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Film

Wider die unleugbare Realität

25. Oktober 2026
Ignaz Staub
Ignaz Staub
Aschdod
Proteste im israelischen Aschdod gegen die Autoren des NAZA-Films (Keystone/AP/Ariel Schalit)

Die israelische Regierung promotet online einen Film, der den Stil des Dokumentarfilms «NAZA» imitiert und dessen erschreckenden Inhalt diskreditieren will. Während das Original Israels Massentötung von Zivilisten in Gaza thematisiert, verteidigt das propagandistische Werk «NAZA: The Real Story» Israels Streitkräfte als «die moralischste Armee» der Welt». Doch die offizielle Kritik läuft angesichts der verfilmten Zeugenaussagen ins Leere. 

«Nachts gedreht auf den Dächern Tel Avivs enthüllt der Film detailliert das System hinter Israels kalkulierter Massentötung von Terroristen in Gaza», ahmt die Inhaltsangabe des Imitats die offizielle Synopsis des Originals nach. Mit einem kleinen Unterschied: Aus «palästinensischen Zivilisten» sind im neuen Text «Terroristen» geworden. Inzwischen ist die Inhaltsangabe auf einer kurz nach der Premiere von «NAZA» (das hebräische Akronym für «Kollateralschaden») registrierten Website verschwunden, auf der sie ursprünglich aufgeschaltet war.

Der Zähler der Plattform von «NAZA: The Real Story» hat Anfang Oktober angezeigt, dass der Kurzfilm mehr als 42 Millionen Mal angeschaut worden sei – eine Zahl, die mutmasslich auf der Aktivität von Bots und nicht auf der Nachfrage realer Zuschauer beruht. Auch die israelische Botschaft in Washington DC hat Informationen über die «Real Story» auf sozialen Medien geteilt, aber eingeräumt, das Aussenministerium in Tel Aviv sei bei der Produktion des Films nicht involviert gewesen. 

«Gegen falsche Anschuldigungen»

Es sei, heisst es, Israels diplomatischer Vertretung in den USA lediglich darum gegangen, «die Botschaft der Filmschaffenden zu verstärken und das breitere Publikum auf Argumente aufmerksam zu machen, welche die Blutbeschuldigungen («blood libels») und die falschen Anschuldigungen (des Originals) herausfordern.»

Derweil hat die israelische Regierung am 8. Oktober bekanntgegeben, sie werde den Filmemachern von «NAZA: The Real Story» eine Anerkennungsurkunde «für ihren Beitrag zur öffentlichen Diplomatie Israels» zukommen lassen, und wiederholte die Behauptung, Dutzende Millionen Zuschauer hätten den Kurzfilm gesehen. 

«Unmöglich zu ignorieren»

Im Fall von «NAZA» war die offizielle Reaktion eine ganz andere gewesen. Es gab Vorschläge aus Regierungskreisen, den beiden Filmemachern Yuval Abraham und Rachel Szor die israelische Staatsbürgerschaft zu entziehen. Vor dem Haus von Rachel Szor fand sich ein Mob ein, der die Hinrichtung der Filmemacherin und ihres Kollegen sowie die Zerstörung ihres Elternhauses forderte. In der Stadt Ashdod tauchte ein Wandbild auf, das Abraham und Szor durch die Zielvorrichtung eines Gewehrs zeigt.

Israels Regierung unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu dürfte kurz vor den Wahlen nicht nur der entlarvende Inhalt des Dokumentarfilms, sondern auch die überwiegend positive Reaktion des Auslands auf «NAZA» ein Dorn im Auge sein. Das rund 80-minütige Werk, das auch in Schweizer Kinos läuft, sei «schwierig anzuschauen und unmöglich zu ignorieren», schreibt der Filmkritiker der «New York Times». Das Leiden in Gaza werde «punktgenau in den Fokus gerückt», urteilt sein Kollege beim «Guardian». 

Die britische Zeitschrift «Vogue» nennt das Werk einen «brillanten und erschütternden Film», der die «zurückhaltende, minutiöse, eiskalte Beschreibung der fortschreitenden Auslöschung Gazas» sichtbar mache. Das Magazin schreibt, der Film sei gefühlsmässig dazu bestimmt, «ein bleibendes historisches Dokument zu werden, das von künftigen Generationen gesehen werden wird und gesehen werden soll». 

«Wie ein Kinnhaken»

In «Le Monde» steht, der Film wirke «wie ein Kinnhacken», der die Zuschauer fassungslos zurücklasse. Für das dänische Kulturmagazin «Soundvenue» ist «NAZA» unverblümt «ein herzzerreissendes Zeugnis des Völkermords in Gaza» und «ein Beispiel dafür, dass die Welt zunehmend einer Dystopie gleicht».

Den israelischen Holocaust-Forscher Omer Bartov, der in den USA an der Brown University lehrt, erinnert «NAZA» in einer Kolumne für den «Guardian» an Werner Best, einen höheren Offizier der SS und Juristen, der die Todesschwadronen der Nazis organisieren half, die im 2. Weltkrieg Hunderttausende von Juden töteten. «Wir müssen den Feind zerstören, ohne ihn zu hassen», hiess eine Maxime des SS-Manns. 

Bartov setzt israelische Soldaten keinesfalls mit Nazis gleich: «Aber der leidenschaftslose, technische und ruhige Ton der 24 (in «NAZA» interviewten) Männer und Frauen, die so human sind wie die Menschen der umgebenden Gebäude (Tel Avivs), weckte andere Assoziationen – an Männer wie Best und Seinesgleichen.»

