Marisol (1930–2016), in Paris geborene Venezolanerin, lebte zeitweise im Umfeld Andy Warhols und im Brennpunkt des US-amerikanischen Pop, vertrat 1968 ihre Heimat an der Biennale Venedig und war im gleichen Jahr auch an der documenta in Kassel vertreten.
Unbekannt? Bekannt? Ob ein Künstler, eine Künstlerin ein Geheimtipp bleibt oder weltweit hohe Wertschätzung geniesst, ist eine Frage der Qualität, aber auch des Marketings – und des kritischen Urteilsvermögens der Kunstkonsumenten. Die Bildhauerin Marisol Escobar, aus Venezuela stammend, aber in Paris geboren und in wohlhabender Familie multinational aufgewachsen, erlebte den Höhepunkt ihrer Karriere in den 1960er Jahren, war als eine der wenigen Frauen aktiver Teil des frühen Pop-Art-Hype, wurde aber dieser Betriebsamkeit überdrüssig und tauchte ab – buchstäblich: Sie bildete sich in Tahiti zur Taucherin aus, schuf Fisch-Skulpturen und fotografierte unter Wasser, kehrte aber wieder zurück in den Kunst- und Ausstellungsbetrieb – und tauchte wieder ab.
Ihre Skulpturengruppe «La Visita» – drei Frauenfiguren sitzen auf einem Kanapee, ein Mädchen sitzt daneben auf einem Hocker – fand kurz nach ihrer Entstehung den Weg in die für ihr entschiedenes und kraftvolles Eintreten für Gegenwartskunst und vor allem für Pop-Art berühmte Sammlung Peter und Irene Ludwigs und war im Wallraf-Richartz-Museum in Köln ausgestellt: Eine Ikone von seltener Strahlkraft. Wer das Werk sah, vergass die Gruppe nicht. Die Figuren bestanden aus rohen und grellfarbigen Holzstücken. Sie trugen teilweise echte Kleider: «Die Handtasche und der Mantel der zweiten Sitzenden von rechts gehörten Marisol. Das Gesicht trägt ihre Züge», war im Katalog zu lesen. Es ist das Gesicht einer Frau von exotisch anmutender Schönheit und mit einer Haltung, die von Selbstbewusstsein und hoheitsvollem Habitus zeugt. Eine «Dame der Kunst» tritt uns gegenüber und blickt uns in die Augen.
Eigene Rolle in der Welt des Pop
Marisol – als Künstlerin verwendete sie nur den Vornamen – spielte in der amerikanischen Pop-Umwelt eine eigene und unverwechselbare Rolle. Ihre Werke passen in keine Schublade, weder in jene der mondänen und grossstädtischen Pop-Art noch in jene, welche sich, wie die Kunst der Mexikanerin Frida Kahlo, in die Nähe zu mittel- oder südamerikanischer Volkskunst begab. Der Weg, den Marisol – als Bildhauerin Autodidaktin, nicht aber als Malerin (da war, nach enttäuschenden Erfahrungen in Paris, in den USA Hans Hofmann ihr Lehrer) – einschlug, war einzigartig und, aus europäischer Perspektive, ohne Vergleich. Allenfalls liesse sich, aber auch das nur bedingt, wie der Katalog des Kölner Ludwig-Museums vermerkt, an Präkolumbianisches oder Mexikanisches denken.
«La Visita» ist (auch), wie manch anderes ihrer Werke, Selbstportrait. Mit der Verwendung ihres eigenen Bildnisses unterstreicht die Künstlerin ihre persönliche existenzielle Verbundenheit mit dem Werk und ihr bedingungsloses Engagement, auch was die sozial- und gesellschaftskritische satirische Note ihrer Skulpturen betrifft. Das gilt ebenso und wohl in vermehrtem Masse, wenn sie sich die britischen Royals als Thema vornimmt (1967): Alle – Prinz Philipp, die Königin (auf dem Kopf eine seltsame, wohl aus der Welt indianischer Indigener stammende Krone), die Kinder – sitzen sie aufgereiht da: steife Holzklötze mit geschnitzten Holznasen. Ironie verbindet Marisol mit amerikanischer Farbfeld-Malerei in der Skulptur «Tea for Three» (1960), in die sie Abgüsse ihres eigenen Mundes und ihrer Nase einarbeitet. Autobiographisches spielt auch mit in der riesigen Arbeit «Marisol, Self-Portrait Looking at The Last Supper» (1982–1984): Holzfiguren zeigen Leonardos «Abendmahl», davor sitzt, eine roh zugehauene Holzfigur, eine Frau: Marisol.
