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Iran-Krieg

Zwischen Krieg und Zerfall: Irans innere Sackgasse

12. Juni 2026
Reinhard Schulze
Drei Revolutionsführer, Teheran
Zwei tote und ein unsichtbarer Revolutionsführer auf einem Plakat in Teheran: Ajatollah Khomeini, Ajatollah Khamenei und dessen Sohn Mojtaba Khamenei. (Foto: Keystone/AP Photo/Vahid Salemi)

Die Nachricht kam und ging innerhalb weniger Tage. Präsident Trump verkündete Anfang Juni 2026, ein Friedensabkommen mit dem Iran stehe kurz bevor. Die westlichen Hauptstädte reagierten mit vorsichtiger Erleichterung. Dann sickerten die Berichte aus Teheran durch: Parlamentspräsident Ghalibaf und Aussenminister Araghchi hatten die Einigungssignale gesendet, ohne Rückendeckung des Revolutionsführers Khamenei zu haben. Das Bild zerfiel so rasch, wie es entstanden war.

Seither steht eine Frage im Raum, die schwerer zu beantworten ist, als sie klingt: Mit wem verhandelt man eigentlich, wenn man mit dem Iran verhandelt? Die Antwort verweist auf eine strukturelle Dysfunktion, die sich in diesem Vorfall nur besonders plastisch gezeigt hat. Der Iran tritt nach aussen als einheitlicher Staat auf und ist innen Schauplatz eines ungelösten Machtkampfs zwischen zwei Fraktionen, die über das Überleben des Regimes fundamental verschieden denken. Um zu verstehen, was auf dem Spiel steht, muss man beide Seiten ernst nehmen.

Die Zentristen: Stabilität als Überlebensstrategie

Die Zentristen, vertreten durch Ghalibaf, Araghchi und den Kreis der Verwaltungstechnokraten, sind Pragmatiker ohne ideologische Leidenschaft. Sie verteidigen die Islamische Republik nicht aus revolutionärem Furor, sondern weil sie in ihr das institutionelle Gehäuse sehen, das staatliche Kontinuität garantiert. Und dieses Gehäuse, so ihre Diagnose, steht unter schwerem Druck.

Was der 60-Tage-Krieg 2026 hinterlassen hat, ist kein akuter Kollaps, sondern ein schleichender Zerfall des Alltags. In den Supermärkten findet sich noch das Nötigste, Brot, Reis, Grundnahrungsmittel. Doch importierte Waren verschwinden, viele Güter sind rationiert, Preise schwanken täglich. Fleisch, Eier, Babynahrung, Medikamente sind für breite Bevölkerungsschichten unerschwinglich geworden. Das BIP wird 2026 voraussichtlich um mehr als sechs Prozent einbrechen. 

Die Mittelschicht verliert ihre Ersparnisse in einem Tempo, das soziale Mobilität für eine Generation zunichtemacht. Der weitgehende Ausfall des Internets hat Tausende kleiner Unternehmen in den Ruin getrieben. Die soziale Spaltung vertieft sich: In den wohlhabenden Vierteln Nordteherans ist die Versorgungslage noch erträglich, in den Provinzen und den ärmeren Stadtteilen der Grossstädte herrscht Mangel.

Für die Zentristen ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung: Ein Regime, das unter diesen Bedingungen keine neue Legitimationsgrundlage findet, riskiert seinen Untergang. Ein Verhandlungserfolg könnte diese Grundlage liefern. Legitimität nicht mehr durch Konfrontation, sondern durch die Aussicht auf materielle Erholung. Sie sind bereit, dafür die alte Ordnung schrittweise umzuformen, die Islamische Republik zu modernisieren, ohne sie abzuschaffen. Dieser Kurs ist nicht ohne Risiko, aber er erscheint ihnen als der einzig realistische Ausweg aus einer Spirale, die das System zu zerreissen droht.

Die Revolutionsführung: Krieg als Sinnprinzip

Die Revolutionsführung und ihr Apparat, getragen von Khameneis Vertrauten wie Ahmad Vahidi und Mohseni-Eje'i, folgen einer anderen Logik, die in sich aber ebenso konsequent ist. Für sie ist die Feindschaft gegenüber Amerika und Israel keine aussenpolitische Haltung, die man je nach Lage anpassen könnte. Sie ist konstitutiv. Die Erzählung vom Kampf gibt dem System Sinn, legitimiert seine Repression, hält es zusammen. Ein Ende dieser Feindschaft würde nicht Stabilität bringen, sondern das Fundament zum Bröckeln bringen.

