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USA und Iran

Wettlauf gegen die Zeit

26. April 2026
Erich Gysling
Erich Gysling
Gespräche Islamabad
Die USA fehlen bei den Gesprächen in Pakistan: Der Pakistanische Armeechef Asim Munir (r.) mit dem iranischen Aussenminister Abbas Araghchi bei einem Meeting in Islamabad. (EPA/Iranisches Aussenministerium)

Nicht nur Hormus ist blockiert, auch die Verhandlungen sind es. Ab August wird es für die USA wegen der Midterms und für Iran wegen versiegender Öleinnahmen heikel. Und früher schon für die halbe Welt, die von Energie und Dünger vom Golf abhängig ist.

Irans Aussenminister Araghchi demonstrierte Gelassenheit, als er am Freitag die pakistanische Hauptstadt Islamabad mit dem Reiseziel Oman verliess. Er hatte eben nicht weniger getan als den Plan einer Verhandlungsrunde mit den US-Emissären Jared Kushner und Steve Witkoff platzen zu lassen und damit Präsident Trump aus der Ferne zu demütigen. Er nahm damit, offenbar bewusst,  in Kauf, dass die USA danach den Waffenstillstand beenden und die Bombardemente wieder aufnehmen könnten. 

Donald Trump reagierte verhalten: Er fühle sich nicht unter Zeitdruck, sagte er und signalisierte damit, dass er (vorerst) keine neue Phase des Kriegs plane. Die Wirtschaft Irans liege ja als Folge der Bombardierungen und der US-Blockade der Meerenge von Hormuz, praktisch schon am Boden, also sei die Kapitulation des Teheraner Regimes nur noch eine Frage von ein wenig Zeit.

Zeithorizont August

Unabhängige Beobachter sehen das anders. Die auf Rohstoffhandel und Schiffsbewegungen spezialisierte Plattform Kpler hat errechnet, dass sich derzeit noch so viele mit Rohöl beladene iranische Schiffe in internationalen Gewässern und fern des Zugriffs durch US-Marinestreitkräfte befinden, dass Iran noch bis zum August mit gesicherten Einnahmen rechnen könne. Auf jeden Fall mit so viel Devisen, dass das Regime in der Lage sei, seinen normalen Staatshaushalt aufrecht zu erhalten.

August – das ist ein Zeithorizont, der auf der Gegenseite, bei US-Präsident Trump, die Alarmglocken läuten lässt. Dann hat in den USA ja bereits die Kampagne für die Zwischenwahlen vom November begonnen. Bis spätestens dann sollte also der bei der grossen Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner unpopuläre Krieg zu Ende sein. Aber wie kann der Konflikt, den Donald Trump im Verbund mit dem israelischen Premier Netanjahu am 28. Februar leichtfertig losgetreten hat, nicht mit einer Schlappe, sondern sogar erfolgreich beendet werden?

Dafür hat die Führungscrew in Washington offenkundig kein Rezept. Der Präsident, sein Vize, sein Aussenminister und sein Verteidigungsminister lavieren hin und her. Einmal stellen sie das Thema der atomaren Rüstung Irans, dann wieder die Öffnung der Meerenge von Hormuz in den Vordergrund ihres Forderungskatalogs. Kompromisse wollen sie offenkundig keine schliessen, auch wenn je länger desto deutlicher klar wird, dass dieser Krieg nur durch Abstriche beider Seiten von den jetzt präsentierten Maximalforderungen beendet werden kann.

Auch das iranische Regime scheint derzeit nicht kompromissbereit. Aussenminister Araghchi und Parlamentspräsident Ghalifaf beharren, zumindest offiziell, ebenfalls auf Maximalforderungen: eine Garantie für einen soliden Frieden; Ende der Sanktionen und Reparationszahlungen. Ob Iran allenfalls bereit wäre, auf sein Atomprogramm vollumfänglich zu verzichten, ist unklar. Hierzu verbreitet das Regime unterschiedliche Botschaften, je nachdem, ob sie von einem der Hardliner der Revolutionsgarden stammen oder von einem politisch Verantwortlichen wie dem Staatspräsidenten Pezeshkian. 

Besonders betroffen: Afrika

Unter Zeitdruck stehen nicht nur die USA und, spätestens ab August, die Iraner. Unter Stress steht mindestens die halbe Welt. Der Krieg drückt schon jetzt schwerwiegend auf das tägliche Leben von Zigmillionen Menschen. Die Uno-Organisation UNDP (United Nations Development Program) sagt voraus, dass mehr als 32 Millionen als Folge des Iran-Kriegs unter die Armutsgrenze geraten werden. Besonders betroffen ist Afrika. Dort wirkt sich der Mangel an Düngemitteln bereits jetzt gravierend auf die Landwirtschaft und damit die Ernährung aus. 

In Europa wiegen wir uns noch einigermassen in Sicherheit. Die Börsen lassen sich von den Hiobsmeldungen um die Blockade der Meerenge von Hormuz durch die USA einerseits, durch die iranischen Revolutionswächter anderseits kaum beeindrucken. Die Preise für Benzin an der Tankstelle sind erst moderat gestiegen, sind also noch nicht in die Höhe geschossen. Allenfalls macht man sich Luxus-Sorgen um die Sommerferien. Da seien möglicherweise Preissteigerungen denkbar, lassen die Flugunternehmen verlauten, aber man solle doch, bitte, nicht in Panik verfallen. 

Doch wer dann liest oder hört, dass es in manchen europäischen Ländern eben doch noch für nur 56 Tage Kerosinreserven gibt, der oder die hat durchaus Anlass, sich ernsthafte Gedanken über die geplante Flugreise zu machen.

Extreme Abhängigkeit in Asien

Für Millionen in Asien anderseits geht es nicht darum, sich über Luxus wie Ferienreisen zu sorgen, sondern ums nackte Überleben. Japan bezog bisher rund 90 Prozent des importierten Erdöls und Erdgases aus der Region des Persischen Golfs, ist also durch die Blockierung des Hormuz-Nadelöhrs besonders stark betroffen. China erhielt zwischen 45 und 50 Prozent seines Rohöls durch Schiffe, die Hormuz passierten, ähnlich wie Indien. In allen asiatischen Ländern mangelt es, ähnlich wie in Afrika, als Folge der Hormuz-Blockade, auch an Düngemitteln.

Wie lange das noch so weitergeht, ist die eine Frage. Die andere ist, wie lange es dauern würde, um die Meerenge, nach einem Ende des Konflikts, wieder uneingeschränkt passierbar zu machen. Ein halbes Jahr mindestens werde es dauern, die Strasse von Hormuz von allen Unterwasserminen zu säubern, schätzt eine auf maritime Belange spezialisierte Uno-Organisation.

Ein halbes Jahr ab wann? Wohl erst ab dem Zeitpunkt, an dem die USA und Iran sich auf einen Plan für ein Ende des Konflikts geeinigt hätten. Niemand weiss, wann es so weit ist. Aber mit jedem Tag, der vergeht, verschärft sich die Gefahr einer weltweiten wirtschaftlichen Krise.

Fazit: Unbeteiligte zahlen für einen Krieg, den Donald Trump und Benjamin Netanjahu zu verantworten haben.

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