Ende des 19. Jahrhunderts gab es europaweit eine starke Friedensbewegung. Es war eine Reaktion auf eine Reihe von entsetzlichen Kriegen, die nach dem Zusammenbruch der Friedensordnung von 1815 die Öffentlichkeit aufschreckten. Es entstanden das Kriegsvölkerrecht und das humanitäre Völkerrecht als Versuch, den Krieg zu «humanisieren».
Die Friedensorganisationen hätten allerdings mehr gewollt, nämlich die Ächtung des Krieges, das heisst, ein völkerrechtliches Verbot, Kriege anzuzetteln. Erst nach zwei weiteren grossen Kriegskatastrophen – dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg – war es so weit.
Warum so viele Kriege in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts? Es war die Gier nach Land und Bodenschätzen. England, Frankreich, Portugal, Belgien und Holland bauten ihre Kolonialreiche aus; Deutschland und Italien eiferten ihnen nach. Das ging nicht ohne Gewalt vor sich. Die kriegerischen Auseinandersetzungen in den Kolonien wirkten auf die europäischen Mächte zurück; die europäische Friedensordnung wankte. Endgültig zertrümmert wurde sie durch den Krimkrieg (1853-1856). Es folgten Kriege im Zug der nationalen Einigungsbewegung in Italien und Deutschland.
Wie kam es zum Krimkrieg? Die Westmächte konstatierten mit Besorgnis Russlands koloniale Ambitionen. Zar Alexander I. vergrösserte sein Herrschaftsgebiet im Kaukasus und übte Druck auf den türkischen Sultan aus. 1853 befahl er seiner Armee, das geschwächte Osmanische Reich anzugreifen. England und Frankreich sahen ihre Vormachtstellung im Nahen Osten bedroht. 1854 traten beide Mächte auf der Seite des Sultans in den russisch-osmanischen Krieg ein, 1855 auch Sardinien Piemont. Es entwickelte sich ein Grosskrieg, der in der Geschichtsschreibung oft als eine Frühform des Ersten Weltkriegs bezeichnet worden ist. Obwohl es verschiedene Kriegsschauplätze gab, sprach man vom Krimkrieg, weil auf der Halbinsel Krim im Schwarzen Meer die blutigsten Schlachten stattfanden. Nach einjähriger Belagerung gelang es den Alliierten im September 1855, die Festung Sewastopol zu erobern. Der Zar sah die Aussichtslosigkeit seines Kriegsabenteuers ein und kapitulierte. Am 20. März 1856 wurde der Krimkrieg mit dem Frieden von Paris formell beendet. Russland musste Gebiete um das Schwarze Meer an das Osmanische Reich abtreten.
Schlacht von Solferino
Die Opferbilanz war verheerend: Auf der Seite der Alliierten waren rund 220'000 Soldaten zu Tode gekommen, auf russischer Seite etwa 450'000. Der Krimkrieg war besonders verlustreich, weil neue, effiziente Waffensysteme eingesetzt wurden. Die vielen Verletzten wurden oft unzureichend oder überhaupt nicht behandelt. Hunger, Seuchen und Krankheiten forderten weitere Opfer. Dank der neuen Technik der Telegrafie konnte man in London und Paris fast zeitgleich erfahren, was sich auf den Schlachtfeldern abspielte, wie viele Tote und Verwundete es täglich gab. Die Berichterstattung enthüllte auch die schlechte Versorgung der Verwundeten. Die britische Krankenschwester Florence Nightingale wurde berühmt, weil sie die Missstände im Lazarettwesen klar erkannte und anprangerte.
1859 kam es im Zug der italienischen Einigungsbewegung zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Italienern und Österreichern. Die entscheidende Schlacht wurde am 24. Juni bei Solferino geschlagen. Auf der einen Seite standen die Truppen des Königreichs Sardinien (Sardinien-Piemont mit der Hauptstadt Turin), unterstützt von starken französischen Einheiten, auf der anderen Seite die Truppen des Kaisertums Österreich, das seinen Besitz in der Lombardei und in Venetien gegen die italienische Offensive absichern wollte. Frankreichs Kaiser Napoleon III. und der österreichische Kaiser Franz Joseph I. beobachteten aus sicherer Distanz die Schlacht. Die österreichische Armee musste sich nach hohen Verlusten zurückziehen.