Hinzu kommt eine historische Rechnung, die das Regime nicht vergessen hat. Die Revolutionsgarden wissen, was 1988 geschah. Nach acht Jahren Krieg, Hunderttausenden Toten und enormem wirtschaftlichem Schaden zwang die Uno den Iran zum Waffenstillstand. Khomeini sprach vom Trinken aus dem Giftkelch. Das System überlebte die folgende innenpolitische Krise nur durch massive Repression. Beide Staaten kehrten im Wesentlichen zu den Grenzen zurück, die vor dem Krieg bestanden hatten. 

Damals hatte die Revolution noch eine bindende ideologische Kraft, die die Gesellschaft zusammenhielt. Heute, nach den Protestwellen von 2009, 2019, 2022, wäre eine Demobilisierung des Kriegszustands mit ungleich grösseren Risiken verbunden. Ein Ende der Konfrontation könnte gesellschaftliche Kräfte freisetzen, die das Regime nicht mehr kontrollieren kann. Der Krieg hält zusammen, was ohne ihn auseinanderfallen könnte.

Für die Revolutionsgarden ist das Auseinanderklaffen zwischen der lebensweltlichen Realität der iranischen Gesellschaft und den ordnungspolitischen Idealen der Revolution dramatisch sichtbar geworden. Sie reagieren darauf nicht mit Öffnung, sondern mit Radikalisierung. Die Intensivierung der Erzwingungsmacht gilt ihnen als die einzig mögliche Antwort auf den wachsenden Dissens.

Der unsichtbare Führer

Mojtaba Khamenei ist seit dem Angriff vom 28. Februar 2026 nicht mehr öffentlich aufgetreten. Es gibt schriftliche Botschaften, die ihm zugeschrieben werden, aber keine verifizierte Rede vor Publikum, keine bestätigte Videoansprache, keine dokumentierte öffentliche Präsenz. Diese physische Abwesenheit ist politisch bedeutsam, wenngleich auf eine nicht unmittelbar sichtbare Weise.

Sie macht Khamenei nicht schwächer, sondern stärker. Als unsichtbarer Entscheidungsträger kann er jede Initiative der Zentristen blockieren, ohne sich selbst zu exponieren. Er ist Vetomacht ohne Sichtbarkeit, und sein Fingerabdruck liegt in der Lähmung, die er erzeugt. Dass Ghalibaf und Araghchi ohne sein Mandat handelten und damit scheiterten, belegt die Realität dieser Vetomacht klarer als jede öffentliche Erklärung es könnte.

Khameneis Biografie fügt der Analyse eine persönliche Dimension hinzu. Er verlor im Krieg Familienangehörige. Die offizielle Erzählung will, dass er von der Vorsehung bewahrt wurde, um Revolutionsführer zu sein, Verkörperung einer Nation, die errettet werden wird. In solchen Narrativen ist Kompromiss nicht Pragmatismus. Er ist Verrat. Ob man das psychologisch nennen will oder strukturell, spielt letztlich keine Rolle. Die Wirkung ist dieselbe.

Eine Gesellschaft zwischen Erschöpfung und Wandel

Die iranische Gesellschaft trägt inzwischen die Kosten dieser Blockade. Was den Alltag prägt, ist eine Erschöpfung, die tiefer reicht als wirtschaftliche Not. Die Menschen horten, sichern ihre Ersparnisse in Gold oder harter Währung. Der Schwarzmarkt wächst, während die staatlich kontrollierte Wirtschaft ihre Substanz verliert. Der Staat übernimmt zunehmend die Grundversorgung, was die klassische Spaltung zwischen offizieller Zuteilung und Schwarzmarkt weiter verschärft.

