Auf Schritt und Tritt

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Auf Schritt und Tritt

Von André Pfenninger, 24.11.2014

Roland Jeanneret, Radio-Journalist und einstiges Aushängeschild der "Glückskette" hat eine ungewöhnliche Passion. Er fotografiert Böden.

Kaum jemand nimmt den Boden unter seinen Füssen wahr. Man hat es eilig, ist zerstreut, wartet auf Grün, schreitet eiligst davon. Oder man wandert einsam auf einer verlassenen Strasse, steckt im Menschenstau. Den Boden beachtet kaum jemand. Höchstens schimpft man über Unebenheiten, Löcher im Boden, über Glatteis oder Schmutz, über schlechte Beleuchtung usw. Beachtung finden höchstens Plätze, Gassen und Strassen in südlichen Ländern wo der Boden oft künstlerisch gestaltet ist und sich wie ein speziell für Touristen ausgebreiteter Teppich ansieht. So oder so, auf Schritt und Tritt steht man auf einem Bodenbild.

Auf deutschem Boden stand Roland Jeanneret unerwartet auf seinem  Konterfeit. Hier zeigt er das überraschende Bodenbid. (Bild: André Pfenninger)
Auf deutschem Boden stand Roland Jeanneret unerwartet auf seinem Konterfeit. Hier zeigt er das überraschende Bodenbid. (Bild: André Pfenninger)

Nahezu 1000 Photos sind in den letzten 40 Jahren entstanden. Sie muten an wie Puzzelteilchen. Bilder direkt aus dem Boden geschnitten. Zusammengefügt würden sie ein ganzes Welt- und Menschenbild wiedergeben.

Die Boden-Welt entdeckte Jeanneret auf Island; „Ich stand mitten in einer Reisegruppe, die Leute rannten hin und her, standen mir im Weg, So habe ich den im besten Licht stehenden Boden fotografiert“, so schildert er wie es zur ersten Momentaufnahme  kam. „Da habe ich gemerkt, dass jeder Quadratmeter Boden seine Geschichte hat“, präzisiert Jeanneret weiter. „Ich habe kaum irgendwo so faszinierende Böden gefunden wie auf Island, wo Erde jeden Tag neu geboren wird“, hält der Berner weiter fest überzeugt.

Blick auf den Fussgängerstreifen Klösterlistutz in der Nähe des Bärengrabens in Bern. (zvg)
Blick auf den Fussgängerstreifen Klösterlistutz in der Nähe des Bärengrabens in Bern. (zvg)

Jedes Bild ist einmalig, geprägt von Originalität und überzogen von einem Hauch Poesie. Das Gewöhnliche wirkt unkompliziert, verträumt, ungewöhnlich verblüffend. Die Lebendigkeit des Ortes wird hier wahrnehmbar. Es wurde keine künstliche Bilderwelt geschaffen. Inszenierungen haben die Realität nicht verändert. Das Stück Boden wurde nur aus der Zeit in das Zeitlose übernommen. „Bodenbilder sind – wie die Böden auch – ein Thema für die Ewigkeit“, wie Jeanneret festhält.

Poesie am Strassenrand (Bild zvg)
Poesie am Strassenrand (Bild zvg)

Grosses Interesse

Die Bilder tragen bewusst keine Titel. Auf diese Weise will er den Betrachterinnen und Betrachtern die Freiheit der persönlichen Interpretation überlassen. Die Bodenbilder wecken die Fantasie. Mit kleineren und seltenen Ausstellungen bietet sich doch immer wieder die Gelegenheit, die Bodenbilder von Roland Jeanneret zu  bestaunen.

Die Bilder stossen stets auf grosses Interesse. Das zeigte sich anlässlich einer Ausstellung in einer Kellergalerie in der Berner Altstadt.

Kommentare

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Auch ich bin seit Jahrzehnten fasziniert von Böden und fotografiere vor allem Böden in meinen Reisezielen. 1977 habe ich ein "einschlägiges" Gedicht geschrieben, das in einem vergriffenen schmalen Bändchen mit dem Titel "Spuren.Spuren..." der Ed. Dritte Galerie Zofingen veröffentlicht worden war:

"Der marmorne Boden

Sieh die grauen Adern:
matt heben sie sich
vom dumpfen Weiss des Steins.
Landschaften gleich,
nie endenden Bildern.

Zischende Explosionen,
Gestirne tritt dein Fuss.
Welten liegen gebreitet,
nur sichtbar jenem,
der die Augen niederschlägt."

Mit einem Gruss und Kompliment an Roland Jeanneret!
Laura Weidacher

SRF Archiv

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