Der Genfer Soziologieprofessor und langjährige sozialdemokratische Politiker gehört zu den international bekanntesten Schweizer Intellektuellen und Globalisierungskritikern. Einen Namen machte er sich vor allem für sein Engagement gegen Hunger und soziale Ungerechtigkeit. Einige persönliche Notizen.
Er war ein Star, ein Idol, ein Sonnyboy auch. Wenn der aus dem Kanton Bern stammende Soziologieprofessor an der Genfer Universität eine Vorlesung hielt, kämpften die Studentinnen und Studenten um einen Platz im Auditorium. Vor allem die jungen Frauen, Töchterchen der Genfer Haute Volée, bewunderten ihn, und zwar keineswegs nur Linke. Auch bei Bürgerlichen waren seine Vorlesungen ein Must, fast schon ein Hochamt. Sein arg Berndeutsch gefärbtes Französisch verlieh dem Ganzen einen besonderen Charme.
Jean Ziegler war damals in Genf eine Marke. Er, einer der Ersten, der es gewagt hat, die Selbstbeweihräucherung der Schweiz zu hinterfragen.
Die Vorlesungen von «Jeannot», wie man ihn nannte, waren eigentliche Happenings. Einige sagten, es seien Propagandavorstellungen in eigener Sache gewesen. Da krachte und bebte es. Jean Ziegler war der Erste, der den Ausdruck «Raubtierkapitalismus» verwendete. Wehe dem, den Ziegler zum Ziel seiner Kritik machte. Schnell wurde das Ausland auf ihn aufmerksam, vor allem Frankreich. Die französischen Politiker, auch rechtsgerichtete, hätschelten ihn. Während er in der deutschen Schweiz schon bald in Ungnade fiel, stieg sein Stern in Frankreich. Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir zählten zu seinen engsten Freunden. Nach seiner Emeritierung wurde er Gastprofessor an der Sorbonne.
«Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet»
Der Autor dieser Zeilen war lange Jahre Korrespondent für das Schweizer Fernsehen in Genf. Es war die Zeit, als Ziegler zu einem der bekanntesten Schweizer Intellektuellen der letzten Jahrzehnte emporstieg. Ausserhalb der Universität und ausserhalb der grossen Auftritte hatte Jeannot auch ein anderes Gesicht.
Er war ein extrem geselliger, freundlicher, humorvoller Mensch, der sich – man staune – nicht immer ganz ernst nahm. Er lebte mit seiner Frau, einer Professorin für Kunstgeschichte, in der Genfer Landschaft. Immer wieder hielt er dort Hof. Eingeladen wurden Freunde und Gegner. Oft wurde bis spät in die Nacht hinein diskutiert und gestritten. Morgens um zwei Uhr war der Professor keineswegs so fanatisch und stur wie morgens um zehn Uhr an der Genfer Universität. Und vor allem zeigte er bei sich zu Hause ein menschliches Gesicht.
Er gehörte zu den weltweit profiliertesten Globalisierungskritikern und «Tiermondisten». Den sich weltweit verbreitenden Kapitalismus sah er als Ursache für soziale Ungerechtigkeit: für Hunger und Armut. Berühmt ist sein Zitat: «Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.» Nicht fehlende Nahrungsmittel seien für den Hunger verantwortlich, sondern politische und wirtschaftliche Strukturen – und vor allem die Gleichgültigkeit vieler Politiker. «500 reiche Säcke dominieren die Welt», sagte er einmal.
«Zum Glück kritisiert mich die NZZ»
In seinem Haus bei Genf erzählte er jeweils von seinen vielen, vielen Reisen in die Dritte Welt. Mit drastischen Worten schilderte er die Ungerechtigkeit und das Leiden der Menschen, die gerettet werden könnten. Oft steigerte er sich in seine Erzählungen hinein, hatte fast Tränen in den Augen: «Wieso lässt man diese Ungerechtigkeit zu, wieso, wieso?», schrie er manchmal fast schon. Dann machte er eine lange Pause, als müsste er sich erholen. Das war ein anderer Jean Ziegler, als ihn seine Gegner später darstellten. Er litt wirklich unter dieser Ungerechtigkeit und dem Leiden der andern. Wer dabei war, weiss: Das war keine Show.
Er brauchte Widerspruch, er brauchte Gegner. Richtig berühmt in der Schweiz wurde er 1976 durch sein Pamphlet «Une Suisse au-dessus de tout soupçon» (Eine Schweiz über jeden Verdacht erhaben). Darin kritisiert er den offiziellen Diskurs über Neutralität, humanitäre Hilfe und Frieden. Ziegler beschreibt, wie Schweizer Multis von Entwicklungsländern profitieren. Er kritisiert Steuerhinterziehung und das Bankgeheimnis, dank dem die Schweiz zur Drehscheibe für Kapitalflucht geworden ist. Und: Das Image des Internationalen Roten Kreuzes als Friedensstifterin verschleiere lukrative Finanz- und Handelspraktiken. Auch die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg prangerte er an.