Henry Dunant
Die Schtacht von Solferino war wichtig, weil danach der Weg offen war für die italienische Einigung und den Aufbau des italienischen Nationalstaates. Bis heute berühmt ist sie, weil ein Geschäftsmann aus Genf zugegen war, genau beobachtete und unter dem Titel Eine Erinnerung an Solferino einen aufrüttelnden Bericht schrieb. Dieser Zivilist hiess Henry Dunant (1828-1910). Er gilt als Gründer des Roten Kreuzes. 1901 sollte er der erste Empfänger des Nobelpreises für Frieden werden.
Was steht im Bericht, den Dunant 1862 auf eigene Kosten veröffentlichte? Drastisch schildert er das blutige Geschehen, das vom frühen Morgen bis in die Abendstunden dauerte. «Während der glühenden Mittagshitze wird der Kampf auf der ganzen Linie immer erbitterter. (…) Ganze Divisionen legen die Tornister ab, um mit dem Bajonett auf den Feind loszustürmen. Ist ein Bataillon zurückgeschlagen, rückt ein anderes an seine Stelle. Jeder Hügel, jede Anhöhe, jeder Felsvorsprung wird der Schauplatz hartnäckiger Kämpfe. Auf den Hügeln wie in den Hohlwegen liegen die Toten haufenweise. Österreicher und Verbündete treten einander zu Boden, töten einander auf blutigen Leichnamen, morden sich mit Kolbenschlägen, schlagen sich die Schädel ein, schlitzen einander mit Säbel oder Bajonett den Leib auf. Rastlos tobt die Schlacht. Pardon wird keiner gegeben.» Die Österreicher ziehen sich zurück, nehmen einen Teil der Verwundeten mit. Tausende Franzosen, Italiener und Österreicher bleiben liegen, als es dunkel wird. «Ächzen und Stöhnen, halb erstickte Seufzer voll Schmerz und Todesangst und herzzerreissende Hilferufe durchdringen die Stille der Nacht. Wer vermöchte jemals alle die Todesqualen jener entsetzlichen Nacht zu schildern.»
«Die meisten Verletzten liegen herum und sterben einen qualvollen Tod»
Anderntags überblickt Dunant das Schlachtfeld, sieht die toten und verletzten Menschen, die hingestreckten Pferdeleiber. Verletzte, die noch bei Bewusstsein sind, schreien nach Wasser. Die Unverletzten sammeln Verwundete auf; zuerst die Offiziere, dann die Unteroffiziere, zuletzt die Mannschaft. Viele sind in der Nacht von Dorfbewohnern der Umgebung beraubt worden, einige wenige von mitleidigen Menschen mitgenommen und gepflegt worden. Nur der kleinste Teil der Verwundeten kann in den wenigen Lazaretten einigermassen versorgt werden. Die meisten liegen weiter herum und sterben einen qualvollen Tod.
Dunant ist erschüttert und sinnt über eine Verbesserung nach. Er denkt an freiwillige Helfer, die als Neutrale ausserhalb der Schlacht stehen und vor Angriffen auf Leib und Leben und vor Gefangennahme geschützt sind. Rückblickend schreibt er: «Deshalb habe ich schon 1859 darauf gesonnen, einen auf internationaler Übereinkunft beruhenden, unantastbaren Grundsatz ausfindig zu machen, welcher nach seiner Genehmigung und Bestätigung der Bildung ständiger Gesellschaften als Grundlage dienen konnte. Zu diesem Zweck bin ich in den verschiedenen Ländern Europas umhergereist und habe zahlreiche Veröffentlichungen erscheinen lassen.»
