Direkt zum Inhalt
  • Politik
  • Kultur
  • Wirtschaft
  • Gesellschaft
  • Medien
  • Über uns
close
Philosophie des Alltags

Lob des aussichtslosen Handelns

15. August 2026
Eduard Kaeser
Don Quichotte
Adolph Schroedter (1805–1875): Don Quichotte, im Lehnstuhl lesend, um 1834 (Google Art Project)

Beim berühmten Duo des Don Quichotte und des Sancho Pansa sind die Wertungen gemeinhin klar: hier ist der Phantast, der ständig Illusionen erliegt, dort der Realist, der seinen schwadronierenden Gebieter auf der Spur hält. Doch man kann das anders sehen.

Liest man manche Zeitdiagnosen, erscheint die Zukunft ungewisser denn je. Und für nicht wenige Menschen nimmt sie dystopische, ja apokalyptische Züge an: Klimakollaps, technologische Entgrenzung, Ausplünderung des Planeten, geopolitische Konflikte, demografische Verwerfungen. Alles geht den Bach runter. Welchen Sinn hat es noch, einer unausweichlichen Entwicklung etwas entgegenzusetzen?

In dieser Aussichtslosigkeit gewinnt eine berühmte Figur der Weltliteratur neue Aktualität: Cervantes’ Don Quichotte. Er sieht in Windmühlen Riesen, die es zu bekämpfen gilt – ein Fall von wahnhaftem Wagemut, so der gängige Befund. Sein Begleiter Sancho Panza mit dem etwas plattfüssigen Verstand sagt ihm: Du kämpfst gegen eine Einbildung. Die vermeintlichen Riesen sind nichts als Windmühlen. Und gegen ihre Mechanik anzukämpfen ist sinnlos. Nennen wir diese Haltung Panzaismus.

            *          *          *

Ein moderner Landsmann von Cervantes, der Schriftsteller und Philosoph Miguel Unamuno, unterzog das gängige Don-Quichotte-Bild einer überraschenden Umdeutung. Er sah nicht in Quichotte, sondern in Sancho Panza den von Illusionen Getriebenen – oder genauer: den vor Angst in den Konformismus Getriebenen. Es sei nicht wert, Windmühlen anzugreifen, unbesiegbare Gegner zu bekämpfen, unlösbare Probleme zu lösen – diese Überzeugung verrate den Wahn. Sie führt in die Paralyse des Denkens und treibt uns den Möglichkeitssinn aus.

Wir kämpfen heute auch gegen riesenhafte «Windmühlen», und sie sind nicht eingebildet: KI-Technologie. Im Verbund mit ökonomischen Imperativen entwickelt sie eine entfesselte Eigendynamik. Der Kampf gegen ihre Übermacht erscheint umso aussichtsloser, als digitale Systeme längst unsere alltäglichen Verhaltensweisen prägen. Der Panzaismus sagt: Die Entwicklung der KI ist unaufhaltsam; Regulierung bremst nur die Innovation; wer nicht mitzieht, wird abgehängt. Und selbst wenn der Fortschritt nicht harmlos ist – was willst du dagegen ausrichten?

            *          *          *

Für Unamuno erhebt sich Quichotte nicht gegen die Windmühlen, weil er meint, sie besiegen zu können, sondern weil er darin eine legitime Haltung sieht: moralischen Mut. Man muss gegen bestimmte Probleme und Hindernisse ankämpfen, weil man guten Gewissens nicht nicht kämpfen kann.

Nennen wir diese Haltung quichottischen Pessimismus. Im Unterschied zum Optimisten, der letztlich an den Sieg glaubt, erkennt er die hohe Wahrscheinlichkeit der Niederlage an – und verfällt dennoch nicht der Resignation. Sein Kennzeichen ist die Weigerung, den Wert des eigenen Handelns von den Erfolgsaussichten abhängig zu machen.

            *          *          *

Das widerspricht gängigem Politikverständnis. Politisch klug handelt, wer sich engagiert, solange der Erfolg wahrscheinlich ist. Man nennt dies auch die Kunst des Möglichen. Wer sich selbst dann noch engagiert, wenn der Erfolg unwahrscheinlich geworden ist, handelt quichottisch. Das ist keine Diffamierung, sondern die ethische Qualifizierung einer strategisch «unklugen» Haltung.

Wechseln wir die Blickrichtung, von der Zukunft in die Vergangenheit. Wie viel verdanken wir Heutigen eigentlich früheren Aktionen, die von quichottischem Pessimismus getragen waren? Was wissen wir von all jenen Namenlosen, die in keiner Überlieferung stehen, die ihr Leben einer vermeintlich aussichtslosen Sache verschrieben, angetrieben von einer seltsamen Alchemie aus Hoffnung, Verzweiflung und Durchhaltewillen? Sie trugen mit ihrem moralischen Mut oft dazu bei, die Voraussetzungen für die Siege späterer Generationen zu schaffen. Die Kämpfe um demokratische Ordnung, um die Abschaffung der Sklaverei, um Bürger- und Frauenrechte, um gleiche Bildungschancen – sie alle hatten auf weiten Strecken das Gepräge vom Kampf gegen Windmühlen.

            *          *          *

Vergessen wir schliesslich eine banale Variante des quichottischen Pessimismus nicht. Wer hat nicht schon bei alltäglichen Verrichtungen die Frage gestellt: Was nützt es eigentlich, wenn ich den Abfall trenne, mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre oder regional und saisonal einkaufe? Verschaffe ich mir dadurch nicht einfach ein gutes Gewissen? Erscheint ein solcher individueller Kampf gegen das Riesenproblem des planetarischen Klimawandels nicht fast lächerlich – eben quichottisch?

Ja, und gerade deshalb sollten wir ihn führen, wie ohnmächtig wir uns als einzelne Handelnde auch fühlen. Er stärkt unseren Möglichkeitssinn und bewahrt uns vor der Paralyse des «Was nützt es schon?» Möglichkeitssinn heisst: Andere könnten es ebenso tun. Wir tun es, selbst wenn wir nicht erfahren, was unsere kleinen, scheinbar nichtigen Anstrengungen in einer späteren Generation bewirken.

Hüten wir uns bloss vor der Romantisierung dieses Heroismus. Er entbindet nicht von Realismus und Sachverstand. Aber wenn diese uns sagen: «Die Aussicht auf Erfolg ist schlecht», rüstet uns der quichottische Pessimismus gerade in der Aussichtslosigkeit mit einem moralischen Kompass aus – und verleiht dem Handeln das, was es vielleicht braucht: einen Schuss absurder Würde.

Letzte Artikel

Johann Sebastian Bachs «Die Kunst der Fuge»

Iso Camartin 15. August 2026

Siegmund setzt auf Sieg: «Alles ist möglich»

Thomas Burmeister 14. August 2026

Drecksgeschäfte

Fabian Molina 14. August 2026

Kleiner Selbstversuch mit KI

Sabine Windlin 13. August 2026

Trumps Flucht im Container

Erich Gysling 12. August 2026

Die Revolutionsgarden festigen ihre Position unter Mojtaba Khamenei

Reinhard Schulze 11. August 2026

Newsletter abonnieren

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Zurück zur Startseite
Leserbrief schreiben
Journal 21 Logo

Journal 21
Journalistischer Mehrwert

  • Kontakt
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Newsletter
To top

© Journal21, 2021. Alle Rechte vorbehalten. Erstellt mit PRIMER - powered by Drupal.