Seit Beginn des Krieges gegen den Iran hat die Zahl der Attacken israelischer Siedler auf palästinensische Dörfer im Westjordanland alarmierend zugenommen. Doch der Terror der Extremisten bleibt weitgehend ungestraft. Israels Sicherheitskräfte schauen dem zerstörerischen Treiben ziemlich passiv zu. Noch bleiben die Mahnungen prominenter jüdischer Stimmen ungehört, gezielter gegen die Siedlergewalt vorzugehen.
Mehr als 600 prominente Juden der Diaspora - unter ihnen führende Philanthropen, einflussreiche Rabbiner und frühere Regierungsmitglieder - haben vergangene Woche Israels Präsidenten Isaac Herzog aufgefordert, «der Schande des Terrors jüdischer Extremisten sowie der Ära der Straflosigkeit für die Täter ein Ende zu setzen.» Der Terror, heisst es im Brief, sei nicht nur «moralisch verwerflich», sondern stelle «eine strategische Gefahr für die Zukunft Israels» dar: «Er schadet dem Weltjudentum und der Beziehung künftiger Generationen zu Israel.»
«Eine ethnische Säuberung»
Basierend auf jüngsten Ereignissen und Aussagen der extremsten Angehörigen der Regierungskoalition unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kommt das Schreiben zum Schluss, «dass die Gewalt, die jetzt das Westjordanland heimsucht, von der Regierung nicht nur geduldet, sondern in Wirklichkeit deren Politik ist.» Der Absender des Briefs, «The London Initiative» (TLI), versteht sich als Netzwerk von Change Makers, das die liberale Demokratie in Israel fördern, sich den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern einsetzen und die Beziehungen zwischen Israel und der jüdischen Diaspora verbessern will. Bereits im vergangenen August hatte die Organisation an Premier Netanjahu geschrieben und gewarnt, die Politik und die Rhetorik seiner Regierung verursache «dauernden Schaden» für Israel und das jüdische Volk.
Zu den lautstärksten Kritikern der israelischen Regierung gehört der frühere Ministerpräsident Ehud Olmert. Eine gewalttätige und kriminelle Anstrengung sei im Gang, palästinensische Gebiete im Westjordanland ethnisch zu säubern», hat er im vergangenen Monat in der liberalen Tageszeitung «Haaretz» geschrieben: «Banden bewaffneter Siedler verfolgen, schaden, verletzen und töten sogar Palästinenser, die dort leben. Die Randale beinhalten das Abbrennen von Olivenhainen, Häusern und Fahrzeugen; das Einbrechen in Häuser und tätliche Angriffe auf Leute.»
Die Siedler, so Ehud Olmert, würden ausserdem Schafherden schaden, sie vertreiben und zu stehlen versuchen: «Die Randalierer, jüdische Siedler, stürmen mit Hass und Gewalt auf Palästinenserinnen und Palästinenser los mit einem Ziel: sie zu zwingen, aus ihren Heimen zu fliehen.» All das täten die Siedler in der Hoffnung, dass das Land dann für jüdische Besiedlung vorbereitet werde, als Zwischenhalt auf dem Weg, den Traum zu realisieren, alle Gebiete zu annektieren.»
«Eine bedrohliche Minderheit»
Polizisten und Soldaten würden vor all dem die Augen verschliessen, stellte der frühere israelische Premier fest: «Jene, welche versuchen, die Randalierer zu verteidigen, behaupten, es handle sich um eine kleine Minderheit, ein paar Dutzend Teenager-Hooligans, die nicht repräsentativ sind für die Bevölkerung, welche in den Gebieten lebt und angeblich die Gewaltakte verurteilt.»