Gründung des IKRK
Tatsächlich gelingt es Dunant, in Genf die Gründung des Internationalen Komitees der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege anzustossen. Seit 1876 trägt es den Namen Internationales Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Auch die 1864 beschlossene Genfer Konvention geht wesentlich auf Dunants Anregung zurück. Diese Konvention ist die Grundlage des sogenannten humanitären Völkerrechts, das darauf abzielt, auch in Kriegen ein Minimum an Menschlichkeit zu bewahren. Es ist die Kodifikation des ius in bello, des Rechtes im Krieg. Damit wird aber das ius ad bellum, das Recht, Krieg zu führen, nicht abgeschafft. Dies aber war das Bestreben einer vielfältigen internationalen Friedensbewegung, in der viele Frauen eine wichtige Rolle spielten.
Die Pazifisten und Pazifistinnen verfolgten die Idee, den Krieg durch internationale Konventionen zu verbieten und Konflikte durch obligatorische Schiedsgerichte zu lösen. Wie wenig sich manche Staatsmänner von solchen Ideen beeinflussen liessen, zeigt das Beispiel des Preussischen Ministerpräsidenten und Aussenministers Otto von Bismarck (1815-1898). Sein grosses Ziel war die Einigung Deutschlands unter Führung Preussens. Frankreich aber wollte kein starkes, geeintes Deutschland an seiner Ostflanke. Es unterstützte die süddeutschen Staaten, die einer Einigung unter preussischer Führung abgeneigt waren. Bismarck rechnete damit, dass sie sich im Fall eines französischen Angriffs hinter Preussen stellen würden. Deshalb hatte er, wie er in seinen Memoiren schrieb, keinen Zweifel daran, dass ein deutsch-französischer Krieg stattfinden müsse, bevor die Verwirklichung eines geeinten Deutschlands möglich sei. Planmässig und mit intriganten Mitteln ging er vor, provozierte das Nachbarland, das wunschgemäss reagierte und am 19. Juli 1870 Deutschland den Krieg erklärte. Dieser Deutsch-Französische Krieg (1870-1871) endete mit dem Sieg Deutschlands, der Absetzung des französischen Kaisers Napoleon III. und der Ausrufung des preussischen Königs zum Deutschen Kaiser. Bismarck, der nun Reichskanzler war, hatte einmal mehr demonstriert, dass für ihn, gemäss einem Satz des preussischen Militärtheoretikers Carl von Clausewitz (1780-1831), der Krieg nichts anderes als «die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln» sei.
Erste Haager Friedenskonferenz
Die Pazifistinnen und Pazifisten drängten nun umso entschlossener darauf, dass an einem internationalen Friedenskongress der Krieg endlich geächtet und nicht mehr als normales Mittel der Politik betrachtet würde. Unerwartet bekamen sie die Unterstützung von Zar Nikolaus II. (1868-1918). Er war erst 26 Jahre alt, als sein Vater 1894 starb und er die Nachfolge antreten musste. 1896 wurde er zum «Kaiser aller Reussen durch Gottes Gnaden», indem er sich selbst die Krone aufs Haupt setzte, wie es bei den russischen Autokraten seit Peter dem Grossen üblich war. Sein Regierungsstil war reaktionär, doch war er nicht uneinsichtig. Er erkannte, dass Russland wirtschaftlich schwach war und im Wettrüsten der Grossmächte nicht mithalten konnte. Deshalb setzte er auf internationale Verträge, die den Rüstungswettlauf zumindest bremsen sollten. Dazu kam der Einfluss des polnischen Bankiers und Pazifisten Jan Bloch, der ihn davon überzeugte, dass eine Aufrüstung mit der neusten Waffentechnologie für die russische Volkswirtschaft ruinös wäre, was die innere Stabilität des Reiches erschüttern würde. Deshalb war es ausgerechnet der russische Zar, der zur Ersten Haager Friedenskonferenz von 1899 aufrief.
