Eine dritte Runde im Krieg zwischen den USA und Iran ist wahrscheinlicher geworden. Die erste Runde begann am 28. Februar mit amerikanisch-israelischen Angriffen und endete mit der Waffenruhe vom 8. April. Auch das im Juni vereinbarte Rahmenabkommen hielt nicht: Bereits im Juli nahmen die USA ihre Luftangriffe in grossem Umfang wieder auf. Seither halten Seeblockade, Sanktionen und wechselseitige Schläge die Lage in einem Schwebezustand zwischen Krieg und Frieden.
Ob aus dem labilen Zustand erneut ein grosser Krieg wird, hängt weniger von der Rhetorik in Washington und Teheran ab als von drei Faktoren: vom Stand der Verhandlungen, von den militärischen Vorbereitungen und von der Frage, ob eine Seite durch Abwarten mehr zu verlieren glaubt als durch einen Angriff. Alle drei deuten derzeit auf Eskalation.
Verhandlungen und Zeitkalküle
Teheran zieht die Gespräche bewusst in die Länge, um Trump vor den Zwischenwahlen vom 3. November keinen Erfolg zu gönnen. Trump hat zwar erklärt, vor der Wahl nicht erneut bombardieren zu lassen. Das ist jedoch eine zeitliche Schranke und keine Garantie. Intern soll er bereits angekündigt haben, nach der Wahl wieder angreifen zu lassen. Netanyahu hat mit ihm mehrfach über eine gemeinsame Operation gegen militärische und nukleare Ziele gesprochen, vielleicht sogar noch vor der israelischen Parlamentswahl vom 27. Oktober. Trump soll ihn ermuntert haben, sich vorzubereiten, ohne sich selbst festzulegen. Am 18. Oktober legte Netanyahu nach: In seiner neuen Sicherheitsdoktrin setzt er auf Präventivschläge, erklärt den Sturz des Regimes in Teheran zum Ziel und kündigt an, Israel werde notfalls allein handeln. Das ist ein kaum verhüllter Versuch, Trump unter Zugzwang zu setzen.
Schlüsselstellung Hormus
Der gefährlichste Zündpunkt bleibt die Strasse von Hormus. Iran hält die Meerenge seit Kriegsbeginn faktisch geschlossen und will sie erst wieder öffnen, wenn seine Bedingungen erfüllt sind. Damit hat Teheran sein wichtigstes Faustpfand in der Hand. Zugleich ist Hormus der Ort, an dem ein einziger schwerer Zwischenfall eine neue Angriffswelle auslösen könnte, auch wenn keine Regierung sie derzeit gezielt herbeizuführen sucht.
Die inzwischen auf Dauer angelegte Wartestellung erinnert an einen nahöstlichen drôle de guerre, einen «seltsamen Krieg». Der Unterschied: Hier wird nicht nur gewartet, sondern laufend geschossen. Wie lange dieser Zustand andauern kann, vermag niemand zu sagen. Noch dürfte es Mechanismen geben, die verhindern, dass eigenmächtige Handlungen lokaler Kommandeure eine grossflächige Reaktion auslösen. Doch die Lauerstellung wird auf beiden Seiten ausgebaut.
Iran nutzt die Pause
Teheran nutzt die Pause. Nach Einschätzung westlicher Beamter hat Iran seine Raketen- und Drohnenfabriken trotz monatelanger Bombardierungen weitgehend erhalten und füllt seine Bestände wieder auf. Israelische Stellen gehen davon aus, dass ein erheblicher Teil des ballistischen Arsenals bereits ersetzt ist. Satellitenbilder zeigen verstärkte Befestigungen um Atomanlagen und an den Grenzen, und Zivilisten werden militärisch geschult. Es gibt Hinweise, dass auch die Westgrenze, an der im Frühjahr kurdische Verbände aufmarschierten, wieder stärker in den Blick der Revolutionsgarden rückt.
Mohsen Rezaei, seit August Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats, kündigte für den Fall eines neuen Kriegs neue Fähigkeiten und einen breiter angelegten Vergeltungsplan an. Erstmals nannte er konkrete Ziele: Unterseekabel, Rechenzentren und KI-Anlagen am Golf, vor allem in den Emiraten. Golfstaaten, die sich an Washingtons Wirtschaftskrieg beteiligen, drohte er mit Angriffen auf jene Ölrouten, die die Strasse von Hormus umgehen.
