Auf seine Art auch ein Mensch

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Auf seine Art auch ein Mensch

Von Klara Obermüller, 06.04.2011

Kein Wort kommt in dem 1880 entstandenen Erstlingswerk von Anton Tschechow häufiger vor als der Begriff Langeweile. Langweilig ist das Stück deswegen aber noch lange nicht. Im Gegenteil: Tschechow ist ein so genialer Menschenbeobachter und Konversationskünstler, dass die gut dreistündige Aufführung wie im Flug vergeht. Und dies, obwohl, ausser einem gezielten Schuss am Ende des Stücks, auf der Bühne so gut wie nichts geschieht.

In Interieurs wie von Hopper gemalt (Bühne: Bettina Meyer) trifft sich da auf einem heruntergekommenen Gut irgendwo in der tiefsten russischen Provinz eine Gesellschaft von Müssiggängern, Nichtsnutzen, Enttäuschten, Verzweifelten zum Reden, Essen und Saufen, zum gegenseitigen Sich-Anöden oder Sich-Anhimmeln oder auch einfach zum Zweck, nicht allein zu sein und die Löcher nicht sehen zu müssen, die sich im Boden unter den Füssen auftun.

Einsamkeit und Leere

Einsamkeit ist ein anderes Wort, das in diesem Stück auffallend häufig vorkommt. Und: Leere. Anton Tschechow war gerade mal 20 Jahre alt, als er diese seine erste Arbeit für die Bühne verfasste. Aufgeführt wurde sie zu seinen Lebzeiten nie. Das Maly-Theater in Moskau hatte sie abgelehnt, und erst in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts tauchte das verloren geglaubte Manuskript wieder auf. Seither wird das ursprünglich namenlose Stück unter dem Titel „Platonow“ immer mal wieder aufgeführt.

So, stark gekürzt und modern übersetzt, nun auch im Schauspielhaus Zürich in der Regie von Barbara Frey, die mit ihrem ausgeprägten Sinn für die Komplexität menschlicher Beziehungen erkannt hat, welcher Reichtum in diesem zwar noch etwas amorphen, aber doch bereits erstaunlich ausgereiften Werk des jungen Tschechow steckt. Und auch, wie hervorragend es sich für ein gut eingespieltes Ensemble eignet.

Schnitzlerscher Reigen

Denn obwohl auf eine Titelfigur hin ausgerichtet, ist „Platonow“ kein Stück für Diven und Helden, sondern viel eher eine Art Schnitzlerscher Reigen, der Menschen einander begegnen, eine Weile beisammen sein und sich alsbald wieder verlieren lässt. So zumindest hat Barbara Frey ihren „Platonow“ inszeniert. In der Gesellschaft, die sich da wie jedes Jahr an einem der ersten warmen Frühsommertage auf dem maroden Landgut der Generalswitwe Anna Petrowna trifft, steht der Dorfschullehrer Michail Wassiljewitsch Platonow zwar im Mittelpunkt allgemeiner Neugier, Zuneigung und Ablehnung. Gleichzeitig stellt er aber auch eine Art Leerstelle dar, auf die die übrigen Anwesenden ihre Sehnsüchte und Ängste projizieren können.

Er selbst ist… Ja, was ist er eigentlich? „Ein auβergewöhnlicher Mensch – ein Nichts“, wie Anna Petrowna einmal sagt? „Der Inbegriff der Orientierungslosigkeit“, wie es gleich zu Anfang heisst? Oder einfach „auf seine Art auch ein Mensch“, wie im Verlauf des Abends einmal gemutmasst wird? Sicher ist, dass er in seiner Unentschlossenheit etwas von einem Hamlet hat, aber auch von Don Juan, der Frauen verschleisst, weil er weder fähig ist zu lieben noch sich vorstellen kann, von jemandem geliebt zu werden.

Sehnsucht nach Aufbruch

All dies glaubwürdig darzustellen, die Faszination wie die Bedeutungslosigkeit, erfordert höchste Schauspielkunst. Michael Maertens gelingt es leider nicht so recht, diese in sich zerrissene und zutiefst unglückliche Figur in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit lebendig werden zu lassen. Sein Platonow bleibt seltsam blass, wie auch die Frauen (Friedrike Wagner als Anna Petrowna, Yvon Jansen als Sofja Jegorowna und Ursula Doll als Ehefrau Sascha) blass bleiben, die von ihm wenn schon nicht geliebt, so doch wenigstens flach gelegt werden möchten.

Denn um Liebe dreht sich dieser Reigen nur vordergründig. Viel eher geht es um Sehnsucht: Sehnsucht nach Aufbruch und Veränderung, Sehnsucht nach Halt, Sehnsucht nach einem Leben, das zu leben sich lohnte. Darüber denken die Gäste von Anna Petrowna ununterbrochen nach. Darüber reden sie, wenn sie sich nicht gerade streiten, übers Ohr hauen, ihre Liebe gestehen oder ihren Rausch ausschlafen: „Wer bin ich? Wofür lebe ich?“, fragt Platonow stellvertretend für alle.

Eine Antwort hat er nicht und hat auch kein anderer in dieser desillusionierten Runde. Eine Antwort hatte wohl auch der junge Tschechow nicht, der nach eigenen Worten mit dem Stück nur sagen wollte: „Schaut, wie schlecht und langweilig ihr lebt!“

Auf beklemmende Weise gegenwärtig

Zeigen, wohl verstanden, nicht urteilen. Denn „der Künstler soll nicht Richter seiner Figuren und ihrer Gespräche sein“, so Tschechow, „sondern nur ein leidenschaftsloser Zeuge“, der das Talent hat, „Figuren zu beleuchten und ihre Sprache zu sprechen“. Tschechow verfügte über dieses Talent in hohem Masse. Und die Regie folgt ihm auf diesem Weg, indem sie sich bemüht, nichts zu behaupten, alles zu zeigen. Dank einer homogenen und durchaus beachtlichen Ensembleleistung gelingt es der Zürcher Aufführung denn auch, dem Publikum eine Gesellschaft vor Augen zu führen, die in ihrer inneren Leere und Orientierungslosigkeit wie auch in ihrer Sehnsucht nach Sinnerfahrung und Glück der unseren auf beklemmende Weise ähnlich sieht.

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