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Iran

Zwei politische Logiken, ein System

26. April 2026
Reinhard Schulze
Teheran
Samstag, 25. April 2026 im Zentrum Teherans: antiamerikanisches Graffiti an der Mauer der Universität Enqelab-e-Eslami (Islamische Revolution). Keystone/AP Photo, Vahid Salemi

Hier der radikale Führungszirkel, der den Krieg mit den USA und Israel als Irans historische Mission versteht, dort die Nomenklatura von Regierung und Verwaltung, die das System pragmatisch zusammenhält: Diese Dualität spaltet das Machtgefüge nicht, sondern hält es stabil. 

Die Diplomatie zwischen Iran und den USA gleicht derzeit einem lustlosen Tauziehen. In Islamabad und Maskat laufen Vermittlungsgespräche, die weder gescheitert noch vorangekommen sind. Die iranische Delegation hat einen Forderungskatalog hinterlassen und ist wieder abgereist; hochrangige US-Vertreter sagten ihre Reise nach Pakistan kurzfristig ab; Aussenminister Araghchi pendelt zwischen den Hauptstädten. 

Gleichzeitig setzt die US-Navy ihre Kontrollmassnahmen an der Strasse von Hormus fort, während Teheran jeden Schritt in dieser Region mit äusserster Empfindlichkeit verfolgt. Im Innern verschärft das Regime die Repression, Präsident Pezeshkian warnt vor Stromknappheit, und doch nimmt Teheran erstmals seit Monaten wieder Flugverbindungen in Nachbarländer auf.

Eine neue Machtarchitektur

Auf den ersten Blick erscheint die politische Führung der Islamischen Republik Iran so geschlossen wie selten zuvor. Der äussere Druck, insbesondere durch die militärischen Eskalationen und die geopolitische Konfrontation, hat das System nicht gespalten, sondern stabilisiert. Doch unter der Oberfläche lässt sich ein struktureller Wandel erkennen, der weniger auf einen offenen Bruch als auf eine tiefgreifende Transformation der Machtverhältnisse verweist – mit unmittelbaren Folgen für den Umgang mit den USA.

Im Zentrum dieser Entwicklung steht eine schleichende, seit etwa 2023 deutlich beschleunigte Machtübernahme durch die Revolutionsgarden. Was lange als duale Verfassungsordnung angelegt war – die Balance zwischen republikanischen Institutionen und religiös legitimierter Führung unter Aufsicht des Revolutionsführers – ist faktisch ausgehöhlt worden. 

An seine Stelle ist eine neue Ordnung getreten, die sich als eine Art kollektive Militärherrschaft beschreiben lässt. Die Revolutionsgarden haben inzwischen die Funktion einer Staatsorganisation übernommen und wirken politisch wie eine Staatspartei. Die Repression im Land hat sich zuletzt noch verschärft: Menschenrechtsorganisationen berichten von einer deutlichen Eskalation der innenpolitischen Kontrolle in den vergangenen Wochen, vermutlich im Kontext der Kriegs- und Protestlage. Erneut wurden Aktivisten aufgrund behaupteter Kontakte zum Mossad oder anderer staatsfeindlicher Vergehen hingerichtet.

Dabei agieren die Revolutionsgarden nicht mehr nur als militärischer Arm des Systems, sondern als dessen politisches Gravitationszentrum. Die zivile Regierung unter Mas’ud Pezeshkian ist in diesem Gefüge zur Nomenklatura herabgestuft worden. Sie verwaltet, setzt um und stabilisiert, ohne die strategischen Linien zu bestimmen. Der Revolutionsführer wiederum hat eine Rolle eingenommen, die weniger direkt politisch als vielmehr symbolisch und ideologisch wirksam ist. Er fungiert als eine Art Schattenregent, dessen Autorität die Herrschaft der Garden legitimiert und zusammenhält.

Fragmentierte Macht statt Zentralisierung

Auffällig ist, dass diese Machtverschiebung nicht zu einer straffen Zentralisierung geführt hat. Im Gegenteil: Die Entscheidungsstrukturen wirken fragmentierter denn je. Ein informeller Führungszirkel, bestehend aus hochrangigen Politikern wie Mohammad Bagher Ghalibaf, Sicherheitsakteuren wie Ahmad Vahidi, Justizvertretern wie Gholam-Hossein Mohseni-Eje’i, religiösen Autoritäten wie Alireza A’rafi sowie den Spitzen der Revolutionsgarden und Institutionen wie dem Sicherheitsrat, bildet ein Netzwerk konkurrierender, aber ideologisch kohärenter Machtzentren.

Dass dieses Netzwerk keineswegs reibungslos funktioniert, zeigen jüngste Berichte aus israelischen und US-amerikanischen Medien, wonach Ghalibaf von der iranischen Verhandlungsdelegation abgezogen worden sein soll und der Hardliner Saeed Jalili sich vehement gegen dessen Beteiligung ausgesprochen habe. Iranische Medien haben diese Darstellung entschieden bestritten. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt dieser Berichte bleibt bezeichnend, dass Aussenminister Abbas Araghchi – der eigentliche Strippenzieher in der Verhandlungsführung – offenbar darum bemüht ist, solche Konflikte nach aussen zu glätten und die Delegation handlungsfähig zu halten. Ob es sich dabei um einen echten innerelitären Machtkampf oder um gezielte Signalpolitik handelt, lässt sich von aussen kaum beurteilen.

