«Bevor du einen langen Turm klaust, muss Du einen sehr tiefen Brunnen finden.» Dieses persische Sprichwort beschreibt das heutige Dilemma vollständig. Wohin können und sollen Irans Machthaber – im Falle des Falles – fliehen? Fast nirgendwohin, ist zunächst die einfache Antwort. Kein islamisches Land, nicht einmal die Taliban im Nachbarland Afghanistan, wären bereit, eine grosse Gruppe schiitischer Revolutionäre bei sich zu dulden.
Mit Ägypten gibt es seit der Revolution vor 47 Jahren keine diplomatischen Beziehungen, und für Damaszener Ahmad Al Sharaa gilt die Islamische Republik als Hauptfeind, viel gefährlicher als Israel oder Russland. Von den Golfstaaten ganz zu schweigen, die in diesen Tagen Ziele iranischer Drohnen und Raketen sind. Es bleibt eine, aber kleine Ausnahme: Oman.
Angenommen, das Regime wird gestürzt oder kollabiert oder gibt einfach auf. Wer müsste sich in Sicherheit bringen beziehungsweise fliehen, und wie gross wäre die Zahl dieser potenziellen Flüchtlinge?
Ein Geistlicher auf 200 Einwohner
In der islamischen Republik gibt es 16 Geheimdienste mit ungefähr 100´000 Mitarbeitern. Die Revolutionsgardisten und die Paramilitärs – Basij – haben annähernd 380´000 aktive Soldaten. Die mehrere Hunderttausend Mobilisierbaren stellen ein anderes, sehr kompliziertes Problem dar. Im Sicherheitsapparat sind es also annähernd 500´000 Menschen, samt ihren Familien, die sich als erste im Ausland oder irgendwo im Land weit von ihrem jetzigen Wohnort einen Zufluchtsort finden müssten, wenn…..
Und nun kommen wir zu jener besonderen, grossen Gruppe, die am Tag danach nicht nur ihren Wohnort, sondern auch ihr Äusseres und ihren Habitus ändern müsste: Nach einer BBC-Erhebung kommt in Iran auf je 200 Einwohner ein Geistlicher. Von diesen ca. 450´000 Mullahs arbeiten 250´000 als sehr einflussreiche Beamte beim Staat. Sie sind Lehrer, Richter, mächtige Bürokraten, Geheimdienstmitarbeiter, Kulturschaffende usw. Selbst in den staatlichen Schlachtereien sind für sie geeignete Stellen kreiert worden.
Vor vier Jahren berichtete die Nachrichtenagentur Fars, eine Gruppe iranischer Geistliche, die für Überwachung der halal-konformen Schlachtung nach Türkei entsandt worden seien, bekämen monatlich 2´500 Euro.
Logistische und kulturelle Probleme
In den Provinzen, in allen grossen und kleinen Ortschaften werden die Mullahs, die in gehobenen Positionen arbeiten, als Verkörperung der Herrschaft wahrgenommen. Sie kennt jeder und bei einem Regimechange wäre für sie ein weiterer Verbleib in diesen kleinen Orten mehr als risikoreich. In den sozialen Netzwerken kursieren bereits Namen der Kandidaten, an denen Rache geübt werden soll.
Nach der Revolution von 1979 mussten mehrere Hunderttausend Staatsfunktionäre das Land fluchtartig verlassen. Sie waren zum grossen Teil gebildet, viele von ihnen hatten im Westen studiert und wenig Probleme, sich in ihren Gastländern zu integrieren. Rund um die Welt gibt es inzwischen ca. sieben Millionen Exiliraner.
Für die schiitischen Islamisten gibt es neben vielen logistischen auch erhebliche kulturelle Probleme, in anderen Gesellschaften Fuss zu fassen.
Die religiöse Grossstadt Maschhad im Nordosten des Landes ist deshalb in diesen Tag zu einem bevorzugten Zufluchtsort aufgestiegen. Maschhad, das wegen des Mausoleums des achten Imams der Schiiten den Beinamen «heilig» hat, liegt fast 1000 Kilometer nordöstlich von Teheran und hat den zweitgrössten Flughafen des Landes.
Zufluchtsort Maskat
Vor drei Tagen berichtete die Nachrichtenagentur Tasnim, Iran habe die Internationale Zivilluftfahrt-Organisation (ICAO) aufgefordert, für die lebenswichtigen Flüge den Flughafen Maschhad als sicheren Flughafen zu deklarieren. Doch Israel bombardiert seit dem Kriegsbeginn regelmässig und sehr gezielt den Teheraner Flughäfen Mehrabad, in dem ausschliesslich Inlandflüge stattfinden. Am Montag meldete die israelische Armee, in Mehrabad sei der Regierungsflieger zerstört worden, der von Ali Khamenei genutzt wurde. Damit «ist dem iranischen Regime ein weiteres strategisches Gut entzogen worden», hiess es in der auf Persisch verfassten Meldung. Teheran ist für die wenigen Entscheider in der Islamischen Republik bereits ein sehr unsicherer Ort.
Aus Oman kommen gesicherte Informationen über die Familien hochrangiger Regimevertreter wie von Ali Larijani, Abbas Araghchi und Gholam-Hossein Mohseni-Ejei, die in zwei grossen Hotels in Maskat untergebracht sind. Und für denjenigen, denen es gelungen ist, den Iran über den Grenzübergang Van in die Türkei zu verlassen, habe die iranische Botschaft in Maskat für sicheren Unterkünften gesorgt. Augenzeugen berichten, die Einkaufszentren in Maskat seien voller Frauen in Tschadors und Männer mit geistlichem Aussehen, alle vermutlich Familienangehörige von Regimeoberen, so die Augenzeugen vor Ort. Auch die Familie des Polizeikommandanten Ahmad Reza Radan ist offenbar über die Türkei in Oman eingetroffen. Radan selbst steht auf der Todesliste Israels. Wo er sich versteckt, ist ungewiss, doch aus seinem Versteck sprach er Montag früh von der Festnahme von 500 «Spionen», die Bilder und Videos an Auslandssender übermittelt hätten.