präsident al-Hadis, die von den Saudis und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) unterstützt werden, kommen nicht voran: weder an den Fronten östlich von Sanaa, noch im Süden entlang der Küste Richtung Hodeida, noch im Landesinneren bei Taez, das von den Huthis belagert wird.

In Taez verteidigen sich die Bürger der Stadt mit Unterstützung der lokalen Branche der Muslimbrüder. Den Truppen der saudischen Koalition, die unter Führung der VAE-Soldaten und Söldnern stehen, gelang es nicht, den Belagerungsring der Huthis zu sprengen. Die VAE-Soldaten blieben ausserhalb der Stadt im Süden blockiert – oder absichtlich stehen. Eine Absicht kann vermutet werden, weil die Vereinigten Arabischen Emirate besonders bittere Feinde der Muslimbrüder sind, die das Zentrum von Taez verteidigen. Ohne einzugreifen können die VAE-Verbände zuschauen, wie sich zwei ihrer Hauptfeinde, die Huthis und die Muslimbrüder gegenseitig bekämpfen.

al-Hadis Feinde

Diese Feindschaft wirkt sich auch in Aden aus. Die südliche Hafenstadt ist die vorläufige Hauptstadt der international anerkannten Regierung des von den Huthis aus Sanaa vertriebenen Präsidenten Abd Rabbo Mansour al-Hadi. Eine von den VAE gebildete Truppe bilden einen „Sicherheitsgürtel“ um die Stadt. Er sorgt für ein wenig Sicherheit in Aden.

Präsident al-Hadi allerdings hält sich in Riad auf. Zu seinen Feinden gehören nicht nur die Huthis, sondern auch viele Südjemenitien, die ein unabhängiges Südjemen anstreben. Sie machen wahrscheinlich die Mehrheit im südlichen Landesteil aus.

Streit unter Verbündeten

Ebenso, wenn nicht noch mehr gespalten, sind die politischen und militärischen Kräfte in Sanaa. Dort verläuft die Trennungslinie – mit zunehmender Deutlichkeit – zwischen den Huthis und den Politikern und Militärs, die zum ehemaligen langjährigen, aber seit 2011 abgesetzten Staatschef, Ali Abdullah Saleh, halten. Beide Gruppen sind zwar Verbündete gegen al-Hadi und die für ihn eintretenden Saudis. Doch immer mehr zerstreiten sie sich. Im vergangenen August gingen sie zum ersten Mal mit Waffen aufeinander los. Zwar wurde der Konflikt dann beigelegt, doch jetzt flammt er wieder auf – schärfer denn je.

Am 29. November stiessen die beiden Parteien in der grössten Moschee von Sanaa zusammen. Dies ist eine Prachtmoschee, die der Ex-Präsident Saleh zu seinem eigenen Ruhm in der Hauptstadt errichten liess. Sie stand und steht weiterhin unter der Obhut seiner Bewaffneten. Der Zusammenstoss entzündete sich, als eine Gruppe Huthis mit Waffengewalt in die Mosche eindringen wollte. Die Huthis erklärten, sie wollten von der Moschee aus für Sicherheit auf dem Platz vor der Moschee sorgen. Dort sollte ein Volksfest zur Feier des Geburtstages des Propheten stattfinden. Doch die Huthis stiessen auf Widerstand der bewaffneten Wächter der Saleh-Moschee. Offenbar gab es auf beiden Seiten Tote.

Die Kämpfe wurden nachher ausserhalb der Moschee weitergeführt und klangen dann ab. Das Volksfest mit angeblich Zehntausenden von Huthi-Anhängern fand dann am nächsten Tag auf dem Platz vor der Saleh-Moschee statt. Es stand unter Bewachung der Huthi-Miliz.