Vor allem in der bürgerlichen Presse folgte ein Aufschrei. Ziegler wurde zum «Nestbeschmutzer der Nation». Er amüsierte sich über die Kritik und sonnte sich in ihr. «Zum Glück kritisiert mich die NZZ», sagte er mir einmal im Café Remor am Genfer Place du Cirque, «das heisst, dass ich einen Nerv getroffen habe».
Komplexe Probleme vereinfacht?
In Dutzenden weiteren Büchern variierte er das Thema, aber die Stossrichtung blieb immer die gleiche: Der weltweite Kapitalismus, der immer brutalere Formen annehme, sei hauptschuldig am Elend der Welt. «Es kommt nicht darauf an, den Menschen der Dritten Welt mehr zu geben, sondern ihnen weniger zu stehlen.»
Kritiker warfen ihm vor, er versimple die komplexen Probleme, vereinfache sie und argumentiere politisch allzu einseitig. Doch auch Kritiker gaben zu, dass in seiner Kritik oft ein Körnchen (oder ein Korn) Wahrheit steckt.
Manchmal machte er es seinen Gegnern einfach. In einem seiner frühen Bücher kritisiert er den Bundesrat. Im Bundeshaus gebe es keine Fenster, das sei ein Symbol dafür, dass die Schweizer Politik nur auf sich selbst bezogen sei und nicht nach aussen in die Welt schauen könne. Ein NZZ-Journalist zählte dann die Fenster im Bundeshaus. Es sind Dutzende.
Nicht gerade eine professionelle Haltung
Einmal erzählte er in einem Buch dramatisch vom Tod eines Knaben in Burkina Faso. Ein Journalist recherchierte die Geschichte und kam zum Schluss, dass die Episode erfunden sei. Ziegler gab das später mit den Worten zu: «Ja, aber es hätte so sein können.» So sein können! Nicht gerade eine professionelle journalistische (und akademische) Haltung. Mit seinen ab und zu schlampigen und ungenauen Detailbeschreibungen hat er viel Reputation verloren.
Nach seiner Emeritierung wurde er Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. 2008 wurde er in den beratenden Ausschuss des Uno-Menschenrechtsrates gewählt.
Bis in die letzten Jahre mischte er sich in die Politik ein. Den russischen Überfall auf die Ukraine kritisierte er scharf. Weiter forderte er vor Kurzem noch eine Aufstockung der Mittel für das World Food Program der Vereinten Nationen. Bereits jetzt seien über 840 Millionen Menschen permanent unterernährt, ein massiver Anstieg dieser Zahlen drohe.
Plädoyer für Gewalt
Mit Israel konnte er es immer weniger. Tel Aviv und Washington warfen ihm Parteilichkeit vor. 2004 hatte er in einem Länderbericht erklärt, Israel behindere den Zugang der palästinensischen Bevölkerung zu genügend Nahrungsmitteln. Daraufhin wurde ihm vorgeworfen, er kritisiere fast ausschliesslich die Vereinigten Staaten, Israel und einzelne Konzerne. Zahlreiche andere Ernährungskrisen erwähne er kaum.
Mit den Jahren verhärteten sich seine Aussagen. «Der deutsche Faschismus brauchte sechs Jahre, um 56 Millionen Menschen umzubringen. Der Neoliberalismus schafft das locker in gut einem Jahr», sagte er 2012.
Che Guevara, den er (wie Fidel Castro auch) mehrmals getroffen hatte und den er als seinen Freund bezeichnete, habe Gewalt als Mittel zur Herstellung einer gerechten Welt gepredigt. Das sei «selbstverständlich richtig» gewesen. Auch für ihn, Ziegler, sei Gewalt eine Option. In einer Diskussionssendung des ORF plädierte er für Gewaltanwendung gegen die «kannibalische Weltordnung». Leute, die mit Lebensmitteln spekulierten, sollten «aufgehängt werden».
«Gut, sind Sie gekommen»
Soll man all das mit seinen zunehmenden Altersproblemen und seiner sich abzeichnenden Parkinson-Krankheit erklären?
Sicher ist: Solche extremen Worte hörte man früher nicht von ihm. Ja, er war angriffig, war frech, kämpfte für das, was er den «ewigen Kampf gegen die Ungerechtigkeit der Welt» nannte. Und er teilte aus, konnte aber auch einstecken. Er liebte die Konfrontation, er liebte es, wenn Fetzen flogen.
Einmal, es war ein Sommerabend im Dörfchen Russin in der Genfer Landschaft. Wieder hatte er Leute eingeladen, Journalisten, Politiker, Beamte, Kulturschaffende. Dabei war auch eine Journalistin der damals noch existierenden bürgerlichen Zeitung «Journal de Genève». Die Frau galt als ausgesprochen rechtsbürgerlich. Ziegler begrüsste sie und sagte: «Gut, sind Sie gekommen. Alle anderen hier sind ja meiner Meinung. Mit Ihnen kann ich wenigstens streiten.»
Ziegler starb am Mittwoch in Genf im Alter von 92 Jahren.