Horizontale Eskalation als Ausweg
Daraus lässt sich eine Strategie der horizontalen Eskalation ablesen. Den amerikanischen Kampfjets, Bombern und Marschflugkörpern hat Iran wenig entgegenzusetzen. Das iranische Regime dürfte deshalb versuchen, die Kosten dorthin zu verlagern, wo der Westen verwundbar ist: auf die Energie-, Daten- und Handelsinfrastruktur der Golfstaaten. Die saudische Pipeline zum Roten Meer und die emiratische nach Fujairah, die beiden wichtigsten Umgehungsrouten, wären naheliegende Ziele. Ihr Ausfall würde den Ölpreis weiter hochtreiben, und genau das schmerzt Trump innenpolitisch am meisten.
Denkbar ist auch, dass Iran zu Beginn einer neuen Runde massiv und schnell zuschlägt, um seine Raketen einzusetzen, bevor sie am Boden zerstört werden. Ebenso könnte es seine Verbündeten in Libanon, Irak und Jemen so aufstellen, dass sie auch ohne zentrale Führung handlungsfähig bleiben. Die iranische Propaganda, die den USA und ihren Verbündeten unermüdlich die Kosten eines weiteren Kriegs vorrechnet, ist Teil dieser Abschreckung. Ob Teheran seine Drohungen einlösen kann, ist offen. Dass es sie glaubwürdig erscheinen lassen will, steht ausser Frage.
Verflechtung mit dem Ukrainekonflikt
Hier verflechten sich der Iran- und der Ukrainekonflikt. Anfang Oktober schloss Trump mit Putin einen Dieseldeal und setzte die Sanktionen auf russischen Treibstoff für sechs Monate aus. Kurz darauf legte er auch ein vom Kongress verabschiedetes Sanktionspaket gegen Russland auf Eis. Gleichzeitig drängt seine Regierung Kiew stärker denn je zu Gebietsabtretungen, und Trump legt der Ukraine nahe, Selenskyj als Verhandlungsführer zu ersetzen.
Den Zusammenhang mit Iran hat Trump in diesen Tagen selbst hergestellt. Putin lasse Iran in Ruhe, und das sei gut, weil die USA Iran gerade hart träfen. Auch in der Ukraine habe sich Russland «ordentlich verhalten», und er wolle Moskau nicht vom Verhandlungstisch vertreiben. Offiziell begründet Washington den Dieseldeal mit hohen Treibstoffpreisen. Faktisch läuft er auf ein Tauschgeschäft hinaus: wirtschaftliche Entlastung und Entgegenkommen in der Ukraine gegen russisches Stillhalten im Nahen Osten.
Russlands Kalkül
Ob sich Putin daran hält, wird sich im Fall eines neuen Kriegs zeigen. Zweifel sind angebracht. Westliche Beamte berichten, dass Russland Iran Raketen liefert, während Trump öffentlich das Gegenteil behauptet. Trump glaubt allen Ernstes, er habe Putin in der Hand. Putin aber weiss, dass er die Spielregeln bestimmt. Er kassiert die Sanktionserleichterungen, verbessert seine Position in der Ukraine, hält Iran als Partner am Leben und bietet sich zugleich als Vermittler an. So übermittelte er Trump Anfang Oktober die iranische Position, und am 19. Oktober reiste Lawrow nach Teheran.
Ein direktes militärisches Eingreifen ist dagegen kaum zu erwarten. Der Partnerschaftsvertrag von 2025 enthält keine Beistandspflicht, und der Ukrainekrieg bindet den Grossteil der russischen Kräfte. Für Moskau ist ein Iran nützlich, der überlebt, amerikanische Kräfte bindet und den Ölpreis hochhält. Unkalkulierbar wären dagegen ein zerfallender iranischer Staat, ein regionaler Flächenbrand oder eine direkte Konfrontation mit den USA. Die Beziehung beruht auf Interessenüberschneidungen, nicht auf Bündnistreue. Ähnlich, wenn auch vorsichtiger, verhält sich Peking: Xi hat Trump zugesichert, keine Waffen an Iran zu liefern. Doch wo die Grenze zwischen ziviler und militärischer Hilfe verläuft, bleibt bewusst unscharf.
Eine Kriegslandschaft
So wachsen der Ukrainekrieg und der Irankrieg zu einem gemeinsamen, hochgradig interdependenten Feld zusammen. Was im Nahen Osten geschieht, wirkt unmittelbar auf die ukrainische Front zurück. Die Golfstaaten verbrauchen Luftabwehrraketen, die Kiew dringend fehlen. Das Dieselgeld füllt Moskaus Kriegskasse, und Washington hat den Austausch militärischer Aufklärungsdaten mit der Ukraine ausgesetzt. Umgekehrt bestimmt russische Militärhilfe, wie weit Iran gegen die USA und Israel eskalieren kann.