Gewichtige Holzskulpturen
Diese nach Marisols berühmtester und künstlerisch innovativer Zeit entstandene Arbeit befindet sich im Museum of Modern Art in New York und ist im Zürcher Kunsthaus nicht zu sehen. Dort macht eine grosse Marisol-Schau, die zuerst im Louisiana Museum of Modern Art im dänischen Humlebæk zu sehen war, im grossen Bührle-Saal Station. (Sie wird auch im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam und im Museum der Moderne Salzburg gezeigt werden.)
Diese Schau bringt gewichtige Holz-Skulpturen nach Zürich, die Marisols internationale Bekanntheit begründeten – darunter wiederum Autobiographisches wie «Mi Mama y Yo» (1968), welche die schwierige Beziehung Marisols zu ihrer Mutter thematisiert, und Satirisches wie «The Car» (1964), ein Ford Falcon Cabriolet mit fünf mit echten Hüten ausgestatteten Passagieren, welche zum Teil die Gesichtszüge Marisols tragen, oder, nun echter Pop, «John Wayne» (1963) aus Holz, mehr als zweieinhalb Meter gross. Dazu gibt es auch mancherlei Beispiele von Marisols malerischem oder zeichnerisch-skizzenhaftem Frühwerk, das – trotz Referenz-Abbildungen von Maria Lassnig oder Kiki Kogelnik im Katalog – kaum ganz überzeugt und den Vergleich zum Beispiel auch mit Evelyne Axell (1935–1972), einer anderen wenig bekannten Pop-Künstlerin, nicht auszuhalten vermag.
In die Nähe unverbindlich-geschönter Politur gerät Marisols künstlerische Begleitung ihrer Taucherinnen-Aktivitäten: Riesige, auf Hochglanz polierte Fischskulpturen oder Unterwasserfotografien. Ins Anekdotische verweisen einige realisierte oder Entwurf gebliebene Denkmäler. Wir sehen da zum Beispiel Künstlerinnen und Künstler wie Georgia O’Keeffe, René Magritte, Pablo Picasso, Persönlichkeiten mit politischer Ausstrahlung wie Abraham Lincoln, den pionierhaften, weil ersten indianischen Fotografen Horace Poolaw aus dem Stamm der Kiowa und – ein eher oberflächlich ausgefallenes Antirassismus-Bekenntnis – ein «Portrait of Bishop Desmond Tutu» (1988). Die Ausstellung bringt auch manche Belege für Marisols künstlerische Vielseitigkeit. Dazu gehören ihre Kleinskulpturen, ihr Schmuck-Design und ihre Tätigkeit im Bereich modernen Tanzes und ihre Zusammenarbeit mit Choreographen wie Martha Graham oder Louis Falcon.
Marisol mag eine der grossen Unbekannten des amerikanischen Pop sein. Ob das allein eine so grosse und gewichtige Präsenz rechtfertig, wie sie das Zürcher Kunsthaus der Künstlerin angedeihen lässt? Was das in den 1960er Jahren entstandene Hauptwerk Marisols betrifft, lässt sich das rechtfertigen, zumal diese bunte und eigenständige Kunst ihr Publikum finden mag (und, zur Zeit ihrer Entstehung, auch gefunden hat). Jedoch liesse sich das, bei eigenständigem und kritischerem Bewerten des Frühwerkes sowie der Taucherin-Episode und der späten Denkmäler, auf wesentlich geringerem Raum bewerkstelligen.
Ob sich das Kunsthaus Zürich nicht allzu distanz- und kritiklos der vom Buffalo AKG Art Museum (da befindet sich der Nachlass der Künstlerin) ausgehenden Marisol-Kampagne, die mit strategischem Konzept über Europa hinzieht, angeschlossen hat? Übernahmen von Ausstellungen haben für die Beteiligten einen (finanziellen) Nutzen. Künstlerisches Profil gewinnt ein Ausstellungsinstitut aber vor allem mit eigenständigen und auch kritischen Leistungen.
Kunsthaus Zürich
bis 23. August 2026
Katalog 48 Franken