Es prüft, wägt, verwirft, beginnt von vorn – und setzt jedes Wort sorgfältig: Dieses Ringen mit sich selbst, dieser Anspruch an Form und Gedanken prägt das Schreiben, bevor es Worte werden. Das «Tagebuch 1913–1920» von Meinrad Inglin öffnet einen seltenen Blick auf diesen Prozess – im Ringen um Genauigkeit.
Wer Meinrad Inglin (1893-1971) liest – «Welt in Ingoldau», «Schweizerspiegel», «Urwang» –, merkt rasch: Hier schreibt einer, der sich nicht beeilt. Einer, der prüft, wägt, auswählt. Gedankliche Sorgfalt verbindet sich mit sprachlicher Präzision. Diese Haltung wirkt heute fast anachronistisch, gerade deshalb aber auch wohltuend. Sie ist keine Pose, sondern Ergebnis eines langen inneren Ringens. Das Tagebuch aus den Jahren 1913 bis 1920 macht diesen Weg sichtbar. (1)
Herausgegeben wurde der Band von Daniel Annen, Germanist und ehemaliger Gymnasiallehrer aus Schwyz, einem profunden Inglin-Kenner. Sein Nachwort ist keine blosse Einordnung, sondern eine behutsame Wegleitung durch ein vielschichtiges Konvolut: biografisch präzise, literarisch aufmerksam, philosophisch wach. Annen zeigt, wie sehr dieses Tagebuch auf «Die Welt in Ingoldau» zuläuft – jenen Roman, den Inglin selbst als «Bilanz meiner ganzen bisherigen Existenz» bezeichnete.
Ein Rebell wider Willen
Das Tagebuch beginnt 1913. Inglin ist zwanzig Jahre alt, voller Zweifel, voller Anspruch. Er beobachtet sich selbst mit einer Strenge, die überrascht. Immer wieder notiert er innere Zustände, Zweifel, Verwerfungen. Er hinterfragt die bürgerliche Welt seiner Herkunft ebenso wie den Milieukatholizismus, der in Schwyz das Denken prägte. Dabei geht es ihm nicht um Provokation. Als Die Welt in Ingoldau 1922 einen lokalen Aufruhr auslöst, wehrt sich Inglin ausdrücklich gegen die Rolle des Reformators. Er stehe zu dem, was er gezeigt habe, schreibt er – aber gefallen wolle er sich darin nicht.
Diese Haltung – stehen zu dem, was man sagt, ohne es auszuschlachten – zieht sich durch das Tagebuch. Sie ist Ausdruck einer Autonomie, die sich früh abzeichnet. Inglin widerruft nicht, relativiert nicht opportunistisch. Er hält Spannungen aus. Gerade darin liegt seine Eigenständigkeit.
Bildungswege, Umwege, Umkehr
Annens Nachwort zeichnet den schwierigen Bildungsweg Inglins nach: technische Schule, Uhrmacherlehre, Hotellerie – alles Versuche, die scheitern mussten. Inglin war, wie er später selbst schreibt, «ein ganz einseitig begabter» Schüler. Mathematik blieb ihm fremd, abstraktes Rechnen unerquicklich und langweilig. Was ihn anzog, war das Lebendige: Sprache, Bilder, innere Szenen.
Entscheidend wurde die Begegnung mit einem Lehrer: Dominik Abury, Priester, Philosoph, Deutschlehrer. Einer, der an ihn glaubte. Der ihm zutraute, «zu Höherem geboren» zu sein. Unter Aburys Leitung holte Inglin in kürzester Zeit den Stoff mehrerer Gymnasialjahre nach. Er verliess das Kollegium Schwyz zwar ohne Matura, aber mit dem Bewusstsein, dass sein Weg ein anderer war. Dass jemand gesehen hatte, was in ihm lag.