Seit Kriegsbeginn trafen die iranischen Revolutionsgarden US-Stützpunkte im Nahen Osten, darunter offenbar auch verdeckte Einrichtungen. Möglich wurde dies Berichten zufolge durch russische Zieldaten und Satellitenaufklärung sowie durch einen hochauflösenden chinesischen Satelliten, den Teheran erworben hat. Weder China noch Russland greifen direkt militärisch für Iran ein. Stattdessen verfolgen sie einen pragmatischen Ansatz: Sie liefern Aufklärungsdaten, kritische Komponenten und Waffensysteme, um ihre Partner resilienter und gefährlicher zu machen. Was als Unterstützung für Russlands Krieg in der Ukraine begann, mit iranischen Drohnen, nordkoreanischer Munition und chinesischen Bauteilen, hat sich zu einem globalen Netzwerk ausgeweitet. Nun übertragen die beteiligten Staaten die erlernten Mechanismen und Kriegserfahrungen auf andere Konflikte.
Das jemenitische Scharnier
Eine Schlüsselrolle in dieser Kriegslandschaft spielt Jemen. Die Huthi werden oft als bloss regionaler Akteur wahrgenommen. Ihr Krieg gegen Saudi-Arabien ist jedoch längst zu einem global vernetzten Schauplatz geworden. Seit die Waffenruhe zwischen den Huthi und Riad im Juli zerbrach, greifen sie saudische Flughäfen, Ölanlagen und Tanker an. Der Angriff auf den Flughafen Riad vom 10. Oktober mit zwölf Toten war der schwerste auf saudischem Boden seit über einem Jahrzehnt. Strategisch wiegt jedoch schwerer, dass die Huthi am Bab al-Mandab jene Route bedrohen, über die Saudi-Arabien sein Öl an der Strasse von Hormus vorbei exportiert. Iran und seine Verbündeten können damit beide Nadelöhre der Arabischen Halbinsel unter Druck setzen. Bei einer dritten Kriegsrunde könnte diese Zange zuschnappen.
Jemen ist zugleich das Testgelände für die billige, massenhafte Kriegsführung unserer Zeit. Die Huthi kombinieren Drohnen, Marschflugkörper und ballistische Raketen, um die sündhaft teure saudische und westliche Luftabwehr zu überlasten. Das ist dasselbe Muster, das Russland in der Ukraine anwendet. Und wie dort verschwimmt die Verantwortung: Wer liefert, wer zielt, wer entscheidet, bleibt im Ungefähren. Berichten zufolge fliessen russische Satelliten- und Fernmeldeaufklärung in ein iranisch geführtes Kommandosystem ein, das die Operationen der Huthi unterstützt. Spiegelbildlich ist die Ukraine am Golf präsent. Seit März schützen ukrainische Anti-Drohnen-Teams in Saudi-Arabien, den Emiraten und Katar Infrastruktur gegen dieselben iranischen Shahed-Drohnen, die Russland auf ukrainische Städte abfeuert. Riad hat mit Kiew sogar ein Rüstungsabkommen geschlossen. Die Fronten der beiden Kriege laufen damit buchstäblich ineinander.
Für Moskau ist das ein riskantes Doppelspiel. Offiziell stützt es die von Saudi-Arabien getragene Regierung, und Lawrow nannte die Angriffe der Huthi auf zivile Ziele inakzeptabel. Zugleich pflegt der Kreml die Beziehungen zu den Huthi und setzt damit seine für die OPEC+ unverzichtbare Partnerschaft mit Riad aufs Spiel. Wo es darum geht, die westliche Vorherrschaft zu schwächen, ordnet Russland auch traditionelle Partnerschaften den Interessen der neuen «Achse» unter, allerdings verdeckt und stets mit der Option, sich als Vermittler anzubieten.
Was entscheidet
Aufschlussreicher als jede Erklärung aus Washington oder Moskau wird deshalb sein, ob drei Dinge zusammenkommen: konkrete amerikanische Angriffsvorbereitungen nach den Wahlen, eine sichtbare Umsetzung der iranischen Vergeltungsdrohungen und nachweisbare russische Militärhilfe. Erst dann würde aus dem Schwebezustand eine neue Kriegsphase. Die unmittelbaren Ereignisse verstellen leicht die längeren Linien: Es geht um die Frage, wer die Kosten einer Eskalation tragen kann und wer glaubt, durch Abwarten mehr zu verlieren.