Seit 2009 ist eine Generation herangewachsen, sozialisiert in Protestwellen, die immer wiederkehrten und immer wieder niedergeschlagen wurden. Sie macht nicht mehr mit. Sie entzieht dem System die Legitimität durch stillen Boykott, durch die Weigerung, die performative Zustimmung zu liefern, auf die autoritäre Systeme angewiesen sind. Politisch formiert ist sie nicht, keine Partei, keine Führungsfiguren, keine institutionellen Kanäle. Aber ihr soziologisches Gewicht wächst täglich, und die Reichweite des Staatsapparats schrumpft entsprechend. So wächst ein anderes Iran heran, das sich in dem Moment, wo die Waffen endgültig schweigen, wieder zu Wort melden wird.

Das wissen die Zentristen, die deshalb proaktiv für sozial integrierende Reformen werben. Das wissen auch die Revolutionsgarden, die daraus die entgegengesetzte Schlussfolgerung ziehen: mehr Kontrolle, mehr Repression, notfalls durch Fortführung des Konflikts. Für sie ist ein Kriegsende innenpolitisch gefährlicher als der Krieg selbst.

Die Sackgasse als Systemzustand

Der Antagonismus zwischen Zentristen und Revolutionsführung ist keine vorübergehende Fehlfunktion. Er ist das Ergebnis einer strukturellen Entwicklung, die das Regime selbst in Gang gesetzt hat. Die Islamische Republik war ursprünglich als duales System konzipiert: die Institution der Revolution und die Institution der Regierung, nebeneinander, in produktiver Spannung gehalten. Diese Spannung war das eigentliche Stabilitätsprinzip, das verhinderte, dass eine Seite die andere vollständig absorbiert.

Was sich nun vollzieht, ist die Auflösung dieser Dualität. Die Revolutionsführung reduziert die Regierung auf Verwaltungsaufgaben und konzentriert Entscheidungsmacht in einem Apparat, der keiner öffentlichen Rechenschaft verpflichtet ist. Die Zentristen widersetzen sich, nicht aus demokratischem Impuls, sondern weil sie die Funktionstüchtigkeit des Systems gefährdet sehen. Was von aussen wie ein Machtkampf wirkt, ist innen ein Streit über die einzig richtige Überlebensstrategie. Beide Seiten glauben, im Recht zu sein. Das macht die Spaltung so schwer auflösbar.

Für externe Akteure, für Washington, für Vermittler, für internationale Organisationen, hat das eine ernüchternde Konsequenz. Ein Abkommen, das Ghalibaf und Araghchi unterzeichnen, aber das Khameneis Apparat nicht trägt, ist kein Abkommen. Es ist ein Dokument ohne Vollzugskraft. Wer den Iran als einheitlichen Verhandlungspartner behandelt, verhandelt an der Wirklichkeit vorbei. Die internationale Gemeinschaft wird sich damit abfinden müssen, dass der Iran auf absehbare Zeit kein kohärenter Gesprächspartner ist, sondern ein Schauplatz eines ungeklärten Machtkampfs.

Parallelen und Differenzen zum Waffenstillstand 1988

Die Parallele zum Jahr 1988 ist deshalb zutreffend und irreführend zugleich. Damals überstand das Regime den Schock des erzwungenen Waffenstillstands, weil die Gesellschaft noch nicht so weit erodiert war, weil die revolutionäre Bindungskraft noch wirkte, weil Khomeinis Tod paradoxerweise einen institutionellen Neustart ermöglichte. Diese Puffer existieren heute nicht mehr. Ein Kriegsende würde gesellschaftliche Erwartungen freisetzen, die das geschwächte System kaum noch erfüllen könnte. Das ist der eigentliche Grund, warum die Revolutionsgarden den Frieden fürchten. Nicht prinzipiell, nicht ideologisch, sondern strategisch: weil sie die Folgen kennen.

Was bleibt, ist eine nüchterne Diagnose. Der Iran steckt in einer Sackgasse, die er aus eigener Kraft nicht verlassen kann. Nicht weil es keine Akteure gäbe, die eine Lösung wollen, sondern weil jene, die sie wollen, nicht die Macht haben, sie durchzusetzen, und jene, die die Macht haben, keine Lösung wollen. Das ist keine Frage des Verhandlungsgeschicks, keine Frage der richtigen Formulierung oder des günstigen Moments. Es ist eine Frage der Systemarchitektur. Und Systemarchitekturen ändern sich langsam, meist erst dann, wenn der Druck von innen zu gross geworden ist, um ihn noch zu ignorieren.

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