Ein TikTok-Video, eine halbe Million Demonstrierende, ein brennendes Rathaus: Trotz landesweiter Mobilisierung artikulieren die Proteste keine gemeinsamen Forderungen. Im 17. Oktober spiegelt sich der politische und gesellschaftliche Zustand Frankreichs.
Am Abend des 17. Oktober stürzte in Limoges der Glockenturm des Rathauses ein. Das Gebäude aus dem Jahr 1883, seit 1975 als historisches Denkmal geschützt, war am Ende einer Demonstration gegen die hohen Lebenshaltungskosten gezielt in Brand gesetzt worden; sein historischer Teil gilt als nahezu vollständig zerstört. Sechs Wochen zuvor hatte alles mit einem jungen Mann vor einer Handykamera begonnen. «Dankt mir nicht, ich gebe euch nur das Datum», sagte er auf TikTok. Zwischen dem beiläufigen Aufruf und dem brennenden Rathaus liegt die Geschichte einer Mobilisierung, die keine gemeinsame Forderung kannte und gerade deshalb so viele Menschen erreichte. Sie zeigt, wie brüchig der französische Gesellschaftsvertrag sechs Monate vor der Präsidentschaftswahl geworden ist – und wie schnell eine Konvergenz der Unzufriedenen zerfällt, sobald Gewalt sie überlagert.
Rund 550‘000 Menschen gingen nach Angaben des Innenministeriums landesweit auf die Strasse, davon 110‘000 in Paris; die Organisatoren sprachen von 800‘000. Die Zahl der Festnahmen stieg im Verlauf des Wochenendes von rund 400 am Samstagabend auf 1‘200 am Sonntagmorgen und schliesslich auf mindestens 1‘800, davon 855 im Grossraum Paris. Mehr als 500 Polizisten, Gendarmen und Feuerwehrleute wurden verletzt. Reporter der Nachrichtenagentur AFP beschrieben die Szenen als heftiger als die Unruhen von 2023 oder die Aktionstage der Gelbwesten 2018/19. Verletzt wurden auch Demonstrierende: In Saint-Étienne verlor ein 17-Jähriger durch eine Granate der Ordnungskräfte die rechte Hand.
Ein Datum ohne Organisation
Am 7. September veröffentlichte ein TikTok-Konto namens «V2» ein kurzes Video, das zu Protesten gegen die steigenden Kraftstoffpreise aufrief. Der Urheber begründete den Termin pragmatisch: ein Samstag zu Beginn der Herbstferien, da könne jeder dabei sein. Organisieren wollte er nichts. Die Mobilisierung begann also nicht mit einem Aktionsplan von Gewerkschaften, Parteien oder einer landesweiten Bewegung. Ein individueller Aufruf wurde zum Bezugspunkt für Menschen, die unzufrieden waren. Wie sich das Thema verbreitete, zeigen Zahlen des Monitoring-Dienstes Visibrain: Seit Ende September zählte er rund 460‘000 Beiträge; Videos, die den Termin nannten, kamen auf TikTok zusammen auf etwa 132 Millionen Aufrufe.
In den folgenden Wochen wurde der 17. Oktober auf TikTok, Facebook und Instagram zunehmend als feststehender Termin einer landesweiten Aktion dargestellt. Es kursierten Aufrufe zur Rückkehr der Gelbwesten, Plakate mit Versammlungsorten und Karten geplanter Aktionen. Auffällig war, dass viele dieser Plakate und Bilder mit künstlicher Intelligenz erzeugt worden waren. Französische Medien stellten fest, dass solche Inhalte oft von Konten stammten, die vor dem 9. September nicht existiert hatten und ausschliesslich KI-Bilder veröffentlichten. Das wirft die Frage auf, ob die Verbreitung organisch verlief oder einzelne Accounts koordiniert vorgingen. Eine naheliegende Erklärung ist allerdings banaler: Reichweitenstarke Konten lassen sich weiterverkaufen, Protestthemen erzeugen Reichweite. Eine zentrale Steuerung der Bewegung oder gar künstlich erzeugte Proteste belegt der Befund nicht.
Die Netzwerke erfüllten mehrere Funktionen zugleich: Sie verbreiteten den Termin, vermittelten ein Gefühl landesweiter Gemeinsamkeit und machten lokale Treffpunkte bekannt, ohne dass eine zentrale Organisation die Aktionen koordinieren musste.