Die Jahre davor waren keineswegs friedlich gewesen. Die Liste der Kriege, die zwischen dem Deutsch-Französischen Krieg und der Haager Friedenskonferenz stattfanden, ist lang. Um nur einige wenige zu nennen: Serbisch-Osmanischer Krieg 1876-1878, Russisch-Osmanischer Krieg 1877-1878, Anglo-Afghanischer Krieg 1878-1880, Erster Burenkrieg 1880-1881, Chinesisch-Französischer Krieg 1884-1885, Serbisch-Bulgarischer Krieg 1885-1886, Anglo-Birmanischer Krieg 1885-1886, Französisch-Siamesischer Krieg 1893, Erster Japanisch-Chinesischer Krieg 1894-1895, Kubanischer Unabhängigkeitskrieg 1895-1898, Türkisch-Griechischer Krieg 1897, Spanisch-Amerikanischer Krieg1898 …
Zweite Haager Friedenskonferenz
Die Friedensbewegung liess sich nicht entmutigen. Im deutschsprachigen Raum hatte das Buch Die Waffen nieder, das die österreichische Friedensaktivistin Bertha von Suttner im Jahr 1889 veröffentlichte, eine grosse Wirkung. Zehn Jahre später trat die erste internationale Friedenskonferenz in Den Haag zusammen. 26 Staaten, darunter die Schweiz, entsandten ihre Vertreter. Die Erwartungen waren hoch. Würde es gelingen, den Krieg zu ächten? Die Pazifistinnen und Pazifisten wurden enttäuscht. Die Politiker der Grossmächte wollten nicht darauf verzichten, Konflikte notfalls gewaltsam zu lösen, das heisst, sie beharrten auf ihrem Recht, anderen Staaten den Krieg zu erklären. Immerhin beschloss die Konferenz, eine Vorform eines ständigen Schiedshofes einzurichten. Es gab von nun an eine Liste von Richtern, die bei internationalen Konflikten den streitenden Parteien zur Verfügung standen, wenn sie eine friedliche Beilegung ihres Konflikts wünschten. Ausserdem wurden die Gesetze des Landkrieges und die Anwendung der Genfer Konvention auf den Seekrieg geregelt. Tatsächlich wurden in der Folge eine Reihe von Schiedsverträgen abgeschlossen. Zudem war vorgesehen, an einer weiteren Friedenskonferenz geeignete Mittel zu suchen, um den Krieg einzudämmen. In der Zeit zwischen der ersten und der zweiten Haager Friedenskonferenz, also zwischen 1899 und 1907, gab es weiterhin zahlreiche Gewaltakte und Kriege: Philippinisch-Amerikanischer Krieg 1899-1902, Zweiter Burenkrieg 1899-1902, Russisch-chinesischer Krieg 1900, Britischer Tibetfeldzug 1903-1904, Russisch-Japanischer Krieg 1904-1905, Niederschlagung des Aufstands der Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika 1904-1908 …
Die Zweite Haager Friedenskonferenz fand 1907 unter Beteiligung von 21 europäischen, 19 amerikanischen und 4 asiatischen Staaten statt. Das Ziel war die Einrichtung eines obligatorischen Schiedshofes. Das scheiterte hauptsächlich an der ablehnenden Haltung des Deutschen Reichs. Die Verträge von 1899 wurden teilweise überarbeitet und präzisiert. So wurden unter anderem die Rechte und Pflichten der Staaten geregelt, die sich im Kriegsfall als neutral erklärten. Auf diese Regelung beruft sich die Schweiz bis heute. Schliesslich wurde beschlossen, in etwa acht Jahren eine weitere Friedenskonferenz einzuberufen. Dazu kam es nicht, weil inzwischen der Erste Weltkrieg ausgebrochen war. Die weitere Entwicklung der Völkerrechtsgemeinschaft war jäh unterbrochen.
Erst nach Kriegsende gab es einen neuen Versuch, den Frieden nachhaltig zu sichern, und zwar durch die Gründung des Völkerbunds mit Sitz in Genf. Dies wird das Thema des dritten Teils dieser Serie sein.