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Iran

Wer folgt auf Khamenei?

8. März 2026
Reinhard Schulze
Khamenei
6. März: Freitagsgebet für Ali Khamenei in der Mosallah-Moschee in Teheran (Keystone/EPA/Abedin Taherkenareh)

Die Debatte um die Nachfolge des verstorbenen Revolutionsführers Ali Khamenei ist weit mehr als ein Machtkampf um die Spitze des Staates. Sie ist ein Grundsatzstreit um das Erbe jener religiös‑ideologischen Ordnung, die Ruhollah Khomeini in den 1960er und 1970er Jahren konzipiert und 1979 in der Verfassung der Islamischen Republik verankert hat. Im Kern geht es um die Frage, ob das Prinzip der «Herrschaft des Rechtsgelehrten» (velayat‑e faqih) fortgeschrieben, umgedeutet oder schrittweise entkernt werden soll.

Ein Thronfolger ohne Rang

Im Zentrum der Kontroverse steht Khameneis Sohn Mojtaba. Er trägt den schwarzen Turban eines Sayyids, reklamiert wie sein Vater eine Abstammung vom Propheten und bewegt sich seit Jahren im innersten Machtzirkel der Revolutionsgarden. Doch was ihm an genealogischer und politischer Nähe zur Macht zugutekommt, fehlt ihm an religiöser Legitimation. In den schiitischen Lehrstätten von Qom wird er weder als anerkannter Rechtsgelehrter noch als ernsthafte theologische Autorität wahrgenommen.

Zwar durfte Mojtaba Khamenei 2022 erstmals ein juristisches Kolloquium im grossen Seminar von Qom abhalten – ein Format, das normalerweise Geistlichen vorbehalten ist, die zumindest den Rang eines Ayatollah tragen. In gelehrten Kreisen jedoch wird ihm nicht einmal der Status eines Hojjat‑ol‑Islam vorbehaltlos zugestanden. Übertragen auf die Logik säkularer Universitäten sässe hier jemand mit einem Masterabschluss auf einem Lehrstuhl, der eigentlich eine ordentliche Professur voraussetzt. Genau dieser Bruch mit der innerklerikalen Standesordnung macht Mojtabas Kandidatur so umstritten: Eine Wahl zum Revolutionsführer würde die Hierarchie der Gelehrten entwerten, das Prinzip der Selbstrekrutierung durch dynastische Geltungsansprüche ersetzen und das ohnehin fragile Bündnis zwischen Klerus und den ideologischen Trägern der «Islamischen Revolution» nachhaltig beschädigen.

Die Revolutionäre und «ihr» Führer

Für die Revolutionsgarden, die seit Jahren zum zentralen Machtfaktor im Iran geworden sind, liegt der Reiz eines Kandidaten wie Mojtaba auf der Hand. Er verdankt seinen Aufstieg weniger eigener theologisch‑juristischer Autorität als seiner Rolle im Netz aus Sicherheitsapparat, Geheimdiensten und wirtschaftlichen Beteiligungen der Garden. Als Revolutionsführer wäre er zwar formell Oberbefehlshaber aller Streitkräfte – politisch aber vor allem «ihr Mann».

Genau darin liegt für die Gardeführung eine Art Versicherungspolice: Ein Revolutionsführer ohne starke religiöse Eigenlegitimation ist stärker auf seine Sicherheitsapparate angewiesen als auf die Anerkennung der Hawza, also des grossen theologischen Seminars in Qom. Er könnte sich nicht, wie früher Ali Khamenei nach seiner Ernennung zum Rahbar, auf den nachträglich aufgebauten Nimbus eines Marja‘, einer «Quelle der Nachahmung», oder zumindest eines eigenständigen Faqih, eines autoritativen Juristen, stützen. Wer seine Autorität nicht aus dem Rang eines Grossgelehrten beziehen kann, ist leichter in den Griff zu bekommen – und schwerer in die Position, die Garden irgendwann zu begrenzen.

Die Gegenwehr der Puristen

Hier setzen die Puristen des khomeinistischen Systems an. Für sie ist die Allianz zwischen Amtsklerus und revolutionärem Staat keine Option, sondern Dogma. Die Legitimität des Staates leitet sich – in ihrer Lesart – aus der «Beauftragung der Rechtsgelehrten» ab, nicht aus Abstammung, charismatischer Führung oder militärischer Macht.

Besonders die Grossayatollahs, die als «Quellen der Nachahmung» über eine eigene, vom Staat nur begrenzt kontrollierbare Gefolgschaft verfügen, pochen auf diesem Punkt. Wenn schon ein politischer Führer religiöse Letztinstanz sein soll, dann müsse er ihrem Stand entstammen. Ein Geistlicher, dessen Rang und Werk bestenfalls dem Mittelfeld des Klerus zugerechnet wird, könne die metaphysisch aufgeladene Rolle des «velayat‑e faqih», der Beauftragung der Rechtsgelehrten, nicht glaubwürdig verkörpern. Hinter dieser Kritik steht nicht nur Standesdünkel, sondern auch Selbstschutz: Ein Revolutionsführer, der den etablierten Rangordnungen offen widerspricht, könnte das gesamte klerikale System funktionalisieren – oder überflüssig machen.