Drei Faktoren erklären, warum sich das Datum durchsetzte. Erstens der praktische Vorteil: Ein Samstag zu Ferienbeginn erlaubt die Teilnahme, ohne dass Schule oder Arbeit im Weg stehen. Zweitens die Symbolik: Der Aufruf knüpfte an die Gelbwestenbewegung an, deren landesweite Proteste am 17. November 2018 begonnen hatten. Auch wenn der Oktobertermin kein Jahrestag ist, griff er Bildsprache und Aktionsformen des Vorbilds auf: Warnwesten, Kreisverkehre, Blockaden. Das Wortspiel «gilets jeunes», junge Westen, schlug zudem eine Brücke zu den aktuellen Schülerprotesten. Drittens die Eigendynamik der Netzwerke: Je öfter das Datum geteilt wurde, desto mehr erschien es als bereits beschlossene Sache, und desto mehr Personen und Organisationen schlossen sich an.
Der 17. Oktober ist zugleich der Jahrestag des Pariser Massakers an algerischen Demonstrierenden von 1961. Einzelne Teilnehmende erinnerten mit algerischen Fahnen daran. Belege dafür, dass dieser Bezug die Wahl des Datums bestimmt hätte, gibt es jedoch nicht.
Die Mobilisierung: Schüler als Verstärker
Zwischen Aufruf und Protesttag lagen knapp sechs Wochen. Entscheidend für die Dynamik war, dass Anfang Oktober eine eigenständige Schülerbewegung entstand, mit Blockaden von Gymnasien und Demonstrationen für bessere Lernbedingungen. Sie wurde hart beantwortet: Mindestens 215 Schülerinnen und Schüler wurden verletzt, in Lens verlor ein 15-Jähriger durch eine Granate eine Hand. Der Innenminister setzte daraufhin den Einsatz von Blendgranaten vorübergehend aus. Diese Erfahrung trug wesentlich dazu bei, dass der 17. Oktober zum gemeinsamen Fluchtpunkt wurde.
Im Laufe des Septembers und Oktobers griffen weitere Akteure den Termin auf: Teile der Gelbwestenbewegung, Schüler- und Studierendenorganisationen, linke Parteien, Landwirtschaftsverbände wie die Confédération paysanne sowie soziale und ökologische Gruppen. Die CGT reagierte zunächst zurückhaltend und unterstützte die Aktionen schliesslich dort, wo «die Bedingungen erfüllt» seien; auch die Gewerkschaft Solidaires rief zur Teilnahme auf.
Dabei kamen unterschiedliche Motive zusammen: steigende Kraftstoff- und Lebenshaltungskosten, die Lage an Schulen und im Gesundheitswesen, Protest gegen die Haushalts- und Sozialpolitik der Regierung, Kritik an Polizeigewalt und an mangelnder politischer Mitsprache. Die Verbindungen waren nicht überall gleich eng. Die Online-Aufrufe erweckten den Eindruck einer landesweit koordinierten Bewegung, obwohl die Vorbereitung vielerorts lokal und unterschiedlich weit gediehen war. Auch die Zahl der angekündigten Aktionen schwankte: Karten verzeichneten zwischen 1‘000 und 1‘500 Vorhaben, das Innenministerium rechnete mit deutlich weniger.
Soziale Konvergenz ohne politische Schlagkraft
Diese Heterogenität ist konstitutiv für die Proteste. Zwar versuchten einzelne Gruppen, durch geschlossenes Auftreten Einheit sichtbar zu machen; tatsächlich wirkten die Demonstrationen stark parzelliert und milieugebunden. Anders als bei den Gelbwesten 2018/19 oder den Rentenprotesten 2023 stand der Aufruf zum 17. Oktober nicht für eine bestimmte politische Forderung. Gerade deshalb bot er eine Projektionsfläche, auf der eine Vielzahl von Anliegen «wütend» geäussert werden konnte. Dass sich viele Teilnehmende als «gilets jeunes» bezeichneten, verband das Erbe der Gelbwesten mit dem Anliegen der Jugend und öffnete die Tür für weitere Gruppen: Landwirte, Rentner, Arbeitslose, Staatsbedienstete, Klinikpersonal.
