Auf und davon

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Auf und davon

Von Max Winiger, 20.08.2017

Heute im Wirtschaftsteil der NZZ am Sonntag: zwei Berichte über den Boom in der Kreuzfahrtbranche, Konkurrenzkampf, goldene Zeiten. Über die unglaubliche Umweltverschmutzung dieser «Traumschiffe»? Zwei Wörter.

«Auf und davon» lautet der Titel zur Grafik über die Aktienkurs-Entwicklung einer börsenkotierten Kreuzfahrtlinie, deren Kurs innert Jahresfrist 50% zugelegt hat. Weltweit zählte der Branchenverband Cruise Line International Association (CLIA) im letzten Jahr fast 25 Mio. Kreuzfahrtpassagiere. Ein Plus von 62% in elf Jahren. Gemäss NZZ-Artikel ist das erst der Anfang. Denn jetzt kommen offenbar auch die Chinesen auf den Geschmack. Der Boom steht – so die Prognose des Autors – erst am Anfang. Investoren reiben sich die Hände.

60’000 vorzeitige Todesfälle jährlich

Wie schmutzig das Kreuzfahrtgeschäft noch immer ist, darüber verliert der Journalist keinen Satz. Dabei sterben laut einer EU-Kommission jährlich 60’000 Menschen vorzeitig an den Folgen von Schiffsemissionen. Nachzulesen auf der Website der deutschen Bundesregierung.

Auf Kreuzfahrtschiffen herrschen katastrophale Zustände. Die Redaktion des deutschen Magazins Stern hat Messungen durchgeführt während einer einwöchigen Nordseefahrt im Februar 2017 an Bord der «Aida Prima», dem neusten Schiff der Aida-Flotte: «Ein Highlight des Schiffes liegt direkt hinter den Schornsteinen, bei Fahrt also genau in der Rauchfahne: die Eislaufbahn. Es ist kurz nach 13.00 Uhr, viele Kinder haben Spass beim Schlittschuhlaufen. Ausgerechnet hier sind die Feinstaubwerte besonders hoch. Das Messgerät zeigt für unseren halbstündigen Aufenthalt einen Durchschnittswert von 68’000 Partikeln pro Kubikzentimeter. Das ist die drei- bis vierfache Belastung einer Grossstadtkreuzung. Die Spitzenwerte gehen über 250’000, bei einer zweiten Messung am selben Tag sogar bis zum Anschlag des Geräts bei 500’000.» Messungen des ZDF-Magazins «Wiso» ergaben während einer Fahrt an Bord der «Aida Sol» von den Kanaren nach Madeira bis zu 475’000 Partikel Feinstaub je Kubikzentimeter Umgebungsluft. Zum Vergleich: An einem Tag mit Feinstaubalarm in Stuttgart wurden an einem verkehrsreichen Strassenzug Spitzenwerte von gut 40’000 Partikel festgestellt – weniger als in einer Kreuzfahrerkabine.

In den letzten eineinhalb Jahren haben mehrere Fernsehsender und Redaktionen Messungen durchgeführt. Alle kamen zu erschreckenden Ergebnissen. Der Branchenverband CLIA hat in allen Fällen die Ergebnisse in Abrede gestellt. Sie seien nicht wissenschaftlich fundiert. Gleichzeitig wurde bis heute keine fundierte Messung durch eine neutrale Fachstelle auf einem Schiff zugelassen.

So viel Schadstoffe wie fünf Millionen Autos

Gemäss dem aktuellen Bericht des Naturschutzbundes Deutschland NABU für 2016 (www.nabu.de/kreuzfahrtranking-2016) verfügen noch heute vier von fünf in Europa fahrender Kreuzfahrtschiffe über keine Abgasreinigung oder erfüllen nur gerade die gesetzlichen Mindeststandards. Betrieben werden die Schiffe auf offener See mit Schweröl und verbrauchen pro Tag im Durchschnitt davon 150 Tonnen. Schweröl ist ein hochgiftiges Abfallprodukt der Petrochemie und enthält 3’500-mal mehr Schwefel als auf Europas Strassen für Personenwagen erlaubt ist. An Land ist Schweröl verboten. Gemäss NABU stösst eine Kreuzfahrt so viele Schadstoffe aus wie fünf Millionen Personenwagen auf derselben Strecke. Kreuzfahrtschiffe sind nichts Anderes als gigantische Dreckschleudern. Und bis heute haben die Hersteller trotz des andauernden Booms und Profits keine Notwendigkeit erkannt, in den Umweltschutz zu investieren. Den Schiffsgästen ist es offenbar egal. Die lassen sich blenden von immer neuen Superlativen und Unterhaltungs-Highlights. Und sie werden immer jünger. Kein Wunder wirbt die Harmony of Seas mit dem schnellsten Internet auf See, boomen Single- und Datingevents. Tragisch aber offenbar Realität: Auch den rund 150’000 Schweizer Kreuzfahrtpassagieren ist es offenbar egal, wenn auf Ihrer Kreuzfahrt über das blaue Meer dermassen Dreck in die Luft geblasen wird. Auf allen Prospektbildern werden die schwarzen Rauchfahnen natürlich stets wegretouchiert. Besonders schlimm: Fahrten in von der direkten Umweltverschmutzung bis anhin noch wenig beanspruchte Gegenden wie Alaska sind immer gefragter. 