Angst vor dem eigenen Untergang

Gleichzeitig sind viele der rund ein Dutzend massgeblichen Grossayatollahs in einer paradoxen Lage. Sie profitieren von der Islamischen Republik, deren Institutionen ihre wirtschaftliche, soziale und symbolische Stellung sichern. Zugleich fürchten sie, dass ein Kollaps des Systems oder eine Eskalation der Machtkämpfe auch das fein austarierte Gefüge ihrer religiösen Autorität zerstören könnte.

In dieser Logik erscheinen Reformideen, die lange als Tabu galten, plötzlich als Rettungsversuch. Selbst systemtreue Theologen wie Hossein Kaʿbi sprechen offen darüber, das Amt des Revolutionsführers zu relativieren oder durch eine kollektive Führung zu ersetzen. Sie erinnern daran, dass Khomeini in der ursprünglichen Verfassung für den Fall ausbleibender Einigung eine «kollegiale Revolutionsführung» vorgesehen hatte – eine Art Kollektivpräsidium von Geistlichen, das den Führungsanspruch auf mehrere Schultern verteilt. Diese Option wurde später, unter dem Druck der Revolutionsgarden und der Hausmacht Ali Khameneis, in der Verfassungsrevision gestrichen. Nun kehrt sie als Krisenoption in die Debatte zurück.

Andere Stimmen gehen weiter und stellen das Amt als solches infrage. In ihrer Lesart war die Aufgabe des Revolutionsführers im Kern die Gründung, Stabilisierung und ideologische Rahmung der Islamischen Republik – ein historisch begrenzter Auftrag. Er sei nicht zwingend bis zur Rückkehr des «verborgenen Imams» fortzuschreiben. Damit verschiebt sich der Fokus: Weg von der messianischen Zwischenlösung, hin zu einer nüchternen Frage, ob das Amt in seiner jetzigen Form politisch noch funktional ist oder vor allem Blockaden erzeugt.

Ein beschädigter Kompromisskandidat

Während der Expertenrat mit seinen 88 Mitgliedern hinter verschlossenen Türen sondiert, wer Khamenei nachfolgen soll, mehren sich die Hinweise, dass Mojtaba Khamenei zwar lange als Favorit gehandelt wurde, sein Name aber inzwischen so inflationär kursiert, dass gerade dies Zweifel an seiner tatsächlichen Durchsetzungskraft weckt. In Systemen, die auf Konsens im Inneren der Elite angewiesen sind, ist ein zu offensichtlicher Kronprinz oft der erste, der geopfert wird.

In diesem Kontext rückt ein anderer Name in den Vordergrund: Sadegh Ardashir (Amoli) Larijani. Er stammt aus einer angesehenen Gelehrtenfamilie, verfügt über solide theologische Referenzen, war Chef der Justiz, Mitglied des Wächterrats und steht dem Rat zur Feststellung der Systeminteressen vor. Er verbindet – zumindest auf dem Papier – genau jene Elemente, die ein Konsenskandidat mitbringen müsste: klerikale Herkunft, institutionelle Erfahrung, Nähe zur Macht.

Doch seine Biografie ist zugleich sein grösstes Problem. Larijani steht für eine Justiz, die mit politischer Repression, Todesurteilen gegen Minderjährige und systematischer Verletzung elementarer Rechte in Verbindung gebracht wird. Korruptionsaffären um enge Vertraute, der Skandal um persönliche Bankkonten der Justiz und offene Wortgefechte mit anderen Spitzenklerikern haben sein Image schwer beschädigt. Er ist präsent in allen Schaltstellen des Systems, aber als künftiger Führer für viele kaum vermittelbar. Als Kompromissfigur könnte er den Übergang verwalten – ob er das System stabilisieren könnte, ist eine andere Frage.

Was auf dem Spiel steht

Die Nachfolgeregelung für Ali Khamenei ist damit nicht nur die Personalentscheidung einer alternden Revolution, sondern eine Weichenstellung für das Verhältnis von Religion, Staat und Gewaltmonopol im Iran. Die eine Option – ein schwach legitimierter, von den Revolutionsgarden getragener Führer – droht die religiöse Fassade der Herrschaft zu sprengen und die Islamische Republik endgültig in ein Militär‑ und Sicherheitsregime zu verwandeln. Die andere – eine Modifikation oder Abschwächung des Führungsamts – könnte das System flexibilisieren, birgt aber aus Sicht vieler Hardliner das Risiko, dass aus kontrollierter Anpassung ein unkontrollierbarer Wandel wird.

Zwischen diesen Polen suchen Expertenrat, Geistlichkeit und Sicherheitsapparate nach einer Figur, die die verschiedenen Erwartungen zumindest übergangsweise bündelt. Ob sie diese Figur tatsächlich finden – und ob sie vom Land akzeptiert wird –, entscheidet nicht nur über den Namen des nächsten Revolutionsführers, sondern über die Frage, ob Khomeinis Architektur der «Herrschaft des Rechtsgelehrten» noch Zukunft hat oder bereits im Modus des kontrollierten Rückzugs angekommen ist. Überraschungen sind immer möglich.

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