Keine Versöhnung

Doch gleichzeitig versuchten die Huthis, nach Angaben ihrer Gegenspieler, in das befestigte Anwesen eines Neffens des früheren Staatschefs Tareq Saleh einzudringen. Dabei wurden vier der Wächter getötet. Die Huthis wurden zurückgeschlagen. Die Gefechte setzten sich die ganze Nacht zum 30. November fort. Auf beiden Seiten gab es weitere Todesopfer.

Dann fand ein Versöhnungsversuch statt. Er brachte eine Beruhigung, doch schon nach wenigen Stunden brachen neue Kämpfe im Hadda-Quartier von Sanaa aus. Dieser Stadtteil befindet sich in den Händen der Saleh-Anhänger. Es soll mindestens 16 weitere Tote gegeben haben.

Ein Friedensangebot

Am Samstag erklärte der ehemalige Präsident Ali Abdullah Saleh am Fernsehen, er sei bereit, mit den Saudis Frieden zu schliessen. Voraussetzung sei allerdings, dass die saudischen Bombenangriffe aufhörten und dass das Totalembargo aufgehoben würde. Das jemenitische Parlament in Sanaa solle dann über die Zukunft des Landes beraten und diskutieren, wer Jemen künftig regieren soll.

Die Huthis reagierten mit Kritik an ihrem bisherigen Verbündeten. Über ihren Fernsehsender nannten sie Salehs Vorschlag „einen Coup gegen unser Bündnis, der den Betrug jener entlarvt, die behaupten, sie stünden mit uns gegen die Angreifer“. Ob die Saudis auf den Friedensvorschlag des Ex-Präsidenten eingehen werden, bleibt abzuwarten. Es wäre für sie eine Gelegenheit, den sie belastenden Krieg zu beenden. Doch ihren Mann, der in Riad im Quasi-Exil lebenden Präsidenten al-Hadi, dürfte ein solcher Frieden nicht an die Macht zurückbringen.

Wer gewinnt den Frieden?

Beide Seiten, die Saleh-Anhänger und die Huthis, wissen, dass sie Gefahr laufen, den Krieg gegen Saudi-Arabien und al-Hadi zu verlieren, wenn sie sich endgültig miteinander zerstreiten. Man kann deshalb erwarten, dass die Spaltung zwischen den Saleh-Leuten und den Huthis wieder überkleistert wird. Doch der zweite Ausbruch von Feindseligkeiten ist deutlich schärfer und tödlicher verlaufen als der erste im vergangenen Sommer. Die verbalen Attacken der beiden Gruppen gegeneinander bleiben scharf.

Der Streit dreht sich letzten Endes darum, wer den Frieden gewinnt, falls ein solcher zustande kommt, die Huthis oder die Anhänger des Ex-Präsidenten.

Auflösungserscheinungen

Die offensichtlich zunehmende Zahl der Risse und Spaltungen auf beiden Seiten des Bürgerkrieges kann man damit in Verbindung bringen, dass immer weniger vom jemenitischen Staat übrigbleibt. Die Auflösung, die mit der Spaltung der Armee schon 2011 begann, hat immer weiter um sich gegriffen und bewirkt nun, dass Mächte von aussen auf beide Seiten einwirken: Iran einerseits, Saudi-Arabien und die VAE auf der Gegenseite. Gleichzeitig verfolgen im Innern einzelne Gruppen rücksichtslos ihre Eigeninteressen:

  • Die ursprünglich aus dem Norden stammenden Huthis 
  • Ex-Präsident Saleh mit seinen ihm zuneigenden Heeresgruppen
  • im Süden die südlichen Separatisten in ihren mannigfaltigen Variationen 
  • „Islah“, die Muslimbruderschaft, als Verbündeter al-Hadis. Sie sind jedoch Gegner der VAE
  • die aus dem Untergrund und der Wüste wirkenden radikalen Islamisten der beiden feindlichen Gruppierungen, al-Kaida und IS, die ihrerseits von den Amerikanern mit Drohnen bekämpft werden, die neben den Radikal-Islamisten auch immer wieder unschuldige Zivilisten treffen.

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