Das neue Werk von Edwin Beeler, «Der Mann auf dem Kirchturm», gehört zum Besten, was während der letzten Jahre an schweizerischen Dokumentarfilmen entstanden ist. Konzeptionell bestechend, künstlerisch stark. Ein Lichtblick.
Schön früher erwarb sich der 1958 in Rothenthurm SZ geboren und in Luzern wohnhafte Produzent und Regisseur hohe Anerkennung, namentlich mit den Dokumentarfilmen «Die weisse Arche», «Bruder Klaus» und «Hexenkinder».
Fatale Zässur
Die Geschichte ist einfach und tragisch. Sie handelt von Hans Nussbaumer, der im letzten Jahrhundert als Kaminfeger- und Dachdecker-Meister in Oberägeri ZG arbeitete. Wegen seiner Tüchtigkeit und Ehrbarkeit wurde er im Dorf geschätzt. Er war verheiratet und zog mit seiner Frau sieben Kinder auf. Ein Arbeitsunfall aus eigenem Verschulden wirkte als Zäsur. Aus einem extrovertierten Menschen wurde ein introvertierter. Im Alter von 82 Jahren nahm er sich das Leben. Für niemanden, auch für seine nächste Umgebung nicht, war der Suizid vorhersehbar.
Drei Erzählstränge
Edwin Beeler erzählt die Geschichte in einem ersten Strang, wie sie eben konventionell erzählt wird: Mit biografischen Informationen und individuellen Mutmassungen von Angehörigen und Bekannten. Ergänzt mit Aufnahmen von Hans Nussbaumers Wohnhaus, dessen Umgebung und Fotos aus Familienalben. Darunter liegt ein sachlicher Kommentar, den der Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart wunderbar spricht.
In einem zweiten Strang dokumentiert Edwin Beeler mit Bildern den Wandel von Oberägeri. Vom Dorf mit knapp 2'000 Einwohnern, als Hans Nussbaumer am 24. Dezember 1907 zur Welt kam, und mit 3'500, als der Kaminfeger und Dachdecker 1989 starb. Heute sind es annähernd doppelt so viele. Das ländliche Oberägeri wurde zu einem bevorzugten Wohnort für Wohlhabende, auch für Expats. Wer das Englische nicht beherrsche, sagt ein ehemaliger Gemeindepräsident, habe Schwierigkeiten mit der Verständigung.
In einem dritten Strang offenbart sich, dass Edwin Beeler des Kaminfegers Enkel ist. Im Film aufs Natürlichste gespielt vom kleinen Buben David Meile.
Er verkörpert die Erinnerungen des Enkels an seinen Grossvater, das Stöbern im Estrich mit der Entdeckung von Familienfotos und der Zylinder-Sammlung, sowohl Kopfbedeckungen des Kaminfegers als auch Symbole des Glücks und Requisit der Zauberer.
Spannender Zeiten- und Bilderwechsel
Die drei Stränge entwickeln sich teils allein, teils miteinander verknüpft, spiegeln das grossväterliche Leben im dörflichen Alltag, das Vergangene im Gegenwärtigen, die Erinnerung in der Wirklichkeit. Der Zeiten- und Bilderwechsel gelingt Edwin Beeler spannend, aussagekräftig, relativierend und bestätigend.
Es liegt nahe, den Film als Impulsgeber für Problemdiskussionen zu verstehen. Als Aufruf, die möglicherweise im Suizid endende Altersdepression früh zu erkennen und präventiv zu mildern. Als Empfehlung, die eigene harte Schale zu öffnen und den weichen Kern zu zeigen. Als Kritik an einer voremanzipatorischen Gesellschaft, die den Mann der Frau überordnete und die Gleichwertigkeit der Geschlechter als Schwächung des Mannes ablehnte. Als Beweis, dass Gemeinden mit dem Wachstum und der Zersiedelung ihre Identität verlieren. Das alles gehört zum schwarzen Rauch, der dem Kaminfeger-Film entsteigt.
Recht auf Selbstbestimmung
Der Film lässt sich auch anders begreifen, nämlich als Quelle weissen Rauches. Als facettenreiche Hommage an einen Menschen, der mit seinem gewerblichen Betrieb rechtschaffen für seine Familie sorgte, seine eigenen Probleme und Gefühle verschwieg, um niemanden zu belasten, und bis zu seinem Ende unbeugsam konsequent autonom blieb. Hans Nussbaumer war ein aufrecht Stiller im Land. Stellvertretend für diese ist er von seinem ihm innig verbundenen Enkel mit einem Film nachdrücklich und eindrücklich gewürdigt worden. Den «Mann auf den Kirchturm» erhebend. So liebevoll, dass sich im Film auch der sinnerfüllende Wert verwandtschaftlicher Zuneigung manifestiert.
Der Film ist deutbar als Plädoyer fürs Recht auf Selbstbestimmung. Er fesselt, weil Edwin Beeler künstlerisch formuliert. Mit Spannungsbögen, variierenden Perspektiven und einem anregenden Rhythmus.
Daniel Leippert führte neben dem Regisseur die Kamera, Mirjam Krakenberger verantwortet die Supervision der Montage, Oswald Schwander die Musik und das Sounddesign. Im Ergebnis eine hervorragende Gesamtleistung. Ein Fillm eben, der unser dokumentarisches Schaffen enorm bereichert.
«Der Mann auf dem Kirchturm» dauert 80 Minuten und läuft seit Mitte Januar in den Kinos.