Im Morgengrauen des 19. August wird er nördlich von Granada standrechtlich erschossen und verscharrt. Doch seine sterblichen Überreste bleiben verschwunden – trotz intensiver Suche. Im Hinblick auf den 90. Todestag des grossen spanischen Dichters flammen die seit Jahrzehnten gestellten Fragen wieder auf: Warum wurde er nie gefunden? Und: Warum wurde er hingerichtet?
Sommer 1936: Eben haben sich die spanischen Falangisten (Faschisten) unter General Francisco Franco an die Macht geputscht. Federico García Lorca, einer der grössten spanischen Literaten des 20. Jahrhunderts und eine kosmopolitische Berühmtheit, wird verhaftet. Drei Tage später wird er auf der Landstrasse nach Alfacar zusammen mit drei anderen Antifaschisten von Juan Luis Trescastro erschossen.
Federico García Lorca ist nicht nur ein faszinierender Dichter, Dramatiker und Regisseur. Er ist auch Musiker, Sänger und Zeichner. «Lorca kam dem reinen Genie am nächsten», schrieb der amerikanische Kritiker Herschel Brickell. Der Herausgeber der Zeitung «Defensor de Granada» nannte Lorca «den brillantesten unter den jungen Dichtern Spaniens». Noch heute ist Lorca in Spanien der meistgespielte Theaterautor. Über keinen spanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts wurde so viel geschrieben wie über Lorca. Eugenio Scalfari, der vor vier Jahren verstorbene italienische Schriftsteller, Chefredaktor und profunde Lorca-Kenner, bezeichnete den Spanier als «einen Kultautor und eine Kultfigur der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts».
1986 ehrte der grosse Leonard Cohen, der kanadische Sänger, Komponist und Schriftsteller, den spanischen Dichter mit dem Song «Take this waltz». Der Song basiert auf Lorcas Gedicht «Pequeño vals vienés». Cohen war so fasziniert von Lorca, dass er seiner 1974 geborenen Tochter den Vornamen des Spaniers gab: Lorca Cohen. (Video siehe unten)
In den spanischen Doppelnamen bezieht sich der erste Name auf den Namen des Vaters und der zweite auf den der Mutter. Der väterliche Name «García» gehört zu den häufigsten spanischen Nachnamen und ist deshalb Verwechslungen ausgesetzt. Aus diesem Grund, und weil der Name der Mutter «spezieller» ist als jener des Vaters, wird oft der Muttername verwendet. Auch hier. Also: In der Kurzform wird Federico García Lorca meist Federico Lorca genannt.
Das Publikum stampft vor Begeisterung
Seine Homosexualität zerreisst ihn immer wieder und stürzt ihn in schwere Depressionen. Schon in der Schule bekommt er den Spitznamen «Federica». Er fürchtet, seine Eltern könnten von seiner Neigung erfahren. Doch er unterdrückt die Homosexualität keineswegs, leidet aber darunter, anders zu sein. Und immer wieder leidet er an Einsamkeit. Er ist von mehreren Frauen fasziniert, doch die wollten nichts von ihm wissen.
In Barcelona und Madrid, in Kuba und Argentinien erlebt er triumphale Empfänge: Das Publikum stampft vor Begeisterung. In Buenos Aires werden seine Stücke sechs Monate lang Abend für Abend aufgeführt. Er wird gefeiert und mit Blumen beworfen und geht von einer Party zur nächsten. Endlich verdient er viel Geld. In Buenos Aires trifft er Pablo Neruda, mit dem er sich eng befreundet. Auch Carlos Gardel, dem legendären Tangosänger begegnet er – ebenso der in Buenos Aires lebenden Tessiner Schriftstellerin Alfonsina Storni. Sie, die sich später im Meer ertränkt, ist so beeindruckt von ihm, dass sie ein Gedicht für ihn schreibt.
«Homosexuell, unmoralisch, unkatholisch und antispanisch, jüdisch»
Lorca macht keinen Hehl aus seiner ideologischen Haltung. Er hasst General Franco und seine Leute und unterschreibt mehrere Manifeste gegen die Falangisten.