Zusammengehalten wird dieses Gefüge durch eine zunehmende ideologische Radikalisierung. Insbesondere der messianische Gehalt der Islamischen Revolution gewinnt an Bedeutung. Die Vorstellung, der Iran sei historisch und göttlich dazu bestimmt, eine zentrale Rolle beim Erscheinen des Verborgenen Imams zu spielen, ist nicht mehr nur ein rhetorisches Element, sondern ein handlungsleitendes Prinzip. Jalili verkörpert dieses Denken mit besonderer Konsequenz.

Doch genau hier verläuft die entscheidende Trennlinie innerhalb der Führung.

Zwei Logiken im selben System

Auf der einen Seite steht der ideologisch geprägte Führungszirkel, der diese messianische Perspektive politisch umsetzt. Für ihn ist die Konfrontation mit äusseren Gegnern kein Risiko, sondern Teil einer historischen Mission. Vor dem Hintergrund jüngster militärischer Spannungen – etwa der offenen Konfrontation zwischen Iran und USA im Persischen Golf und an der Strasse von Hormus, wo die US-Navy ihre Kontrollmassnahmen für den Schiffsverkehr fortsetzt und Iran auf jede Bewegung in dieser Region empfindlich reagiert – erscheinen Verhandlungen mit den USA in diesem Denken nicht als Mittel zur Deeskalation, sondern als Instrument zur Bestätigung und Durchsetzung der eigenen Ordnung.

Auf der anderen Seite steht die Nomenklatura, also jene Funktionsträger in Regierung und Verwaltung, die das System im Alltag stützen. Ihr Denken ist weniger visionär als vielmehr pragmatisch. Sie begreifen sich als Bewahrer, als «Katechon» im theologischen Sinne, das heisst als Aufhalter der endzeitlichen Katastrophe. Aus dieser Perspektive sind riskante aussenpolitische Schritte – etwa in der Nuklearfrage, bei der Unterstützung regionaler Milizen oder bei der Kontrolle strategischer Verkehrswege wie der Strasse von Hormus – potenziell systemgefährdend. Dass Pezeshkian zuletzt öffentlich auf die Stromknappheit im Land hingewiesen hat, ist symptomatisch für diese Haltung: Die innere Stabilität, nicht die äussere Konfrontation, steht für die Nomenklatura im Vordergrund.

Verhandlungen als Spiegel der Machtverhältnisse

Diese funktionale Differenz schlägt sich unmittelbar in den laufenden Verhandlungen nieder. Die Gespräche zwischen Iran und den USA – vermittelt über Pakistan und Oman – befinden sich derzeit in einem prekären Schwebezustand. Eine fragile Waffenruhe ist faktisch zu einem Stillstand geronnen: mehrfach verlängert, aber ohne echten Durchbruch in den Kernfragen, vor allem beim Atomprogramm und bei der Frage der Kontrolle über die Strasse von Hormus. 

Die Diplomatie der letzten Tage war bezeichnend chaotisch. Die US-Regierung sagte eine geplante Reise hochrangiger Vertreter nach Pakistan kurzfristig ab, angeblich wegen organisatorischer Probleme und politischer Spannungen. Gleichzeitig reiste Araghchi erneut nach Pakistan, um Konsultationen fortzusetzen. Die Gespräche gelten als nicht gescheitert, aber faktisch festgefahren.

Während der Führungszirkel eher bereit ist, Eskalation in Kauf zu nehmen oder sogar zu suchen, tendiert die Nomenklatura zu taktischer Mässigung und selektiven Zugeständnissen. Verhandlungen werden so zu einem Spiegel der inneren Kräfteverhältnisse. Ihre Härte oder Flexibilität signalisiert, welche Seite gerade das Übergewicht besitzt. 

Ein kleines, aber bezeichnendes Signal aus Teheran: Erstmals seit Beginn der Kämpfe wurden wieder zivile Flugverbindungen in Nachbarländer – Türkei, Oman, Saudi-Arabien – teilweise aufgenommen. Das deutet auf eine vorsichtige Stabilisierung der zivilen Lage hin, wenn auch nur in Teilregionen. Für die Nomenklatura sind solche Zeichen der Normalisierung politisch wichtig.

Dennoch wäre es verfehlt, von einem offenen Machtkampf oder gar einer Spaltung zu sprechen. Beide Lager sind Teil derselben Staatslogik und aufeinander angewiesen. Die ideologische Mobilisierung durch die Revolutionsgarden stabilisiert die Ordnung nach innen, während die pragmatische Verwaltung durch die Nomenklatura deren Überleben sichert.

Mehrstimmigkeit als strategische Stärke

Der Iran ist heute weder ein monolithischer Block noch ein System im Zerfall. Vielmehr handelt es sich um eine neu austarierte Machtarchitektur, in der ideologische Radikalität und pragmatische Vorsicht gleichzeitig wirken – und sich gegenseitig stabilisieren. Gerade angesichts der anhaltenden Spannungen im Nahen Osten, der festgefahrenen Vermittlungsgespräche und der unklaren Perspektiven für eine Wiederbelebung des Atomabkommens bleibt diese komplementäre Doppelstruktur entscheidend.

Für die Aussenwelt bedeutet das: Wer den Iran verstehen oder mit ihm verhandeln will, muss diese innere Mehrstimmigkeit ernst nehmen. Sie ist kein Übergangsphänomen, sondern Ausdruck eines Systems, das sich unter Druck nicht auflöst, sondern anpassungsfähig neu organisiert – und gerade darin seine eigentliche Stärke entfaltet.

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