Ähnlich wie die Mehrheit der israelischen Bevölkerung des Westjordanlands argumentierte Mitte März Eyal Zamir, der Generalstabschef der israelischen Armee (IDF). Zwar räumte der General ein, Siedlergewalt verursache den IDF «aussergewöhnlichen strategischen Schaden», aber er insistierte, für solche Vorfälle wäre nur eine Minderheit verantwortlich, welche nicht die Siedlerbevölkerung repräsentiert: «In den vergangenen Monaten ist es zu einer Zunahme von nationalistischen Verbrechenszwischenfällen gekommen, die gegen unsere Truppen und die Zivilbevölkerung gerichtet waren. Es ist nicht annehmbar, dass die IDF während eines Mehrfrontenkriegs auch gezwungen werden, eine bedrohliche Minderheit von Innen zu konfrontieren.»
Die Armee als Komplizin
General Zamir hatte sich bereits Anfang Februar zum Thema Siedlergewalt geäussert und gefordert, die israelische Armee müsse etwas dagegen unternehmen: «Ultranationales Verbrechen schadet der Armee und dem Land.» Die Sicherheitskräfte hätten eine Verpflichtung, «unverzügliche zu reagieren und nicht tatenlos zuzusehen.»
Schön und gut, fand ein Leitartikel in «Haaretz», aber das Problem gründe tiefer als in einem Mangel an Durchsetzungsvermögen: «Zamir weiss das und spielt den Unschuldigen. Das Militär übersieht die Siedlergewalt und kooperiert manchmal mit ihr. Um diese Gewalt zu bekämpfen muss die Armee ihre Erscheinungsformen erkennen und akzeptieren, dass sie dabei eine Komplizin ist, zumindest was die «weichen» Manifestationen (der Gewalt) betrifft.»
«Einige Hunde getötet»
Die Gewalt, so «Haaretz», beschränke sich nicht nur auf Brandstiftung, brutale Attacken oder kurzfristige Pogrome, obwohl die IDF auch solche Phänomene nicht verhinderten: «Die extremsten, nicht zu übersehenden Vorfälle, jene, welche die Aufmerksamkeit der Medien erregen, stellen nur einen kleinen Teil des täglich andauernden Gewaltmusters dar. Statt sie einzudämmen, beschützt die Armee oft die Täter.»
Oder die Sicherheitskräfte werden selbst zu Tätern wie jüngst in der Nähe des Dorfes Tammun im Westjordanland, wo verdeckte Ermittler der Grenztruppen vier Mitglieder des Familie Bani Odeh erschossen, die zum Ende des Fastenbrechens nach Mitternacht in einem Auto unterwegs war, nachdem sie in Nablus zur Feier des Tages Doughnuts gekauft hatte. Doch als sich das Auto langsam einer Mauer näherte, hinter der sich die Grenzsoldaten versteckten, eröffneten diese das Feuer und töteten ohne Vorwarnung Vater Ali Khaled Othman, dessen Frau Othman Bani Odeh sowie zwei von vier Kindem, den siebenjährigen Othman und den fünfjährigen Mohammed. Der achtjährige Mustafa und der elfjährige Khaled überlebten leicht verwundet. Laut der israelischen Menschenrechtsgruppe B’Tselem liessen die IDF zuerst keine Krankenwagen ins Gebiet, um die beiden Kinder medizinisch zu versorgen. Khaled erzählte später, die Soldaten hätten ihn an den Haaren aus dem Auto gezerrt, getreten, geschlagen und gesagt: «Wir haben einige Hunde getötet.»
«Bedroht gefühlt»
Einem IDF-Sprecher zufolge hatte sich die «Einheit «bedroht gefühlt», als das Fahrzeug in Richtung der Truppe fuhr. «Ein Vater, eine Mutter und vier Kinder, die beschleunigten. Das ist kaltblütiger Mord», zitierte «Haaretz» einen Verwandten der Familie. Über eine Woche nach dem tödlichen Vorfall war noch keiner der beteiligten Grenzpolizisten von den zuständigen Behörden befragt worden.
Dem israelischen Justizministerium zufolge ist das nicht geschehen, weil die Ergebnisse der Ermittlungen darauf hindeuteten, die Soldaten hätten «aus Angst um ihr Leben» geschossen. Wenn aber, fragte «Haaretz», weder die Grenzsoldaten noch die palästinensischen Augenzeugen oder die beiden überlebenden Kinder befragt worden sind, wie konnte das Ministerium zu einem solchen Schluss kommen?