Schon bald beginnt die rechtsgerichtete Presse, Lorca zu attackieren. Sein «homosexuelles, unmoralisches, unkatholisches und antispanisches Werk» wird an den Pranger gestellt. Er sei «Freimaurer», wofür es keine Hinweise gibt. Zudem habe er «jüdisches Blut», was im faschistischen Spanien fast schon ein Verbrechen war. Möglich, aber nicht bewiesen ist, dass seine Mutter jüdische Vorfahren hatte. Laut seinem Biografen Ian Gibson war Lorca selbst überzeugt, jüdisches oder konvertiert-jüdisches Blut zu haben. Jedenfalls hatte er starke Sympathien für die sephardischen Juden Andalusiens.
Verpfiffen, festgenommen
In seiner dreibändigen García-Lorca-Biografie beschreibt Gibson die letzten Tage des Dichters: Im Juni und Juli weilte er noch im sommerlichen Madrid. Er hat eben sein jüngstes Theaterstück «La casa de Bernarda Alba» («Bernarda Albas Haus») beendet und liest seinen Freunden aus dem Werk vor. Am 13. Juni begibt er sich nach Granada ins Landhaus seiner Eltern. Am 18. Juli findet der landesweit befürchtete Putsch der Falangisten statt. Der Spanische Bürgerkrieg hat begonnen.
Nachdem der faschistische Terror auch Granada mit Strassenschlachten erreicht hatte, sucht Lorca bei der befreundeten Familie Rosales Schutz, dies, obschon die Söhne der Familie Anhänger der Falangisten waren. Dort fühlt er sich geborgen, wird aber verpfiffen und festgenommen.
Gesellschaftliches Tabu
Der Mord an Federico García Lorca war unter Franco ein gesellschaftliches Tabu und wurde totgeschwiegen. Erst nach dem Tod des Caudillo und dem Ende des Franquismus Mitte der Siebzigerjahre beginnt die Aufarbeitung.
Im Jahr 2007 nimmt die Regierung des Sozialisten José Luis Rodríguez Zapatero im Rahmen des «Gesetzes über das historische Gedenken» einen Anlauf, die Überreste Lorcas zu finden. Bagger und Bodenradarsysteme werden eingesetzt. Da man nichts findet, startet man 2014 einen weiteren Versuch. Auch die drei anderen, zusammen mit Lorca Hingerichteten, bleiben unauffindbar: der anarchistische Stierkämpfer Joaquín Arcollas, der Anarchist Francisco Galadí sowie Dióscoro Galindo, ein gehbehinderter republikanischer Lehrer.
Spekulationen
Nachdem die Suche ergebnislos verlaufen war, begannen die Spekulationen, die dieser Tage wieder Hochkonjunktur haben.
Hat der Vater von Federico den Faschisten die Erlaubnis abgerungen, die Leiche seines Sohnes zu bergen und sie in einem anonymen Grab zu bestatten? Wurde Federico auf dem alten Friedhof von Fuente Vaqueros, dem Geburtsort des Schriftstellers, begraben? Oder am Stadtrand von Granada in den Gärten der Huerta de San Vicente, dem Sommerwohnsitz der Familie Lorca, der heute ein Museum ist? Oder in einer inzwischen abgerissenen Kapelle im nahen Ort Láchar? Antworten auf diese Fragen gibt es keine.
«Lasst ihn in Ruhe!»
Laura García Lorca, die Nichte des Dichters, bezeichnet Spekulationen über den Verbleib der Überreste Federicos als «Wahnvorstellung». Die Familie Lorca hat die Suchaktionen nie genehmigt. Für sie befinden sich Federicos sterbliche Überreste dort, wo man es immer gesagt hat: in einem Massengrab zwischen den Ortschaften Víznar und Alfacar. «Für uns hat es eine tiefe Bedeutung, dass seine sterblichen Überreste mit denen anderer Opfer des Bürgerkriegs vermischt sind. In diesem Grab sind alle gleich», wiederholte Laura García kürzlich. Also: «Lasst ihnin Ruhe!»
Im Rahmen der Untersuchung über den Verbleib Federicos wollte man endlich auch erfahren, weshalb Federico getötet wurde. In einem später gefundenen Polizeidokument wird er beschuldigt, ein «Sozialist», ein «Freimaurer» und ein «praktizierender Homosexueller» zu sein. Doch genügt das, um ihn zu ermorden? «Konkret» habe gegen den Dichter nichts vorgelegen, heisst es in dem Dokument.