«Moderner Völkermord»

Die Diskrepanz zwischen dem Vertrauten und dem Intimen (Bartov stammt aus Tel Aviv) auf der einer Seite und dem eiskalt Effizienten und Mörderischen auf der anderen Seite machten den Film unvergesslich und zu einem wichtigen Statement über die Welt, in der wir leben. Die Filmemacher haben ihre Gesprächspartner nachts auf den Dächern Tel Avivs befragt und die Kamera schwenkt manchmal über die Stadt und fängt durch Wohnungsfenster den unspektakulären Alltag ihrer Bewohner sowie Fernsehauftritte Benjamin Netanjahus ein. 

Wenn moderne Gesellschaften extreme Gewalt ausübten, argumentiert Omer Bartov, würden sie sich auf zwei Typen von Leuten verlassen: «auf jene, die schlagen, foltern und aus kurzer Distanz töten und auf jene, die das Töten aus sicherer Entfernung vom blutigen Geschehen planen, organisieren und befehlen». Viele Menschen würden es vorziehen, zu glauben, dass die brutalen Gewalttäter und Sadisten verantwortlich sind, weil sie nicht wie «wir» seien: «Doch moderner Völkermord ist das Produkt jener, die der zweiten Kategorie angehören: den Technokraten, den Bürokraten und den eiskalten Planern der Vernichtung, die sich ihre Hände nicht schmutzig machen.»

«Keine Araber-Hasser»

Das treffe, so Omer Bartov unmissverständlich, keinesfalls nur auf Deutschland oder Israel zu, sondern sei auch in Kambodscha, in Ruanda, beim Genozid der Armenier oder der Auslöschung der Herero der Fall gewesen: «Es hat immer jene gegeben, die für Pläne, Befehle, Rechtfertigungen, bürokratische Apparate und technische Mittel gesorgt haben, und jene, die Schädel eingeschlagen, Macheten geschwungen und aus nächster Nähe geschossen haben.» Letztere gebe es in allen Gesellschaften, doch zu einem Völkermord könne es ohne Erstere nicht kommen.

«Es gibt wirklich keine Araber-Hasser in meiner Einheit», zitiert Omer Bartov einen in NAZA interviewten israelischen Armeeangehörigen: «Es ist eine Elite-Einheit, vor allem mit Leuten aus Tel Aviv. Es hat (beim Krieg in Gaza) keine extreme Entmenschlichung gegeben.» Die Soldaten, folgert er, seien nicht jene Sadisten, die einer sich vorstelle, wie ein Genozid aussieht. Sie seien nicht die typischen Anhänger rechtsextremer Minister wie Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich. Etliche unter ihnen stammten aus der oberen Mittelklasse und hätten die besten Schulen besucht: «Doch sie, neben den Militärpiloten, sind scheinbar für eine grosse Zahl ziviler Opfer in Gaza verantwortlich.»

«Keine grob vereinfachenden Vergleiche»

Und was motivierte solche Leute, so viel Tod und Zerstörung vom Himmel regnen zu lassen? Der Kolumnist zitiert einen Offizier des Nachrichtendienstes, der im Film nur kurz über die Frage nachdenkt: «Alles, was ich sagen kann, ist, dass wir einen Auftrag ausgeführt haben. Das war der Auftrag.» Ob er, was die israelische Armee in Gaza macht, für einen Völkermord halte, fragt Yuval Abraham, ein äusserst sensibles Thema ansprechend, einen anderen Soldaten, «Ja», sagt der, «völlig.» Der Filmemacher selbst hat in einem Podcast gesagt, er sei nicht an «grob vereinfachenden und direkten Vergleichen» interessiert.

Richard Brody, dem Rezensenten des «New Yorker», ist aufgefallen, dass Yuval Abraham und Rachel Szor an einer Stelle in «NAZA» einen kurzen Verweis auf einen künstlerischen Vorläufer des umstrittenen Dokumentarfilms eingefügt haben: «eine Einstellung der Cinemathek in Tel Aviv, auf deren Leuchtreklame eine Hommage an Claude Lanzmann angekündigt wird, dessen epochaler Film ‘Shoah’ aus dem Jahr 1985 den Holocaust anhand von Interviews – mit Überlebenden, Historikern und sogar Tätern – detailliert schildert». 

«Eine einzige Sichtweise»

«NAZA» und «Shoah», folgert Richard Brody, teilten ein gemeinsames filmisches Formgefühl: Die Art und Weise, wie die Beteiligung der Zeitzeugen dargestellt werde, sei ebenso wesentlich wie das, was sie sagten. «Diese streng strukturierten Bildkompositionen verschmelzen die unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten zu einer einzigen Sichtweise und spiegeln so das überwältigend integrierte System wider, in dem jeder eine kleine Rolle gespielt hat.»

«NAZA», so der Schluss des «New Yorker», stelle so das israelische Vorgehen in Gaza als eine erschreckend umfassende Tötungsmaschinerie dar; auch wenn sie vielleicht nicht jeden töte, hätten die beteiligten Offiziere und Soldaten das Gefühl, dass sie potenziell jeden töten könnten: «Kurze abschliessende Ausschnitte aus Dokumentaraufnahmen aus dem Gazastreifen zeigen einen Vater, der in die Tiefen eines zerstörten Gebäudes ruft, auf der Suche nach seinen Kindern, deren Leichen unter einer Betonplatte hervorragen. Nach der komplexen Kette von Ursachen, die der Rest des Films detailliert dargestellt hat, steht dieses letzte Bild als eine einzige unaussprechliche Wirkung da.»

Quellen: The Guardian, The New York Times, The New Yorker

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