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Medien

«Die Dinge genau so sehen, wie sie sind»

10. März 2026
Ignaz Staub
Ignaz Staub
The Key

«The Key», ein neues Online-Magazin, behandelt Palästina «als das zentrale Thema der modernen Welt» – ein hehrer Anspruch und ein mutiges Versprechen. Chefredaktorin Sara Yasin, selbst Palästinenserin, hinterfragt, woran ihrer Meinung nach die Berichterstattung traditioneller Medien zum Nahost-Konflikt krankt und woher der Vertrauensverlust eines jüngeren Publikums rührt.

Sara Yasin war bis Januar 2024 Managing Editor, d. h. die in der Chefredaktion für die tägliche Berichterstattung Verantwortliche der «Los Angeles Times». Ihr Entscheid, zu kündigen, hing nicht ausdrücklich mit der Berichterstattung amerikanischer Medien über Israels Krieg in Gaza nach dem Massaker der Hamas zusammen. Ihre Kündigung hatte auch damit zu tun, dass sie ihr Karriereziel nicht darin sah, Leute zu entlassen und den Niedergang einer renommierten Zeitung managen zu müssen.

«Aber die letzten Monate auf der Redaktion und die Zeit, die noch folgte», schreibt die Journalistin, «dieser schreckliche Graben zwischen dem, was wir in Echtzeit auf unseren Handys sehen konnten, und den gequälten Umkehrungen und der Baseline-Desinformation westlicher Medien, weckte in mir ein besonderes Gefühl der Scham, das es verunmöglichte, mir vorzustellen, in diese Umgebung zurückzukehren.» Auch wurde ihr von pro-israelischer Seite vorgeworfen, für einseitige und unsachgerechte Berichterstattung über Gaza einzustehen – ein Vorwurfe, den die Redaktion der «Times» entschieden zurückwies.

Die Herkunft verleugnen 

Sara Yasin zitiert einen Kollegen, der meinte, die Berichterstattung der Zeitung könne als tendenziös gesehen werden, weil ihre Twitter-Biografie verrate, dass sie Palästinenserin sei. Das lasse sich, sagte sie, leicht herausfinden. Die Antwort? Falls sie nicht sage, sie sei Palästinenserin, werde das niemand je herausfinden – so als gelte das auch für Schwarze, für Juden oder für Angehörige anderer Minderheiten. In einer Umfrage in den USA unter Medienschaffenden arabischer oder nahöstlicher Herkunft über das Redaktionsklima antworteten 85 Prozent, ihre Arbeit werde in Sachen Ausgewogenheit strikter beurteilt als jene von Kolleginnen und Kollegen. 

Im Artikel zur Erstausgabe des Online-Magazins «The Key» erinnert sich Sara Yasin an einen Besuch ihrer Familie in Beit Imrin, einem kleinen Dorf in den Hügeln über der Stadt Nablus im Westjordanland, vom vergangenen November: «Wenn du in Palästina bist, siehst du die Dinge genauso, wie sie sind. Alles, was Israel macht, um den Alltag für Palästinenserinnen und Palästinenser zu einem Alptraum werden zu lassen, ist unmöglich zu übersehen. Die Unterdrückung ist so direkt, dass der Graben zwischen der Wirklichkeit und der externen Berichterstattung – wo Israels Aktionen als kompliziert und undurchsichtig beschrieben oder überhaupt nicht vermeldet werden – fast unüberbrückbar wird.»

Fortgesetzte Unterdrückung

Mit ihrer Familie beobachtet sie, wie ein israelischer Siedler an einem der Orte zu graben beginnt, wo ihr Vater, Jahrgang 1947, seine Kindheit verbracht hat. Sie realisiert, dass sie diese Hügel stets als selbstverständlich angesehen hatte. Dabei hätte sie wissen müssen, dass das nicht der Fall ist: «Im Westjordanland verläuft jeder Tag als eine Fortsetzungsgeschichte von Verhaftungen, Hauszerstörungen, Gerichtsurteilen, Siedlerattacken, Landraub, einer Menschenrechtsverletzung nach der anderen. Israelische Siedler schliessen Schulen, attackieren Bauern, brennen Olivenbäume nieder, die Familien während Jahrhundertern ernährt haben, setzen Lagerhäuser in Brand oder schütten Beton in Brunnen, die ganze Dörfer mit Wasser versorgen.» 

Um das zu belegen, habe ihr ein Journalist aus Nablus den Verlauf seines Gruppenchats gezeigt. Ständige Updates hätten es aber verunmöglicht, ein normales Gespräch zu führen: «Der einzige Weg, sich auf einen einzelnen Akt der Unterdrückung zu fokussieren, war es, das Handy auf Flugmodus zu stellen.» 

