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Bücher unserer Autoren

«Zwischen Revolte und Vernunft»

13. Juni 2026
Taoufik Ouanes
Taoufik Ouanes stellt sein neues Buch in einer Buchhandlung in Tunis vor.

Der «Arabische Frühling» hatte 2011 in Tunesien begonnen. Doch vor allem die junge Generation, die die Revolution getragen hat, sieht ihre Erwartungen enttäuscht. In seinem neuen Buch *) beschreibt der tunesisch-schweizerische Anwalt Taoufik Ouanes, der zum Autoren-Stamm von Journal 21 gehört, die schwierige Aufgabe, aus revolutionärer Begeisterung tragfähige politische Institutionen zu schaffen.

Ouanes, Experte für internationale Beziehungen, hatte am Genfer «Institut de hautes études internationales» studiert und war lange Zeit für die Vereinten Nationen tätig. Sein jetzt publiziertes Buch «Écrits d’une décennie mouvementée. Entre révolte et raison» ist eine Sammlung von Chroniken, Analysen, Interviews und Essays, die Ouanes während fünfzehn Jahren über die politische Entwicklung Tunesiens, des Maghreb, der arabischen Welt sowie Europas veröffentlicht hat. Dabei hat er zahlreiche Artikel und Interviews, die er im Journal 21 publizierte, verwertet.

Der tunesische Schriftsteller Ridha Kéfi beschreibt Ouanes in einem Vorwort als «Historiker der Gegenwart». «Seine Texte verbinden juristische Präzision mit politischer Analyse und persönlicher Reflexion», schreibt Kéfi. «Viele Beiträge versuchen nicht nur, Ereignisse zu beschreiben, sondern auch deren langfristige Bedeutung abzuschätzen.»

Nur teilweise genutzte Chancen

Am Abend des 14. Januar 2011 meldete die katarische Nachrichtenagentur Al Jazeera, dass der tunesische Langzeitdiktator Zine el-Abidine Ben Ali Tunesien verlassen und nach Saudi-Arabien geflüchtet ist. Eine riesige Welle der Erleichterung schwappte nicht nur über Tunesien, sondern infizierte auch andere arabische Staaten. Doch was ist daraus geworden?

Ouanes, der lange Zeit in Genf lebte, betrachtet den Sturz des Regimes von Ben Ali als historischen Wendepunkt, der den Tunesiern erstmals die Möglichkeit gab, ihr politisches Schicksal selbst zu gestalten. Gleichzeitig analysiert er kritisch die Schwierigkeiten der anschliessenden Transformationsphase. Nach seiner Auffassung wurden die demokratischen Chancen zwar eröffnet, aber nur teilweise genutzt. Die Revolution brachte politische Freiheit, doch wirtschaftliche Probleme, Korruption, institutionelle Schwächen und ideologische Konflikte erschwerten den Aufbau einer stabilen Demokratie.

«Entre révolte et raison» lautet der Untertitel des Buches. Die Revolte steht für den emotionalen Aufbruch der Bevölkerung, die Vernunft für die schwierige Aufgabe, aus revolutionärer Begeisterung tragfähige politische Institutionen zu schaffen.

Einfluss der Islamisten

Ein Schwerpunkt des Buches ist die Auseinandersetzung mit islamistischen Bewegungen und deren Einfluss auf die politische Entwicklung Tunesiens und der Region. Ouanes untersucht die Rolle islamischer Parteien nach dem Arabischen Frühling und analysiert ihre Erfolge, Grenzen und Widersprüche. 

Er vertritt die These, dass die islamistische Bewegung «Ennahda» nach 2011 zwar demokratisch legitimiert war, aber letztlich nicht in der Lage gewesen sei, die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes zu lösen. Der politische Islam hatte zwar zeitweise erheblichen Einfluss gewonnen, langfristig aber Schwierigkeiten, die Erwartungen der Bevölkerung zu erfüllen. Die Krise des Jahres 2021 interpretiert er als Ausdruck des Scheiterns dieses islamistischen politischen Modells.

Gleichzeitig unterscheidet Ouanes klar zwischen Islam als Religion und islamistischem Extremismus. Er hebt hervor, dass Terrorismus und religiöser Fanatismus den Islam missbrauchen und nicht dessen eigentliche Werte repräsentieren.

Wie kann eine demokratische Ordnung entstehen?

Als Jurist beschäftigt sich Ouanes intensiv mit Fragen der Verfassung, der Gewaltenteilung und der staatlichen Institutionen. Viele seiner Analysen drehen sich um die Frage, wie demokratische Strukturen in einer Gesellschaft aufgebaut und geschützt werden können – in einem Land, das lange Zeit autoritär regiert wurde und dessen Bevölkerung eigentlich nicht wusste, was Demokratie ist. Er warnt sowohl vor autoritären Tendenzen als auch vor institutioneller Lähmung und argumentiert, dass Demokratie mehr bedeutet als freie Wahlen: Sie erfordert funktionierende Institutionen, Rechtsstaatlichkeit und politische Verantwortung. Von verschiedenen Blickwinkeln aus behandelt der Autor die Frage: Wie kann aus einer erfolgreichen Revolte eine dauerhaft funktionierende demokratische Ordnung entstehen?

 

Taoufik Ouanes

Das Buch beschränkt sich nicht auf Tunesien. Ouanes betrachtet die Entwicklungen stets im Zusammenhang mit Nordafrika, dem Nahen Osten und Europa. Er analysiert die Auswirkungen der Konflikte in Libyen, die Herausforderungen des Terrorismus, die Beziehungen zwischen Europa und dem Maghreb sowie die geopolitischen Spannungen im Mittelmeerraum. Dabei zeigt er, wie eng die politischen Entwicklungen auf beiden Seiten des Mittelmeers miteinander verbunden sind.

Taoufik Ouanes stellt sein neues Buch am kommenden Dienstag, 16. Juni, in Genf vor: Ort: Librairie Arabe (l'ICAM-L'Olivier), Rue de Fribourg 5, 1201 Genève (nahe beim Bahnhof Cornavin), 18.30 Uhr. Entrée libre

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