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Irankrieg

Ziviler Alltag und kulturelles Erbe im Visier

16. März 2026
Ali Sadrzadeh
Polizeistation Teheran
Zerstörte Polizeistation in Teheran nach einem israelischen Luftangriff (Keystone/AP Photo, Vahid Salemi)

Die Angriffe auf Iran zielen unter anderem auf Polizeistationen. Dadurch entfällt deren Schutz für die Zivilbevölkerung vor Plünderungen. Dies stürzt das Land in ein Chaos. Zerstörungen von Kulturdenkmälern zielen zudem auf Symbole der Identität Irans.

Was ist eine Polizeistation in einer Diktatur? Nur ein Unterdrückungsapparat, die Verkörperung des Bösen schlechthin? Wenn es so einfach wäre. Die systematischen, landeweiten Angriffe auf Polizeigebäude stürzen das Land in eine völlige Unsicherheit, schaffen eine beängstigende Gegenwart und eine ungewisse Zukunft. Die Folgen sind kaum auszumalen. 

Die amerikanische und die israelische Luftwaffe haben in den letzten Tagen in Teheran mindestens zwanzig Polizeistationen bombardiert und völlig zerstört. Und es ist kein Ende in Sicht. Auch aus anderen Grossstädten wie Kerman, Isfahan, Shiraz, Shahin Shahr, Sanandaj und Kermanshah werden planmässige Zerstörungen der Polizeigebäude gemeldet. Das iranische Polizeisystem soll offenbar vollständig vernichtet werden. 

Keine Antwort bei Anrufen an Nummer 110

Zwei Wochen nach dem Kriegsbeginn fragen sich viele, wer und mit welchen Ressourcen für die alltägliche, normale Sicherheit der Bevölkerung zuständig ist. Den Menschen ist es unmöglich, ihre Häuser zu verlassen und sich woanders in Sicherheit zu bringen. Viele Häuser sind baulich noch halbwegs intakt, doch viele Fenster und Türen wurden durch Schockwellen herausgerissen. Dieben und Kriminellen haben freien Zugang, Plünderung ist programmiert. Das ist einer der Gründe, warum viele in Grossstädten wie Teheran ausharren, obwohl sie bombardiert werden.  

Es gab einst die Telefonnummer 110, für den Fall der Fälle, doch die Zeiten sind vorbei. Wie man aus Teheran und anderen Städten hört, antwortet beim Anruf auf diese Notfallnummer niemand mehr. 

Es gibt aus Stimmen, die das Verschwinden der Polizeistationen positiv sehen, da es einen Raum für Demonstranten schaffen könnte. Doch die Revolutionsgarden scheinen sich auch für diese Situation vorbereitet zu haben. Nachdem alle ihre Stützpunkte Ziele heftiger Bombardemente wurden, warten sie nun mit ihren Waffen in ihren Häusern, verteilt auf verschiedene Stadtteile. Von mehreren hunderttausend Waffen in den Häusern ist die Rede. Zudem wurden inzwischen in einigen Stadteilen von Teheran wie Share Ziba mobile Polizeistationen eingerichtet. 

Sicherlich waren Polizeizentren auch Orte der Unterdrückung. Aber nicht nur. Keine politische Oppositionsgruppe hat eine klare Vorstellung, wie die Öffentlichkeit vor Kriminalität geschützt werden soll.

Ahmadreza Radan, der sehr gefürchtete Kommandeur der Polizei, versteht diesen Wunsch der Menschen nach ganz normaler, alltäglicher Sicherheit gut, und er weiss ihn mit seinem politischen Ziel geschickt zu vermengen. Die Polizeikräfte hätten im Kriegszustand den Schussbefehl, um Dieben, und Plünderern zu begegnen. Jedes Mal fügt er auch das Wort der «Unruhestifter» hinzu und verweist auf das Strafgesetzbuch, das im Krieg eine strengere Strafe vorsieht Doch selbst nach Gesetzen der islamischen Republik gibt es im Kriegszustand einen Unterschied im Umgang mit Militärangehörigen und mit Zivilisten. 

Gezielte Herbeiführung von Chaos

Es gibt politische Aktivisten, die meinen. Polizeistationen und Strukturen der Verbrechensprävention würden deshalb gezielt angegriffen, um den Iran in ein solches Chaos zu stürzten, dass er nie mehr auf eigenen Beinen stehen kann. Für Israel ebenso wie für arabische Nachbarländer gilt der Iran inzwischen als eine derart gefährliche Bedrohung, dass er nie mehr eine Zentralregierung haben sollte. Am Donnerstag sagte Benjamin Netanjahu an die Adresse der Iraner: «Bald wird eine Situation entstehen, in der ihr euer Schicksal selbst in die Hand nehmen könnt … seid bereit.»

Nach 1979 übernahmen die siegreichen Revolutionäre die gesamte Verwaltungs-, Militär- und Polizeiinfrastruktur, die vollständig intakt war. Doch der gegenwärtige Krieg lässt keine Struktur mehr zurück. Auch diese zersplitterte Opposition, sollte sie je an die Macht kommen, braucht ein Mindestmass an Infrastruktur, um den sehr schwierigen Übergang meistern zu können. 

Beschädigung antiker Denkmäler

Der Krieg zerstört nicht nur den normalen Alltag. Auch die ferne Vergangenheit wird nicht verschont, wie alt sie auch sein mag: Am Samstag bombardierten amerikanische Kampfflugzeuge die Insel Kharg im Süden des Iran, einen Ort, der als «Lebensader des iranischen Ölhandels» bekannt ist. Öl- und Gaseinrichtungen blieben zwar intakt, doch neben militärischen Einrichtungen wurden nach offiziellen Angaben auch die historischen und archäologischen Stätten, wie das «holländische Fort», der zoroastrische Tempel und die antiken Gräber zerstört. 

In den sechzehn Kriegstagen wurden zahlreiche historische und antike Denkmäler des Landes beschädigt. Die «Blauen Schilder», die als Warnzeichen den Schutz historischer Denkmäler und Gebäude im Krieg schützen sollen, haben nicht genutzt. Das Golestan-Palast-Museum, Teile des historischen Zentrums von Teheran sowie mehrere denkmalgeschützten Häuser in Teheran wurden stark beschädigt. Dasselbe in Isfahan, wo einige Museen, historische Gebäude und archäologische Stätten getroffen wurden.

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