«Keine unschuldigen Kinder»
Yitzhak Kroizer, ein Knesset-Abgeordneter der Rechtsaussen-Partei «Otzma Yehudi», sagte im Parlament zum Fall der Familie Bani Odeh, es gebe in Jenin «keine unschuldigen Zivilisten, keine unschuldigen Kinder». Er stehe, sagte der Politiker, in jeder Situation voll hinter den Soldaten, und es mache ihm nichts aus, wenn die Nebenschäden Frauen und Kinder betreffen würden: «Ich habe kein Mitgefühl für meine Feinde.» Die Kinder, die 2006 in Gaza geboren wurden, als sich Israel aus dem Küstenstreifen zurückzog, seien «dieselben», die später Nakhba-Kämpfer geworden seien, jene Elite-Terroristen der Hamas, die am 7. Oktober 2023 rund 1'200 Israelis massakriert hätten.
Yitzhak Kroizer forderte ferner die Besetzung des Südlibanons bis zum Litani-Fluss und die ethnische Säuberung libanesischer Zivilisten: «Der Feind versteht nur, dass er einen Preis zahlt, wenn du ihm das Land wegnimmst: «Nur Souveränität und Besiedlung.» Der Politiker schlug vor, auch in Syrien Siedlungen zu errichten: «Die Pufferzone in Syrien zeigt, dass die IDF allein, ohne jüdische Siedlungen, keinen Erfolg haben werden.» Kroizers Traum: ein jüdischer Staat «bis zu Euphrat und Tigris» - das biblische Gross-Israel.
Auch sexuelle Übergriffe
Schlagzeilen bis in die «New York Times», von mehreren Augenzeugen und einem Menschenrechtsaktivisten bestätigt, machte auch der Fall des 29-jährigen Suhaib Abualkebash vom 13. März. Mehr als 20 Siedler wüteten in der Beduinen-Siedlung Khirbet Hamsa, terrorisierten Frauen, schlugen oder kickten Kinder und fesselten Erwachsene. Die Randalierer nahmen den 29-jährigen Schäfer fest, zogen ihn nackt aus, fesselten seine Arme und Beine und befestigten Kabelbinder an seinem Penis.
»Ich dachte, ich würde sterben», sagte der Palästinenser: «Ich dachte, das war das Ende.» Siedler schlugen seine Frau, ihre drei Töchter, seinen Bruder Mohammed, dessen Frau und sieben Kinder. Nur ein vier Monate altes Baby liessen die Eindringlinge schlafen. Sie stahlen auch die ganze Schafherde der Familie – 400 Tiere – sowie Eheringe und anderen Schmuck, Handys und ID-Papiere. Suhaib Abualkadesh erinnerte sich: «Sie sagten: Wenn ihr nicht verschwindet, werden wir euch verbrennen. Wir werden euch schlagen. Wir werden euch eure Kinder wegnehmen und wir werden eure Frauen vergewaltigen.»
«Palästinensische Lebern sind billig»
Die Schwere der derzeitigen Situation könne nicht genug betont werden, schrieb bereits im Februar «Haaretz» in einem Leitartikel. Der Geist des rechtsextremen nationalen Sicherheitsministers Itamar Ben-Gvir habe offenbar auch über das Justizministerium Kontrolle übernommen: «Das Töten von Arabern, jede Tötung einer Araberin oder eines Arabers, ist kein Verbrechen und erfordert keine Untersuchung.»
Auf jeden Fall haben israelische Sicherheitskräfte seit Anfang Jahr im Westjordanland 26 Palästinenserinnen und Palästinenser, unter ihnen acht Kinder, getötet. Seit dem Massaker der Hamas haben Soldaten der IDF und israelische Siedler Angaben der Uno zufolge über 1'000 Menschen im besetzten Gebiet ums Leben gebracht.