Diese Konvergenz war mehr als euphorische Selbstbeschreibung. Es gab eine soziale Konvergenz, insofern unterschiedliche Erfahrungen gruppenbildend wirkten und solidarisch verbunden erschienen. Vor Ort gab es auch eine organisatorische Konvergenz, wo etablierte Organisationen koordinierend auftraten. Am schwächsten blieb die politische Konvergenz. Die Ablehnung Macrons war einhellig, ein Freund-Feind-Schema lieferte einen gemeinsamen Deutungsrahmen – doch eine gemeinsame Protestidee entstand nicht. Vielen erschienen die Demonstrationen deshalb vor allem als Stimmungsausdruck. Folgerichtig fehlte auch eine symbolische Konvergenz in Gestalt einheitlicher Fahnen, Begriffe oder historischer Bezugspunkte. Jeder konnte seine Stimmung in eigene Zeichen übersetzen, niemand machte sie ihm streitig: Palästina-Flaggen fanden sich ebenso wie die algerische Fahne, die Regenbogenfahne und – eher vereinzelt – die Trikolore.
Kein Mittel gegen die Gewalt
Die Konvergenz trug nur, solange der Protest friedlich blieb. Wo Gewalt ausbrach, erodierte seine soziale Grundlage. Analytisch lassen sich zwei Akteursgruppen unterscheiden. Die eine sind militante Gruppen der radikalen Linken, oft als «Schwarzer Block», «Antifa» oder «ultragauche» bezeichnet. Sie nutzen Demonstrationen als Raum, um Staat und Kapital anzugreifen – Sicherheitskräfte, Behördengebäude, Orte des Luxus –, und verstehen ihre Gewalt als instrumentell, nicht als Selbstzweck. Die andere Gruppierung sind die sogenannten casseurs, die das entstehende Machtvakuum für Plünderungen und Zerstörung nutzten: verwüstete Cafés, geplünderte Geschäfte, bedrohte Passanten. Direkte Auseinandersetzungen mit der Polizei suchten sie seltener. Innenminister Laurent Nuñez sprach von «Gelegenheitsdelinquenten», Präsident Macron von Aufrührern aus ultralinken Kleingruppen, denen sich zahlreiche Kriminelle angeschlossen hätten.
Vieles an dieser Zuordnung ist allerdings noch Deutung, nicht gesicherter Befund. In Limoges sind die Brandstifter bislang nicht identifiziert. Der Bürgermeister machte die radikale Linke vom Plateau de Millevaches verantwortlich; die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Zerstörung durch eine organisierte Bande, am Sonntag befanden sich 17 Personen in Gewahrsam, darunter sieben Minderjährige. Auch über die Herkunft der Plünderer kursieren weitreichende Behauptungen. Der Rassemblement national-Vorsitzende Jordan Bardella sprach von einer Konvergenz von Linksterrorismus und «delinquenten Bevölkerungsgruppen aus den Banlieues». Belastbare Daten zum sozialen Profil der Festgenommenen liegen bisher nicht vor; nach Angaben des Innenministers war die Mehrheit der am Samstag Festgenommenen volljährig. Berichte, wonach Plünderer Sturmgewehre und Maschinenpistolen getragen hätten, wies der Inlandsgeheimdienst DGSI laut einer Überprüfung der Zeitung «Libération» zurück.
Die Mehrheit der friedlich Demonstrierenden fand kein Mittel gegen die Gewalt. Diese ist nicht einfach der Gegenpol zur Konvergenz: Sie kann auch aus Konflikten innerhalb einer Mobilisierung erwachsen – und sie zerstört die Verbindung zwischen den friedlichen Teilnehmenden nachhaltig.
«Islamogauchisme»: die negative Politisierung
Der Streit um die Bedeutung der Konvergenz spitzt sich in ihrer negativen Politisierung zu, die im Begriff «islamogauchisme» kulminiert. Noch am Protesttag erklärte der Rechtspolitiker Éric Ciotti, der Islamogauchismus bedrohe die Republik, und verwies auf Palästina-Flaggen sowie angeblich islamistisch geprägte Gruppen in den Demonstrationszügen. Der Begriff behauptet ein gemeinsames politisches Lager von radikaler Linker und Islamisten. Der französische Forschungsverband CNRS hat bereits 2021 festgehalten, dass er keiner wissenschaftlich nachweisbaren Realität entspreche. Er ist daher als politischer Kampfbegriff zu untersuchen: Wer verwendet ihn, welche konkrete Verbindung soll er bezeichnen, und welche unterschiedlichen Akteure fasst er zu einem vermeintlich einheitlichen Block zusammen?
