Aufklärung in Gefahr

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Aufklärung in Gefahr

Von Urs Meier, 11.08.2018

Die Sprache braucht ein Ethos, nicht täuschen, sondern klären zu wollen. Für diese Moral muss jemand einstehen.

Wie schwierig das doch ist mit der sprachlichen Versicherung der eigenen Wahrhaftigkeit! Die Aussage „Ich bin aufrichtig“ führt nämlich den Sprecher und den Adressaten aufs Glatteis. Denn wer seine Aufrichtigkeit beteuert, hat offenbar Gründe, beim Gegenüber Zweifel zu vermuten – was bei diesem erst recht ein mulmiges Gefühl wecken kann. Der Versuch, Aufrichtigkeit sicher und überprüfbar mit Worten festzumachen, scheitert an der prinzipiellen Ambivalenz von Kommunikation: Worte können lügen, für echt Ausgegebenes kann falsch sein. Beteuerungen subjektiver Wahrhaftigkeit bleiben stets innerhalb des Systems Sprache. Sie stehen auf unsicherem Grund.

Die Hochschätzung des Ideals persönlicher Integrität und Wahrhaftigkeit ist ein Erbe der Aufklärung. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts reifte die Vorstellung der Bürgergesellschaft als einer Sozietät mündiger Persönlichkeiten heran. Auf der Basis einer gemeinschaftlichen Moral und in bewusster Frontstellung zu Klerus und Aristokratie wollten Bürgerinnen und Bürger sans phrase einander die Gewissheit eines aufrichtigen Umgangs geben und so einen Raum der Freiheit, Gleichheit und Verantwortlichkeit schaffen.

Aufklärung beruhte zum einen auf unbegrenzter Wissbegier. Zum anderen setzte der geistige Aufbruch eine vertrauensvolle, auf Wahrhaftigkeit gegründete Verbundenheit voraus. Diese Gemeinschaft war getragen vom Ethos, nicht täuschen, sondern klären zu wollen. Ohne eine derartige Moral gibt es keinen emanzipierten menschlichen Umgang, keinen wissenschaftlichen Fortschritt und kein demokratisches Staatswesen.

Als Gegenstück zu ihrer revolutionären Vorstellung von Mensch und Gesellschaft hatten die Aufklärer den Typus des Höflings vor Augen. Er galt ihnen als Inbegriff des verbogenen Menschen: liebedienerisch, berechnend, intrigant, grausam – und alles im Gewand vorgetäuschter Loyalität und Ehrlichkeit. Die Sprache lässt solches mit sich machen; sie kennt keine innere Absicherung gegen ihren Missbrauch. Das Ethos der Wahrhaftigkeit ist nicht Bestandteil der Sprache. Es muss ihr von der Sprachgemeinschaft der Aufgeklärten in gemeinsamer Anstrengung hinzugefügt werden. Das ist auch der Grund, weshalb ein einzelner Sprecher die eigene Aufrichtigkeit nicht sprachlich beweisen kann.

Die Prinzipien der Aufklärung seien in Gefahr, heisst es heute. Angegriffen ist nicht so sehr das aufklärerische Wissenwollen, sondern vor allem das Wahrhaftigkeitsethos. Wer für die Errungenschaften und Ziele der Aufklärung eintreten will, sollte entschieden reagieren auf alle Versuche, Sprache und Ethos zu trennen.

Damals galt es, dem Ungeist der Höflinge Paroli zu bieten. Und heute? Hierzu haben Leserinnen und Leser der „Sprach-Akrobatik“ gewiss ihre eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse.

Kommentare

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Sehr gut getroffen! Die Genderbeauftragten an unseren Hochschulen kümmern sich um einen Teilbereich der politischen Korrektheit, einem von Gott weiss wer aufgegebenen Desiderat. Nochmals in Erinnerung gerufen sei Max Frischs Diktum: die Aufklärung ist weitherum gescheitert.

Hochinteressante Ausführungen, Herr Meier. Und herausfordernd, dazu etwas Gültiges zu sagen.
Ich bin der Ansicht, dass unsere Institutionen (inkl. Regelwerke wie Gesetze etc.) aufgrund von Treu und Glauben errichtet und verwaltet worden sind und werden, auch wenn jede/r PolitikerIn und Beamte/In unvermeidlicherweise Eigeninteressen verfolgt (z.B. Richter mit ihrem Ermessen). Ich würd das Hauptproblem nicht bei der Sprache bzw. deren "Benützern" (Regelausführenden) ansiedeln (selbst Wittgenstein verzweifelte am Schluss über seine Sprachphilosophie..). Ich glaube, dass es das Institutionenwerk in westlichen Ländern ist, das zunehmend an Glaubwürdigkeit verliert, und somit auch deren Ausführenden. Grund: Überstrukturierung/ Überregulierung - und damit Verwirrung; die Realität ist derart komplex und viel zu "festgeschrieben" geworden, dass Regelwerke immer weniger überzeugen/ greifen. Das ist ein grosses Problem an sich und hat mit Aufklärung nur teilweise zu tun. Man beklagt die "Individualisierung" und gewisse Länder schränken diesbezüglich die Zivilgesellschaft mit Staatsgewalt ein (Russland, Polen, Urgarn, Türkei, etc., von China ganz zu schweigen) - schlimme Vorboten, namentlich Leute mit nicht-genehmem Wahrhaftigkeitsethos zu eliminieren.
Mit ihrem Fazit: "Wer für die Errungenschaften und Ziele der Aufklärung eintreten will, sollte entschieden reagieren auf alle Versuche, Sprache und Ethos zu trennen." ..kann ich, ehrlich gesagt, nicht viel anfangen.

Ein Teil der beklagten Überregulierung kommt wohl aber dadurch zustande, dass eben nicht alle nach Treu und Glauben handeln und es deshalb herausfordern, jedes Detail gesetzlich zu regeln.

Bei der Schlussfrage: «Damals galt es, dem Ungeist der Höflinge Paroli zu bieten. Und heute?» musste ich schmunzeln, denn sind es nicht auch heute genau die gleichen verlogenen Höflinge und Stiefellecker, die es zu bekämpfen gälte, welche es Machtmenschen wie Trump, Putin, Erdogan und wie sie noch alle heissen, bis hin zu unseren eigenen selbsternannten Rettern der Schweiz wie Blocher und Konsorten, ermöglichen, ihre eigenen Landsleute mit Lug und Trug und nur zu ihrem eigenen Vorteil zu manipulieren?

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