Der Schluss, den Grenzsoldaten ziehen würden, ist laut «Haaretz» offensichtlich: «Palästinensische Leben – unschuldige Erwachsene, Kinder, Behinderte – sind billig, ihr Blut kann straflos vergossen werden. Tötest du ohne Rechtfertigung? Nichts Schlimmes wird dir passieren; du wirst nicht mit Fragen belästigt werden, um die Gründe und die Umstände deines abscheulichen Verbrechens zu erkunden.»
«Ein Versagen der Verantwortung»
Nachdem Dutzende jüdischer Siedler am vergangenen Wochenende an mehreren Orten palästinensische Dörfer angegriffen und wie in Masafer Yatta Menschenr verwundet hatten, verurteilte auch Yair Golan, Chef der israelischen Mitte-Links-Demokraten, die Siedlergewalt im Westjordanland. Er schrieb auf X: «Während wir im Iran und an der Nordgrenze kämpfen, im Visier von Raketenangriffen sind und viele schwer Verwundete zu beklagen haben, ermutigt diese Regierung (Netanjahus) totale Anarchie.» Jüdischer Terrorismus, so der Politiker, breite sich aus, vom Krieg profitierend, mit Unterstützung extremistischer Minister und dank dem gefährlichen Zuspruch des Premiers und des Verteidigungsministers: «Das ist ein Versagen der Verantwortung, was Israels Sicherheit betrifft.»
Die Attacken des vergangenen Wochenendes erfolgten angeblich als «Vergeltung» für einen Siedler, der bei einem Verkehrsunfall mit einem palästinensischen Fahrer ums Leben gekommen war. Finanzminister Bezalel Smotrich plädierte bei der Beerdigung des Verkehrsopfers für eine unbehinderte Besiedlung des Westjordanlands: «Wir werden die Grenzen, die Definitionen und die Buchstaben ausradieren und wir werden unser Land in seiner ganzen Ausdehnung besiedeln.»
«Land von Gott versprochen»
Adel Hamamdeh lebt mit seiner Familie in der Umgebung von Masafer Yatta auf Land, das seit 80 Jahren seiner Familie gehört: «Jeden Tag gibt es Attacken. Wir fragen sie, warum tut ihr das? Seit dem Beginn des Krieges (gegen den Iran) haben die Angriffe sprunghaft zugenommen. Wir leben in ständiger Furcht und die Kinder sind verängstigt.» Die Siedler, sagt der Palästinenser, würden alle möglichen Taktiken anwenden: «Sie haben uns mit Pfefferspray besprüht, geschlagen, die IDs meiner Kinder weggenommen, Frauen geschlagen und unsere Schafe gestohlen. Sie haben jüngst gedroht, mich und meine Familie zu töten und mir gesagt, ich hätte noch ein paar Tage Zeit, um nach Mekka oder Jordanien wegzugehern, weil ihnen dieses Land von Gott versprochen worden sei.»
In den ersten zweieinhalb Monaten dieses Jahres sind im Westjordanland laut Zahlen der Uno bereits 95 Prozent so viele Palästinenserinnen und Palästinenser nach Attacken israelischer Sedler und Soldaten vertrieben worden wie in ganz 2025. Ausserdem hat die israelische Armee die Bewegungsfreiheit der Menschen im Gebiet mit Barrieren und Checkpoints noch stärker eingeschränkt, während die Siedler selbst Zugänge zu vielen palästinensischen Städten und Dörfern versperrt haben.
«Die Welt schaut blinden Auges auf uns», sagt Taxifahrer Fadi Issa, dessen Fahrzeug und Mittel zum Lebensunterhalt für eine neunköpfige Familie Siedler in einem Dorf südlich von Nablus abgefackelt haben: «Wir wurden schon lange vor dem Krieg allein gelassen, diese Attacken besonders hier Jaloud und Qaryoot waren bösartig und andauernd, die Siedler tun, was sie wollen, weil sie Unterstützung haben. Uns hat man allein gelassen.»
Quellen: Haaretz, The New York Times, The Washington Post, The Guardian, Drop Site News, Zeteo