Im Tagebuch spiegelt sich diese Erfahrung indirekt. Immer wieder ist vom «inneren Drang» die Rede, von der Notwendigkeit, dem eigenen Gewissen zu folgen. Inglin sucht nicht Anpassung, sondern Orientierung.
Gegen Moralismus, für Gestalt
Besonders eindrücklich ist Inglins Auseinandersetzung mit der katholischen Moral seiner Zeit. Annen zeigt, wie sehr Inglin den Legalismus, die Buchhalter-Moral, und die Angstpädagogik nicht akzeptieren konnte. In seiner Bibliothek finden sich zahlreiche kritische Randbemerkungen, Fragezeichen, ironische Kommentare. Inglin misstraut einer Religion, die sich in Vorschriften erschöpft und das Lebendige erstickt.
Dem setzt er etwas anderes entgegen: das Konkrete, das Gestaltete, das Erzählen. Schon früh notiert er, es gehe im Kunstwerk nicht darum, «vieles zu zeigen, sondern Ausgewähltes, Wesentliches zu veranschaulichen». Diese Maxime ist zentral. Sie erklärt die Plastizität seiner späteren Figuren, ihre innere Würde, ihre Freiheit. Inglin urteilt nicht, er zeigt. Er moralisiert nicht, er erzählt.
Von der Rebellion zur Form
Das Tagebuch dokumentiert auch einen Wandel. Die frühen Einträge sind stärker oppositionell, von Abgrenzung geprägt. Später treten Distanz und Formbewusstsein hinzu. Inglin spricht davon, sich «über die Dinge zu stellen». Er erkennt die Gefahr der Tendenz – politisch wie literarisch. Er will Gegensätze sichtbar machen, ohne sie aufzulösen. Diese Haltung prägt den «Schweizerspiegel» ebenso wie «Welt in Ingoldau»: Figurenkonstellationen als innere Spannungsbilder, poetische Gerechtigkeit statt Parteinahme.
Philosophisch gewinnt dabei Paul Häberlin Bedeutung, dessen Vorlesungen Inglin in Bern besucht. Häberlins Gewissensbegriff – jenseits äusserer Autorität, auf eine absolute Idee bezogen – hilft Inglin, Triebhaftigkeit von Autonomie zu unterscheiden. Nicht jede Rebellion ist Freiheit. Nicht jede Anpassung ist Unwahrheit. Diese Einsicht reift im Tagebuch.
Ingoldau als Ort der Liebe
Bemerkenswert ist, dass im Tagebuch der Gedanke an Ingoldau erstmals 1918 auftaucht – unter dem Datum eines Satzes, der wie ein Schlüssel wirkt: «Man soll die Menschen nicht besser machen wollen, man soll sie lieben.» Inglin selbst nennt später die Liebe das zentrale Thema seines Romans. Liebe nicht als Sentimentalität, sondern als Anerkennung des Anderen in seiner Eigenständigkeit.
Wer heute «Welt in Ingoldau» liest – oder durch Orte wie beispielsweise Stans geht, die an diese Welt erinnern –, versteht besser, woher diese Haltung kommt. Das Tagebuch zeigt den langen Weg dorthin: von der inneren Unruhe zur Form, von der Rebellion zur Autorschaft.
Genauigkeit als Haltung
Daniel Annen hat diesem Dokument einen klugen Rahmen gegeben. Er kommentiert und erklärt, ohne zu vereinnahmen, und macht das Tagebuch lesbar – nicht nur als biografische Quelle, sondern als Zeugnis eines literarischen Ethos. In einer Zeit, die schnelle Meinungen und Urteile liebt, zeigt Inglin, wie das sorgfältige Abwägen von Gedanken, Sprache und Figuren zu einer Haltung wird, die weit über das Schreiben hinaus nachklingt.
(1) Meinrad Inglin (2025), «Tagebuch 1913-1920». Von jugendlicher Rebellion zu eigenständiger Autorschaft. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Daniel Annen. Zürich: Chronos Verlag.