Länger als der Eiffelturm

Das derzeit grösste und modernste Kreuzfahrtschiff der Welt, die «Harmony of the Seas», ist mit 362 Metern länger als der Eiffelturm hoch, hat Platz für 5’400 Passagiere, 2’000 Bedienstete und überschritt bei den Herstellungskosten erstmals die 1 Mrd. Euro-Grenze. Werbetext der Besitzerreederei Royal Caribbean: «Es vereint architektonische Innovationen, wie übergrosse Rutschen oder einen neuen Wassererlebnispark für Kinder, mit den Technologien der Quantum-Klasse. Somit setzt der Meeresgigant noch nie da gewesene Erlebnis-Trends und Nervenkitzel für Gross und Klein.» Und: «An der Bionic Bar auf der Royal Promenade wirbeln Roboter umher und mixen Cocktails.»

Die «Harmony of the Seas», im Juni 2016 vom Stapel gelaufen, fährt unter der Billigflagge Bahamas und liegt im NABU Kreuzfahrt-Ranking an drittletzter Stelle. Die «AIDA prima» belegt trotz ihrer katastrophalen Feinstaubwerten den ersten Platz, ist also gemäss NABU das derzeit umweltfreundlichste Kreuzfahrtschiff.

Umweltschutzmassnahmen greifen noch kaum

In der Nord- und Ostsee dürfen Kreuzfahrtschiffe seit einigen Jahren in den Häfen nur noch weniger schmutzigen schwefelarmen Schiffsdiesel verbrennen. Im Mittelmeer gilt diese Regel noch heute nicht. Allein in Venedig legen jeden Tag zehn dieser Dreckschleudern am Pier an. Die Umweltbelastung für die Lagunenstadt ist riesig. Aber die Proteste der Bevölkerung verhallen weitgehend ungehört. Der Profit geht auch hier vor. In Hamburg wurde vor einem Jahr Europas erste Landstromanlage für die Riesenschiffe eingerichtet. Aber kaum ein Schiff ist dafür eingerichtet. Und weil der Ölpreis so tief ist, produzieren die Schiffe den Strom lieber selber an Bord bei laufenden Maschinen, statt ihn per teurem Öko-Landstrom viermal teurer zu beziehen. Rendite geht eben über alles.

Einen kleinen Lichtblick gibt es immerhin: Ende Oktober 2016 tagte die Internationale Schifffahrtsorganisation IMO in London. Diese Unterorganisation der Vereinten Nationen fasste überraschend einen Beschluss, den Umweltschützer seit Jahren fordern, etliche Staaten aber immer wieder zu verhindern wussten: Eine verbindliche Entgiftung von Schiffsabgasen ab dem Jahr 2020.

Bis dahin muss aber jeder wissen, der entweder als Passagier auf Kreuzfahrt geht oder aber in diese Boombranche Geld investiert, dass damit eine Industrie unterstützt wird, die den Profit über alles stellt und sich trotz vollmundiger Versprechen einen Dreck um die Gesundheit ihrer Kunden, der Anwohner in den Anlegehäfen und der Umwelt schert. Es ist eine Form von Tourismus und von Investitionsdenken, die bis zur konsequenten Umsetzung verfügbarer Umweltschutzmassnahmen definitiv abgeschafft gehört.

Traurig, wenn Wirtschaftsjournalisten solche Aspekte noch heute nicht berücksichtigen und nur den Profit- und Boom-Charts hinterherhecheln.

Kommentare

Seit ich in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift Auto&Wirtschaft das Thema Dreckschleudern Kreuzfahrtschiffe aufgegriffen habe, erschienen in diversen Zeitungen, im Radio und in Online-Portalen Berichte zu diesem Thema – natürlich ohne eine Quelle zu erwähnen, eine Tugend, die ich in damals der Journalistenschule noch gelernt habe, heute ist das wohl nicht mehr nötig.
Franz Glinz
Bassersdorf

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