Mit Tränen in den Augen reagierten kurz nach 01.00 Uhr Schweizer Zeit Lulas Anhängerinnen und Anhänger auf die Siegesmeldung und fielen sich in die Arme. Keiner der namhaften Meinungsforscher hatte erwartet, dass es dem Präsidenten noch gelingen könnte, das Steuer im letzten Moment herumzureissen.
Ein seit sehr langem in Brasilien lebender Schweizer Geschäftsmann kommentiert: «Ein grossartiger Sieg für die Demokratie, für die Armen, die weniger Betuchten, für die Frauen, für die Kultur, für die Bildung und für die Menschenrechte in Brasilien.»
Der rechtsradikale Flávio Bolsonaro, der sich nach dem ersten Wahlgang bereits arrogant aufführte und eine «linke Säuberungswelle» versprach, bedeutet das Ergebnis eine eiskalte Dusche. Es ist auch eine saftige Klatsche für die Evangelikalen, die Bolsonaro unterstützten – und für Donald Trump und für den argentinischen Präsidenten Javier Milei, der mit flegelhaften, rüden, billigen Worte Lula öffentlich abkanzelte.
Tump hatte in den letzten Jahren fast alle grösseren lateinamerikanische Staaten unter seine Fittiche geholt: nur die beiden grössten und einflussreichsten nicht: Mexiko und jetzt Brasilien.
Im ersten Wahlgang am 4. Oktober erzielte Bolsonaro 47,03 Prozent der Stimmen; Lula kam auf 45,16 Prozent. Da damit gerechnet wurde, dass mehrere der im ersten Wahlgang noch Kandidierenden eher auf der rechten Seite und im zweiten Wahlgang für Bolsonaro stimmen würden, sah es für Lula düster aus. Auch die rechtspopulistische und rechtsextreme Welle, die über Brasilien schwappte, versprach Lula nichts Gutes. Sein Wählerpotential sei ausgereizt, hiess es, er könne in der Stichwahl nicht mehr zulegen.
Es gab Stimmen, die sagten, das Ergebnis des ersten Wahlgangs sei so klar, dass man jetzt auf den zweiten Wahlgang verzichten könnte. Das Geld, das man damit spare, könne man für sozialen Projekte aufwenden. Doch Lula kämpfte weiter.
Bei den zwei national übertragenen Fernsehduellen hatte er zwar zugelegt und den politisch doch unbedarften Bolsonaro entlarvt. Doch das habe nicht gereicht, erklärten Analysten vor der gestrigen Wahl, um zu gewinnen.
Es kam anders: Bereits die ersten Ergebnisse, in der Nacht zum Montag einliefen, zeigten einen Vorsprung von Lula, der morgen Dienstag seinen 81. Geburtstag feiert. Noch nie ist es einem Kandidaten gelungen, sich von einer Niederlage in der ersten Wahlrunde zu erholen und anschliessend in der Stichwahl zu gewinnen. Damit wurde Lula jetzt zur Legende: vier Mal Präsident eines riesigen Landes, so wie Franklin D. Roosevelt.
Auf den Präsidentenkommen jetzt schwierige Zeiten zu. In einem doch tief gespalteten Land muss er jetzt gegen eine von der rechtsextremen und rechtspopulistischen Opposition dominierten Legislative regieren. Zudem ist zu befürchten, dass Lula von Trump mit neuen Zöllen bestraft wird. Aber damit hat er Erfahrung.