Die Russland-Kennerin Christiane Hoffmann schildert ihre frühen Erfahrungen und Hoffnungen, die sie mit diesem Land und mit der Ukraine verbinden. Sie verknüpft die Enttäuschung über die geplatzten politischen Träume mit der tiefen Trauer über den Suizid einer engen Freundin. Hätten die beiden Tragödien verhindert werden können?
«Dies ist ein Buch der Trauer über das, was nicht möglich war. Der Trauer um die Ukraine, um Russland, um meine Freundin, um uns alle.» So beginnt das Buch von Christiane Hoffmann, mit der sie sich mit der Tragödie des Ukraine-Krieges, dessen Hintergründen und der tödlichen Depression ihrer deutschen Freundin auseinandersetzt, mit der sie einst in Russland studiert und für dessen Kultur begeistert hatte.
Als Studentin in Leningrad
Schon im nächsten Satz kommt aber auch die Ambivalenz und Widersprüchlichkeit zum Ausdruck, mit der die Autorin diesen Themenkomplex zu durchdringen und zu klären sucht. Es sei ein Buch, «über was wir versäumten, was wir nicht vermochten, wofür die Kraft nicht reichte, wofür der Mut fehlte.» Hätte man also den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und den Tod der suizidalen Freundin verhindern können? Christiane Hoffmann klammert sich immer wieder an diese Möglichkeit – obwohl sie diese selbst ebenso häufig mit stringenten Fakten und Argumenten widerlegt.
Die Autorin ist eine kompetente Kennerin der vielschichtigen russischen Wirklichkeit, ihrer Sprache und Kultur. Ihre erste Russisch-Lehrerin in Deutschland war die berühmte Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geyer. Als Studentin wohnte sie Ende der 1980er Jahre in einem Wohnheim im damaligen Leningrad. Sie taucht ein in die aufregende spätsowjetischen Künstler- und Theaterwelt und Gorbatschows Perestroika-Hoffnungen. Sie fährt mit Kommilitoninnen hinaus zum Grab der Dichterin Anna Achmatowa in Komarowa, die der Humanist und spätere Dissident Lew Kopelew einmal als «Kaiserin der Poesie» bezeichnet hatte und die sie und ihre Freundin tief verehren.
90 Prozent der Ukrainer für Unabhängigkeit
Im Sommer 1991 arbeitet Christiane Hoffmann als Radio-Praktikantin in Kiew. In der ukrainischen Hauptstadt verfolgt sie den Putschversuch reaktionärer russischer Apparatschiks gegen Gorbatschow in Moskau. Der Anschlag misslingt zwar, aber er beschleunigt den Auflösungsprozess des Sowjetimperiums. Im Dezember des gleichen Jahres stimmt die ukrainische Bevölkerung in einem Referendum mit über 90 Prozent für die staatliche Unabhängigkeit. Für die meisten Beobachter und selbst für die Ukrainer ist das ein verblüffender Stimmungswandel, denn noch kurz zuvor war die Idee einer ukrainischen Separation von Russland kein grosses Thema gewesen.
Die junge Slawistin beginnt ein Praktikum in der Redaktion der «Frankfurter Allgemeinen» und wird ab 1996 dank ihren russischen Erfahrungen und Sprachkenntnissen politische Korrespondentin in Moskau. Hier lernt sie den Schweizer Diplomaten Tim Guldimann kennen, der beim Zustandekommen eines Waffenstillstandes zwischen der Regierung Jelzin und tschetschenischen Rebellen eine wichtige Vermittlerrolle spielte. Sie sind seit über 25 Jahren verheiratet.
Umstrittene Nato-Osterweiterung
Die Freundin der Autorin, die im ganzen Buch aus nie beim Namen genannt wird und deren Talent und Kontaktfreudigkeit sie in jungen Jahren bewundert, hat sich in den Moskauer Künstler Andrei verliebt. Doch kurz nachdem die beiden ein festes Paar geworden sind, wird bei Andrei in Deutschland Multiple Sklerose diagnostiziert. Die Freundin kümmert sich intensiv und klaglos um ihren russischen Lebensgefährten. Sein Tod erschüttert sie schwer.
Das grosse, alles andere überwölbende Thema, mit dem Christiane Hoffmann in diesem Buch ringt, ist der Ukraine-Krieg und Russlands Abgleiten in eine nationalistische Diktatur unter Putin. Aus verschiedenen Perspektiven stellt sie immer wieder die Frage, ob und wie die umstrittene Nato-Osterweiterung diese deprimierenden Entwicklungen beeinflusst und provoziert haben. War es gerechtfertigt, die ostmitteleuropäischen und die baltischen Staaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Moskau als Satelliten dominiert und kujoniert wurden, in das westliche Verteidigungsbündnis aufzunehmen?
Widersprüchliche Antworten
Die Antworten, die die Autorin auf diese Fragen gibt, sind keineswegs eindeutig, sondern oft klar widersprüchlich. Das entspricht offenbar der gefühlsmässigen Ambivalenz und Zwiespältigkeit, die sie empfindet, wenn sie die Gründe und Motive zu klären versucht, die nach den anfänglich hoffnungsvollen demokratischen Aufbrüchen unter Gorbatschow und Jelzin zum allmählichen Rückfall Russlands in eine korrupte Diktatur und schliesslich zum mörderischen Angriffskrieg gegen die Ukraine geführt haben.