Dass Palästina-Flaggen mitgeführt wurden, ist unbestritten. Es belegt zum einen die Reichweite der Mobilisierung, zum anderen die Vieldeutigkeit des Symbols. Im Kontext dieser Proteste verweist die Fahne kaum noch auf Palästina, sondern dient als moralisch aufgeladenes Zeichen eines Standorts und eines damit verbundenen Geltungsanspruchs. Mit Islam hat das wenig zu tun. Die Befundlage schliesst nicht aus, dass Einzelpersonen aus islamistischen Milieus anwesend waren. Sie erlaubt aber ebenso wenig, aus der Anwesenheit muslimischer Demonstrierender, religiösen Symbolen oder einzelnen Gewalttaten auf eine organisierte islamistische Beteiligung zu schliessen. Der Begriff dient vor allem dazu, die Konvergenz als illegitim und bedrohlich zu markieren.
Was bleibt von der Mobilisierung?
Der 17. Oktober hat nicht nur Schäden in Millionenhöhe hinterlassen. Er hat offengelegt, wie weit die Erosion des französischen Gesellschaftsvertrags fortgeschritten ist – und wie sehr die Legitimität des Staates gelitten hat, der diesen Vertrag schützen soll. Die Konvergenz der Wut ist dafür das sprechende Symptom.
Die Antworten der Politik verstärken eher die Spaltung, als dass sie diese auffangen. Macron trennte in seiner achtminütigen Fernsehansprache am Sonntagabend zwar zwischen legitimen Anliegen und Gewalttätern und rief Parteien und Gewerkschaften auf, die Gewalt unmissverständlich zu verurteilen. Konkrete Antworten auf die Kaufkraftfrage blieben jedoch aus, was ihm quer durch das politische Spektrum den Vorwurf der Abgehobenheit eintrug. Premierminister Sébastien Lecornu forderte La France insoumise auf, nun «ihr Lager zu wählen» – zwischen Republik und Randalierern.
Sechs Monate vor der Präsidentschaftswahl wird der 17. Oktober damit zur Munition im Wahlkampf: Die Rechte deutet ihn als Beweis für Kontrollverlust, gescheiterte Migrationspolitik und eine gefährliche Linke, die Linke als Beweis für soziale Not und Polizeigewalt. Auch von aussen wird das Datum vereinnahmt. US-Präsident Donald Trump spottete, Frankreich sei offenbar gut für Revolutionen, und machte die Einwanderung für die Unruhen verantwortlich; Vizepräsident JD Vance argumentierte ähnlich. Belege für diese Deutung liegen nicht vor.
In dieser Form ist der 17. Oktober kaum wiederholbar. Dagegen spricht nicht nur der Umstand, dass die Gewalt der Konvergenz gesetzt hat, sondern auch die Divergenz, die unweigerlich entsteht, sobald partikulare Interessen in politische Forderungen übersetzt werden müssen. Hier liegt das Paradox der Bewegung: Was sie gross gemacht hat – das Fehlen eines Programms –, macht sie zugleich verhandlungsunfähig. Wer nichts Bestimmtes fordert, kann nicht zufriedengestellt werden; der Regierung bleibt dann nur, mit Ordnungspolitik zu antworten, was die Wut weiter nährt.
Der Protest selbst wird deshalb nicht verschwinden, sondern sich wieder auffächern. Die Schülerinnen und Schüler werden ihren Unmut nach den Ferien zurück auf die Strasse tragen, Rentner und Landwirte ihre eigenen Kämpfe fortsetzen. Eine Koordination der Gelbwesten hat für Samstag, den 24. Oktober, einen «Akt II» angekündigt und für den 31. Oktober einen dritten. Die grossen Gewerkschaften – CFDT, CGT, FO, Unsa und FSU – rufen für den 5. November zu einem landesweiten Streik- und Aktionstag für Löhne, öffentliche Dienste und Beschäftigung auf.
Damit stellt sich die eigentliche Frage der kommenden Wochen: ob es den etablierten Organisationen gelingt, die diffuse Wut in Forderungen zu überführen, über die sich verhandeln lässt oder ob die nächste Mobilisierung wieder mit einem Symbol der Anomie endet: einem brennenden Rathaus.