Redaktionelle Sachzwänge

Sie habe, erinnert sich Sara Yasin, nach ihrem Abgang von der «Los Angeles Times» mit Dutzenden Kolleginnen und Kollegen darüber gesprochen, welchen Sachzwängen sie auf ihren Redaktionen bei der Berichterstattung über Palästina ausgesetzt gewesen seien. Wer sich nicht an das traditionelle Mantra des «einerseits, anderseits» gehalten habe, so die Antworten, habe riskiert, als Unruhestifter oder Aktivist gebrandmarkt zu werden, selbst wenn er oder sie sich an etablierte journalistische Standards gehalten hätten.

Das habe sich etwa so gezeigt, dass das Gesundheitsministerium in Gaza stets als «von der Hamas kontrolliert» habe bezeichnet werden müssen, was suggerierte, dessen Opferzahlen seien blosse Propaganda. Die israelische Armee hat aber unlängst eingeräumt, dass die Zahlen des Ministeriums zuverlässig waren. Auch die Verwendung des Begriffs «Genozid» an die Adresse Israels sei auf amerikanischen Redaktionen verpönt gewesen: Er verrate, hiess es, «ein Vorurteil».  

Veränderter Medienkonsum

Dasselbe Mass an Zurückhaltung, so Sara Yasin, sei aber nicht zu beobachten gewesen, wenn es darum ging, aus israelischer Perspektive über Gaza zu berichten, etwa wenn amerikanische Medienschaffende sich von der israelischen Armee hätten «embedden» lassen, so als gäbe es im Gebiet nicht genug einheimische Journalistinnen und Journalisten sowie Bewohnerinnen und Bewohner, die häufig unter Lebensgefahr über das aktuelle Kriegsgeschehen berichteten.

Solche Erscheinungen, typisch für traditionelle Medien, hätten es ihr zunehmend erschwert, ihren Job auf der Redaktion der «Los Angeles Times» zu machen. Der habe unter anderem darin bestanden, jüngere Leserinnen und Leser anzuziehen. Dabei habe sie, selbst noch jung, besser als Ältere verstanden, wie sich in Amerika der Medienkonsum und das Vertrauen in Medieninhalte veränderten. 

Sie sei als Vertreterin einer jungen Generation angestellt worden, um umzusetzen, was auf Redaktionen für «digital natives» funktioniere: «Aber wie konnte uns das gelingen, wenn wir nicht genau jene Traditionen in Frage stellen durften, die das Vertrauen der Leserschaft zerstört hatten?» In den USA misstrauen Umfragen zufolge die meisten Teenager der Berichterstattung traditioneller Medien und 43 Prozent der Erwachsenen unter 30 informieren sich über TikTok.

Standards überprüfen

«Wenn ein Nachrichtenkonsument in den Sozialen Medien die Zerstörung Gazas ungefiltert sehen kann, während er gleichzeitig hört, wie ein Journalist die Lügen israelischer Offizieller unkritisch wiederholt und verbreitet, dann zwingt es ihn dazu, sich anderweitig zu informieren», argumentiert Sara Yasin. Viele Medien würden das lediglich als Verteilproblem sehen und dieselbe problematische Berichterstattung für die Plattformen Sozialer Medien einfach neu verpacken: «Doch das Publikum zu erreichen, ‘wo es ist’, heisst ebenso sehr, es zu erreichen, wo es seine Nachrichten bezieht, wie über die Standards nachzudenken, die bestimmen, wie diese Stories erzählt werden.»

Am Ende nicht zu vergessen, so Sara Yasin, sei in den USA auch der Einfluss mächtiger Leute, die Israel ausdrücklich und teils einschüchternd unterstützten. Sie machten sich jeweils bemerkbar, wenn die Berichterstattung davon abweiche, was die Mächtigen für «objektiv» hielten: «Es gibt auch gutgeölte pro-israelische Organisationen, die Journalisten und Redaktoren wegen Geschichten belästigen, die Palästinensern auch nur einen geringen Grad an Humanität bescheinigen.» 

Gefahr der Bedeutungslosigkeit

Das alles habe eine abschreckende Wirkung: «Reporterinnen und Reporter sowie Redaktorinnen und Redaktoren wenden sich von wichtigen Geschichten ab, um nicht während Tagen aggressiven und bedrohlichen Telefonanrufen und Emails ausgesetzt zu werden. Die Zurückhaltung hängt auch direkt mit dem Überlebenskampf von Redaktionen zusammen, der ein Klima der Lähmung und der Furcht nährt. Während Redaktionspersonal, Publika und Budgets schrumpfen, kann es sich sicherer anfühlen, entschieden den Weg des geringsten Widerstands zu gehen.»

Es gebe, schliesst Sara Yasin, bei traditionellen Medien nach wie vor Kolleginnen und Kollegen, die einen guten Job machten. Nur sei der Aufwand inzwischen vielfach zu gross geworden, um wichtige Geschichten realisieren zu können: «Ohne die tatsächliche Wirkung des Journalismus zu überdenken und unsere Standards eingehend zu überprüfen, wird der Job der Journalistin und des Journalisten noch weiter in Bedeutungslosigkeit versinken.»  

Quelle: https://www.thekeymagazine.com/p/welcome-to-the-key; Substack: «No Bad Days» (NBD)

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