Sie spricht von einer «Liste von Versäumnissen», die man Deutschland und dem Westen gegenüber der Ukraine und gegenüber Russland ankreiden könnte. Diese Liste aber klingt reichlich abstrakt und spekulativ. Da ist die Rede von einem in den neunziger Jahren ausgebliebenen westlichen Marshallplan für Russland, die Ukraine und die Staaten der ehemaligen Sowjetunion, mit dem man die Transformation dieser Länder besser hätte stützen können. Sehr zweifelhaft, ob man damit Putin im Kreml verhindert hätte. Die Balten und Osteuropäer jedenfalls haben diese Transformation geschafft – auch ohne Marshallplan.
Die Interessen der Osteuropäer
Verpasst worden sei auch der Versuch, eine «gemeinsame Sicherheitsarchitektur» (was immer dieser blutleere Begriff praktisch bedeuten mag) mit Russland aufzubauen. Erwähnt wird immerhin die 1997 vereinbarte Absichtserklärung der «Russland-Nato-Grundakte» mit der Jelzin-Regierung. War das nicht ein möglicher Anfang für eine engere Verzahnung zwischen Moskau und dem westlichen Bündnis. Auf russischer Seite habe man das als «ein Platz am Katzentisch» wahrgenommen, schreibt Christiane Hoffmann.
Im Gegensatz zu manchen ideologisch fixierten Putin-Verstehern im Westen wird von ihr das Argument nicht unterschlagen, dass es in erster Linie die unabhängig gewordenen Osteuropäer waren, die in die Nato drängten. Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen als sowjetische Zwangsverbündete war und ist deren Sicherheitsbedürfnis gegenüber dem benachbarten Koloss im Osten unschwer nachzuvollziehen. Putins Überfall auf die Ukraine hat dieses Bedürfnis gewiss nicht verschwinden lassen.
Putins «Dokument des Wahns» zur Ukraine
Und anders als links- und rechtsextreme oder schlicht naive Putin-Verharmloser stilisiert die Autorin den Kremlchef auch nicht zu einem «missverstandenen» Patrioten, der vom Westen gezielt in die Ecke gedrängt wurde. Sie charakterisiert ihn als skrupellosen Machtmenschen, der tiefsitzende Ängste in der Bevölkerung von einer äusseren Bedrohung bewusst schürt, um seinen Krieg gegen die Ukraine zu rechtfertigen.
Ein im Jahr vor dem Angriff veröffentlichter langer Aufsatz Putins trägt den Tiel «Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern». Die Schrift wird mit gutem Grund als ein «Dokument des Wahns» bezeichnet. In Berlin habe man sich damals gefragt, ob Putins Essay wie Hitlers «Mein Kampf» gelesen werden müsse. Christiane Hoffmann nennt das das ellenlange Elaborat «das Manifest, das den Krieg begründet». Ein Gespräch mit Putin sei kaum noch möglich gewesen. Die letzte Phase vor der Invasion in die Ukraine erlebt sie als stellvertretende Regierungssprecherin der Ampel-Koalition in Berlin. Präsident Macron und Bundeskanzler Scholz, die ihn im Februar 2022 durch dringliche Besuche vor einem Angriff abzuhalten versuchen, empfängt Putin in bizarrer Inszenierung am andern Ende eines überlangen Tisches und lügt ihnen ins Gesicht, es gebe keine Einmarschabsichten.
«Rebellion gegen die Realität?»
In dem Buch über die zerbrochenen Träume von einem demokratischen, zunehmend in Europa integriertes Russland und das Trauma vom Suizid der vertrauten Freundin stösst der Leser gelegentlich auch auf Überlegungen, in denen die Autorin ihre quälenden Erklärungsversuche selber skeptisch in infrage stellt. Einmal heisst es: «Vielleicht haben diejenigen recht, die sagen, dass der Westen Russlands Entwicklung gar nicht beeinflussen konnte. Und wer anders denkt ist grössenwahnsinnig, eine Form von Hybris. Und vielleicht ist es grössenwahnsinnig zu glauben, ich hätte meine Freundin davon abhalten können, sich das Leben zu nehmen.»
Nach Ansicht dieses Rezensenten sprechen die Fakten und Argumente, die die Autorin in ihrem Buch ausbreitet, deutlich für diese Interpretation. Das gilt in erster Linie für den Tod ihrer geliebten Freundin. Er war offenbar weitgehend genetisch bedingt, wie sie selber festhält: Ein erster Selbstmordversuch war gescheitert. Ihr Vater war hochdepressiv. Eine Cousine hatte sich umgebracht. «Das Schicksal meiner Freundin war vorbestimmt, ihr Tod vorbestimmt, ihr Tod unausweichlich.» Doch Christiane Hoffmann hadert mit diesem Schicksal. Sie ist nicht bereit, es fatalistisch zu akzeptieren. «Ich ringe mit diesem Widerstreit» - um gleich hinzuzufügen: Ist diese Verweigerung nicht eine Rebellion gegen die Realität?».
Lebendige Erinnerungen, zwiespältige Hintergründe
Es bleibt dem Leser überlassen, wie er diese Widersprüchlichkeit einschätzt. Wer sich allgemein für den Themenkomplex Russland, seine Kultur, die turbulenten, aber keineswegs völlig unblutigen (Stichwort Tschetschenien!) Vorgänge bei der Auflösung des Sowjetreiches und die Anfänge der ukrainischen Staatsgründung interessiert, wird in diesem Buch mit lebendigen Schilderungen von persönlichen Erfahrungen und wirklichkeitsnahen Facetten aus erster Hand bedient. Wer aber überzeugende Antworten über die Hintergründe von Russlands Rückfall in die Despotie und den Ausbruch des Ukraine-Krieges erwartet, den lässt die Autorin eher ratlos zurück.