In seinem neuen Film «Der Mann auf dem Kirchturm» versucht der Filmemacher Edwin Beeler die Verzweiflungstat seines Grossvaters zu verstehen. Alex Bänninger hat den Film am 18. Januar hier besprochen. Warum sehen so viele alte Männer nur im Suizid eine Lösung?
Es geschah an einem Sonntag. Ich war gut achtjährig und feierte in Rothenburg meine Erstkommunion. Es war der 24. April 1960. An diesem Tag ging mein Grossvater in die Reuss. Statt nach dem Morgengottesdienst wie üblich heimzukehren, schlug er den Weg zum nahegelegenen Fluss ein und marschierte, ohne innezuhalten, direkt ins Wasser – wie zwei junge Männer nachher zu Protokoll gaben. Den Hut habe er behutsam an den Strassenrand gelegt.
Seine Leiche wurde wenig später, einige hundert Meter flussabwärts, beim Reusswehr in Rathausen geborgen. Er starb «an den Folgen eines Unfalls», wie es in der Todesanzeige hiess, am Sonntagmorgen um 11.30 Uhr.
Jeder dritte Suizid von einem Rentner
Von Suizid sprach damals niemand. Erst 45 Jahre später, als ich an der Fachhochschule Bern das Nachdiplomstudium in Gerontologie aufnahm, begann mich der Suizid von älteren Männern nachhaltig zu beschäftigen. Die Fachliteratur zu diesem Thema war ziemlich dünn. 40’000 bis 45’000 Männer im AHV-Alter, so schrieb François Höpflinger in der schmalen Grundlagenstudie «Männer im Alter» (2002), litten an depressiven Störungen. Davon müssten 14’000 bis 15’000 als schwer depressiv eingeschätzt werden.
Ich begann zu recherchieren. «Viele alte Menschen töten sich selbst» hiess dann der Titel zu meinem Hintergrundartikel im «Tages-Anzeiger» (2005). Von den 1269 Personen, die sich 2003 in der Schweiz selbst töteten, waren 428 älter als 65 Jahre – und vorwiegend Männer. Ab 70 Jahren, so sagte mir damals der Psychotherapeut Ladislav K. Valach, steige die Suizidrate dramatisch an. «Viele Männer, die sich ein Leben lang über Beruf und Karriere definiert haben, fühlen sich im Alter nutzlos und abgeschoben.»
Verzweiflungstat
Mein Grossvater war erst 58 Jahre alt, als er in die Reuss ging. Was waren seine letzten Gedanken an jenem fatalen Sonntagmorgen im April 1960? Wenn es so geschah, wie ich es in der Familie gehört habe, ging er nach dem Gottesdienst über die Sedelstrasse zur Reuss. Entschlossen? Eher zögerlich? Warum sah er keinen anderen Ausweg?
Es deutet einiges darauf hin, dass er, psychisch verwirrt, aus Verzweiflung seinem Leben ein Ende setzte. Zwei Tage zuvor, am Freitag, hatte ihn der Personalchef in der «Viscose» des Diebstahls an einem Arbeitskollegen beschuldigt. Ungerechtfertigt? Für die Woche nach dem Suizid war er im Kantonsspital Luzern zu einer Kontrolle angemeldet. Bei der späteren Autopsie ergab sich, dass er stark verkrebst war. Niemand hatte von seiner Krankheit gewusst. Hätte man ihm helfen, hätte man diesen Suizid verhindern können?
Sprachlosigkeit der Männer
Auch der 81-jährige Grossvater des Filmemachers Edwin Beeler, der sich am 19. April 1989 – am 31. Geburtstag seines Enkels Edwin – im Keller mit einem «Hasentöter» erschoss, wusste keinen anderen Ausweg. Seine Frau, mit der er seit 55 Jahren verheiratet war, lag schwerkrank im Bett. Wie sollte das weitergehen? Er selber hatte, Jahre zuvor, nach einem fatalen Sturz vom Dach nicht mehr arbeiten können.