Der Geltungsdrang des Ramón Ruiz
Ist also das Hauptmotiv für seine Hinrichtung seine öffentlich zur Schau getragene Ablehnung des Faschismus? Oder gibt es weitere Gründe? Der Rechtsextreme Ramón Ruiz Alonso, ein fanatischer Mann mit ausgeprägtem Geltungsdrang, ist es, der am 16. August mit bewaffneter Begleitung Federico Lorca im Hause der Rosales aufspürt und verhaftet. Ruiz gehört einer katholisch-konservativen Koalition an und prahlt mit der Festnahme des Dichters. Lorca wird ins Gebäude der Zivilregierung in der Calle Duquesa gebracht. «Gebt ihm Kaffee, viel Kaffee», rufen die Rechtsextremen. Dies ist ein Codewort für: «Erschiesst ihn!»
Ist also Ramón Ruiz’ Geltungsdrang der Grund für Lorcas Tod? Oder könnte es andere Gründe geben?
Zerstrittene Bourgeoisie
Einige Monate bevor er sterben wird, bezeichnet Lorca in einem Interview Granada als «arme, gedemütigte Stadt, ein ödes Land, in dem derzeit die schlimmste Bourgeoisie Spaniens ihr Unwesen treibt». Zwar stammt Federico aus eben dieser Bourgeoisie, die er nun anschwärzt. Die Lorcas gehören zu den angesehensten und wohlhabendsten Familien der granadinischen Oberschicht. Doch diese Oberschicht ist zerstritten. Die Familie Lorca hat etliche Feinde. Es geht um Erbschaften, Besitztümer und den Anbau von Zuckerrüben, der äusserst lukrativ geworden war, seit Spanien seine kubanische Kolonie und deren Zuckerrohrplantagen verloren hatte.
Tatsache ist, dass sich mehrere der Feinde der Lorcas dem nationalistischen (falangistischen, faschistischen) «Alzamiento» anschlossen und möglicherweise eine Rolle bei Federicos Ermordung spielten. Doch all das sind nur Vermutungen.
Der gekränkte Polizeichef
Und noch eine gewagte These wird neuerdings geäussert. Federico García Lorca hat in der Gedichtesammlung «Romancero Gitano» die Brutalität der Polizei, der Guardia Civil, angeprangert. Das liess die Polizeiführung nicht auf sich sitzen und strengte einen Prozess gegen den Dichter an. Lorca wurde zwar freigesprochen, doch die Polizei empfand das Gedicht als tiefe Kränkung und Ehrverletzung.
Später wird in alten Akten der Name Nicolás Velasco Simarro entdeckt. Der Oberstleutnant der Guardia Civil kannte erwiesenermassen das umstrittene Gedicht. Er war eine prominente Figur bei der Unterdrückung der republikanischen Antifaschisten in Granada. Und: Er stand einem Familienclan nahe, der mit der Lorca-Familie verfeindet war. Hat Velasco Simarro den Befehl zur Ermordung von Federico gegeben?
«Begrabt mich mit meiner Gitarre»
Je berühmter jemand ist, je unklarer die Umstände seines Todes sind, desto mehr wird spekuliert. Jetzt, zum 90. Todestag des Dichters am 19. August 1936, wird wieder gerätselt, gegrübelt und vermutet. Doch vieles deutet darauf hin, dass das Rätsel um Federico García Lorca auch zu seinem hundertsten Todestag nicht gelöst sein wird.
Federico wusste, dass ihn die Faschisten töten wollten. In dem Gedicht «Abschied» heisst es:
«Wenn ich einmal sterbe
begrabt mich mit meiner Gitarre
unter dem Sand.
Wenn ich einmal sterbe,
zwischen den Orangenbäumen
und der Minze.
Wenn ich einmal sterbe!»
Er wurde nicht mit seiner Gitarre unter dem Sand begraben. Er starb auch nicht zwischen Orangenbäumen und Minze. Kurz nach Sonnenaufgang am 19. August 1936 feuerte ein Erschiessungskommando mehrere Schüsse auf ihn ab. Er war nicht sofort tot. Später prahlte der Franco-Anhänger Juan Luis Trescastro im Dorf: «Da er schwul war, habe ich ihm noch zwei Schüsse verpasst: in den Arsch.»
Leonard Cohen: «Take this waltz» (1986)