Atemraubende Schule

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Atemraubende Schule

Von Verena Stauffacher, 18.12.2015

Da habe ich immer gemeint, die grössten Gefahren für Schulkinder lauerten auf dem Schulweg. Doch so richtig gefährlich wird es für sie erst, wenn sie im Klassenzimmer angekommen sind.

Dort droht ihnen nämlich die Luft auszugehen. Zumindest, wenn die Klassengrössen weiter steigen. „Wenn wir dann auf 26 Schüler gehen, wird das langsam gesundheitsgefährdend“, lässt sich der Präsident des Schweizerischen Lehrerverbandes in der Zeitung vernehmen und kündigt eine gross angelegte Studie an, die den problematischen Kohlendioxyd-Gehalt der Schulzimmerluft belegen soll. Denn dieser soll dafür verantwortlich sein, dass die Schüler schon nach 16 Minuten nicht mehr konzentriert arbeiten können.

Haben chinesische Schüler mehr Sauerstoff?

Ich komme ins Grübeln. Liegt es also am Sauerstoffmangel, dass unsere Schüler in Pisa-Studien regelmässig signifikant schlechter abschneiden als etwa die chinesischen? Doch wie kann das sein, wenn doch in China durchschnittlich 38 Kinder in Primarschul- und 50 Jugendliche in Sekundarschulklassen sitzen und die chinesische Luftqualität die schlechteste der Welt ist?

Ist meine zunehmende Vergesslichkeit etwa gar nicht auf mein fortschreitendes Alter zurückzuführen, sondern eine Spätfolge dessen, dass ich mit 34 anderen Buben und Mädchen im gleichen Zimmer die Schulbank drückte? Rührt bei gewissen Bundesräten die bei ihren Referaten oft schmerzlich vermisste Eloquenz daher, dass ihnen im Sprachunterricht frühzeitig der Schnauf ausging, weil sie die Luft im Schulzimmer mit 40 Gspänli teilen mussten?

Nur: Weshalb bringen dann jüngere Politiker, welche in Klassen mit halb so vielen Schülern unterrichtet wurden, ebenfalls kaum einen geraden Satz zustande? Waren jene Schweizer Banker, die vor einigen Jahren für Chaos und Turbulenzen mit weitreichenden Folgen im hiesigen Bankensystem sorgten, ganz einfach Opfer grösserer nachhaltiger Verwirrung des Geistes aufgrund von zu dicker Luft im Schulzimmer?

Warten bis zum Herbst 2017

Weshalb brachten es die bisherigen Schweizer Nobelpreisträger zu solchen Glanzleistungen, obwohl sie doch zu Zeiten zur Schule gingen, als die Klassengrössen jeden heutzutage tolerierten Rahmen bei Weitem sprengten? Hatten die einfach einen Fensterplatz und deshalb eine direktere Frischluftzufuhr? Sauerstoffmangel erzeuge Stress im Gehirn, sagt der Lehrerverband.

Stress im Gehirn wiederum erhöhe dessen Temperatur und verursache Gähnen, weil durch die Zufuhr von frischer Luft die Gehirntemperatur wieder gesenkt und der Stress damit abgebaut werden könne, sagt die Wissenschaft. Sind also gar nicht Langeweile oder wegen Handy-Chats und Facebook-Sessions durchwachte Nächte die Ursache für gähnende, in den Schulbänken mehr hängende denn sitzende Jugendliche? Sondern schlicht und einfach die Tatsache, dass sich zu viele im gleichen Raum gegenseitig den Atem rauben?

Tipps für Sofortmassnahmen

Fragen über Fragen, die mir, so hoffe ich, die fragliche Studie wird beantworten können. Bloss dauert es bekanntlich, bis solche Studien durchgeführt und ausgewertet sind. Bei der vorliegenden werden erste Resultate auf Herbst 2017 erwartet. So geht das nicht! Sich Schulkinder vorzustellen, die, wie Fische an Land, japsend in ihren Bänken sitzen, ist ein unerträgliches Bild. Der Not gehorchend, sind Sofortmassnahmen unumgänglich. Hier deshalb einige Vorschläge für eine effiziente Verbesserung der Situation:

- Wie im Flugzeug werden an der Zimmerdecke Sauerstoffmasken montiert, welche automatisch herunterfallen und übergezogen werden können, sobald der Sauerstoffgehalt im Schulzimmer unter den Toleranzwert fällt. Fluggewandt wie die heutigen Schülerinnen und Schüler sind, wird die Handhabung der Masken keine Schwierigkeiten bereiten, weil sie ihnen auf ihren Reisen bereits x-fach anschaulich erklärt wurde.

- In den Schulranzen und -mappen ist eine Sauerstoffflasche mit Mundstück, wie sie Taucher benützen, einzubauen. Die Schüler werden angewiesen, die angemessene Anzahl Atemzüge daraus zu nehmen, sobald sie spüren, dass ihre Konzentration abnimmt. Hier besteht allerdings die Gefahr von Verwechslungen von Konzentrationsmangel und Aufmerksamkeitsdefizit infolge langweiligen Unterrichts.

- Die Schulräume werden unverzüglich mit üppigen Kletter- und Hängepflanzen bestückt (für Topfpflanzen auf dem Boden ist wegen der engen Bestuhlung kein Platz vorhanden). Diese sorgen für die Umwandlung von Kohlendioxyd in Sauerstoff. Erfreulicher Nebeneffekt: Die Schülerinnen und Schüler lernen die segensreichen Folgen der Fotosynthese, die sie bisher nur aus der Theorie des Biologieunterrichts kannten, am eigenen Leib schätzen.

- Unterrichtszeiten werden auf eine Viertelstunde (maximale Konzentrationsdauer) verkürzt, dafür die Pausen ausserhalb des Schulzimmers auf 45 Minuten ausgedehnt. Diese Lösung wird von den Schülerinnen und Schülern bevorzugt.

Sie finden das alles zu kompliziert? Dann gibt es wohl nur eines: Fenster auf und gründlich lüften. Und ein Warnschild an der Schulzimmertüre: Schule kann die Gesundheit gefährden!

Kommentare

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Frau Staufacher, ihre beißende Ironie geht meiner Meinung nach zu weit. Sie grenzt an Zynismus und unterminiert die Leistung der Lehrerinnen und Lehrer. Ihre etwas langfädig wirkenden Vorschläge sind nicht wirklich konstruktiv. Die heutigen Anforderungen an die Schulabgänger mit denen vor 30 Jahren zu vergleichen ist in etwa so, als wenn sie davon ausgehen, dass ein Service gürs Auto heute gleich ist wie derjenige als es noch den Automechaniker gab. Nur gibt es den nicht mehr, es heißt heute " Automechatronoker" und "Automobil- Assistent" oder eben " Reifenpraktiker" um es eben mal an diesem Beispiel zu verdeutlichen. Also bitte keine solche Plattitüde mehr auf dem Buckel einer ganzen Institution. Herzlichen Dank!

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