«Über seine Gefühle und seelischen Nöte wusste er nicht zu sprechen», sagt Beeler. «Diese Sprache war ihm fremd.» Männer, so hatte mir vor zwanzig Jahren der Berner Suizid-Experte Konrad Michel die auffällig hohe Suizidrate unter den AHV-Rentnern erklärt, geraten häufiger in eine seelische Sackgasse, weil sie nicht über ihre Probleme reden können. «In der Arztpraxis dreht sich das Gespräch oft nur um körperliche Beschwerden, über psychische Schwierigkeiten können sie nicht reden.» Besonders extrem sei diese Sprachlosigkeit bei älteren Bauern und Handwerkern. Es seien vor allem drei Faktoren, erklärte mir Psychiater Konrad Michel, die ältere Männer in existenzielle Not bringen:
- Körperliche Erkrankungen wie Diabetes, Krebs oder Demenz. Sie treten im Alter öfters auf und setzen den Männern besonders stark zu. Sie fürchten sich vor Schmerzen, haben Angst, abhängig und pflegebedürftig zu werden.
- Die soziale Isolation. Sie macht Rentner einsam. Die Kollegen vom Arbeitsplatz fehlen, die Freunde sterben weg. Und wenn sie dann noch die eigene Frau verlieren (durch Tod oder Scheidung), fühlen sich viele Männer hilflos und geraten in eine Lebenskrise.
- Das männliche Rollenbild. Männer, die sich stark an Beruf und Leistung orientieren, geraten im AHV-Alter in eine Identitätskrise. Sie haben das Lebensziel verloren, wissen mit der freien Zeit nichts anzufangen, fühlen sich nutzlos.
Höchste Suizidrate bei über 80-jährigen Männern
Unsere zwei Grossväter, 1901 und 1907 geboren, sind in einer anderen, einer patriarchalischen Welt aufgewachsen. Hat sich das harte Männerbild seither aufgeweicht? Sind Männer im AHV-Alter heute weniger gefährdet?
Nach den neuesten statistischen Angaben des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) haben 2023 insgesamt 994 Personen einen Suizid begangen – davon waren 721 Männer. Mit einem Anteil von 58 Fällen pro 100’000 Einwohnern (im fünfjährigen Jahresmittelwert) war die Altersgruppe der über 80-jährigen Männer weitaus am stärksten betroffen. (Bei den 65- bis 79-Jährigen waren es 27, bei den 50- bis 64-Jährigen 22 Suizidfälle auf 100’000 Einwohner.) Bei den über 80-jährigen Frauen waren Suizide weit weniger häufig als bei den Männern (10 Fälle pro 100’000 Personen ihrer Altersgruppe).
Gesellschaftliches Problem
Warum ist das so? Warum wissen sich alte Männer nicht anders zu helfen? «Viele Männer wurden in einem Rollenverständnis sozialisiert, das emotionale Offenheit als Schwäche wertet», sagte kürzlich Michael Klein, Professor für klinische Psychologie und Sozialpsychologie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln, in einem Fachartikel in der NZZ. «Männer drücken emotionale Krisen eher durch Rückzug, Ärger, Substanzgebrauch oder körperliche Symptome aus – weniger durch direkte Aussagen oder Hilferufe.»
Die hohe Suizidalität bei Männern, so Klein, sei kein individuelles Versagen, sondern ein gesellschaftliches Problem. «Es braucht eine Kultur, die männliche Verletzlichkeit anerkennt und geschützte Gesprächsräume öffnet – in der Familie, in der Gemeinde, in der Medizin.»
Munition nicht mehr zuhause
Die Suizidrate ist in der Schweiz seit einigen Jahren leicht rückläufig. Das liegt vor allem am assistierten Suizid, der heute gesellschaftlich weitgehend akzeptiert ist. Während «Exit» 2011 lediglich 305 Freitodbegleitungen registrierte, sind es heute gegen 1300, bei einem Durchschnittsalter von knapp 80 Jahren.
Trotzdem sterben jeden Tag zwei bis drei Menschen durch Suizid, allein jede Woche zwei Personen auf Bahngleisen. Vor knapp zehn Jahren trat der «Nationale Aktionsplan Suizidprävention» in Kraft. Wie die Zahlen belegen, ist das Ergebnis ernüchternd. Immerhin hat das Parlament soeben beschlossen, den Angehörigen der Armee die Munition nicht mehr mit nach Haus zu geben – die SVP hatte gefordert, daran festzuhalten. Der Anteil der Schusswaffen als Suizidmethode bei den Männern hat sich in den letzten Jahren von 40 auf 27 Prozent reduziert. Sie ist aber bei den über 75-Jährigen nach wie vor die häufigste Art, sich umzubringen.