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Iran

Wenn Kinder zu Soldaten werden

2. April 2026
Ali Sadrzadeh

NetBlocks zählt die Stunden. Am Mittwochmorgen gegen zehn Uhr war die Zahl Tausend erreicht. So lange dauert die internetlose Zeit im Iran, die eigentlich vor dem Krieg begann. Es waren die Tage der Massenproteste und Massentötungen im vergangenen Januar. Deshalb besteht alles, was wir derzeit über den Iran erfahren, aus Momentaufnahmen aus diesem riesigen Land, die uns entweder über Starlink, einige VPN-Links oder über offizielle Propaganda-Apps erreichen. 

Es war an diesem Mittwochmorgen, als mehrere offiziöse Webseiten wie Etmad mit dem reisserischen Titel aufmachten: «Amerika bombardiert seine eigene Botschaft.» Daraufhin tauchte sofort in den sozialen Netzwerken die Frage auf, warum die USA praktisch ihr eigenes Territorium zerstören. Später stellte sich heraus, dass es ein sogenannter Kollateralschaden war. Der Angriff galt offenbar einem Nachbargebäude im Zentrum Teherans. Es wäre auch kein verfehlter Angriff, wenn die US-Flugzeuge gezielt ihre eigene Botschaft anvisiert hätten. 

«Ich möchte Märtyrer werden»

Seit der spektakulären Besetzung der US-Botschaft kurz nach dem Sieg der Revolution verwandelte sich dieses grosse Areal zu einem Stützpunk der sogenannten Basij für Schüler und Studenten. Hier werden seit über vierzig Jahren Freiwillige geschult, die in Strassen bei Massenprotesten kämpfen sollten. 

Seit dem Tod des elfjährigen Schülers Alireza Jafari vor einer Woche ist die ehemalige Botschaft neben anderen Basij-Stützpunkten in Teheran ein grosses Thema. 

Alireza war in der fünften Klasse und ein «geschulter» Basiji, seine letzten Worte gegenüber seiner Mutter waren «Mama, entweder gewinnen wir diesen Krieg oder wir werden Märtyrer. So Gott will, werden wir gewinnen, aber ich möchte Märtyrer werden.» Dieses Zitat steht in der Zeitung Hamschahri, die dem Teheraner Rathaus gehört. 

Der Reporter besucht am Tag danach seine Mutter Sadaf, und sie berichtet ausführlich über die letzten Stunden ihres Kindes. Ihr Mann habe ihr erzählt, an seinem Kontrollpunkt gäbe es nicht genügend Kräfte, es seien «nur vier Personen», Alirezas müsse «auf die kommenden schwierigen Tage vorbereitet sein». Der Vater, der den Sohn mitgenommen hatte, blieb beim Luftangriff unversehrt. 

Jeder Demonstrant ein feindlicher Soldat

Seit Alirezas Tod und der verstärkten Werbekampagne der Revolutionsgaden für die Mobilisierung der Jugendlichen für Strassenkontrollen taucht im Iran wieder der Begriff «Kindersoldat» auf. Erinnerungen an den achtjährigen Krieg mit dem Irak werden wach. Als ob auf den Strassen Soldaten des Feindes zu bekämpfen wären, sieht man Werbeplakate von einem kleinen Jungen neben einem Mädchen und zwei Erwachsenen in Militäruniform.

Noch gibt es keinen ausländischen Soldaten auf iranischem Territorium, doch die Strassen sind längst zu offiziellen Schlachtfeldern erklärt worden. Der gefürchtete Polizeichef Alireza Radan, sagte bereits eine Woche nach dem Krieg im iranischen Fernsehen mit erhobenem Zeigefinger: «Ab jetzt ist für uns jeder Demonstrant ein feindlicher Soldat, und wir werden mit ihm so umgehen wie mit einem Feind. Die Finger unserer Jungs liegen auf dem Abzug.»

Zwei Tage später erschien Rahim Nadali, der Kommandant der Revolutionsgarden, in der Hauptnachrichtensendung und stellte stellte seinen Plan «Verteidiger des Vaterlandes» vor. Im Rahmen dieser Initiative würden Freiwillige ab zwölf Jahren registriert, um an Basij-Aktivitäten teilzunehmen. Sie würden an Kontrollpunkten in den Grossstädten ihren Dienst tun, übernähmen Sicherheitsaufgaben, Patrouillen an Kontrollpunkten, Verteilung von Versorgungsgütern und Erledigung anderer «Angelegenheiten».

Schwere Verletzung der Kinderrechte

Zu diesen «Angelegenheiten» gehört, darauf zu achten, wer von den Angriffsstellen oder Zerstörungen Fotos macht. Und wenn jemand dabei erwischt wird, muss er sogar mit einem Todesurteil rechnen, sagt Mohseni Eschei‘i, der mächtige Chef der Justizbehörde. 

Doch diese Kontrollpunkte werden regelmässig aus der Luft unter Beschuss genommen. Fast täglich melden die offiziellen Webseiten «Märtyrer der Sicherheit auf den Strassen».

Nach dem Tod Alireza machten BBC-Reporter einen Faktencheck und riefen mehrere Bürger in Teheran und anderen iranischen Grossstädten an. Sie alle berichteten, überall in ihren Städten seien Kontrollpunkte eingerichtet worden, an denen Fahrzeuge angehalten und durchsucht würden. An allen Kontrollposten seien Teenager im Einsatz, berichten die Augenzeugen.

Sara, eine Frau in ihren Zwanzigern, erzählte der BBC von einem «kleinen Teenager mit einer zierlichen Statur, etwa 13 Jahre alt». Er hätte eine Waffe in der Hand und richtete sie auf Autos. «Der Junge hatte nicht einmal einen Bart oder Schnurrbart.»

Homa beschreibt gegenüber der BBC ihre Beobachtung mit folgenden Worten: «Sie trugen Masken, und ihre Gesichter waren verdeckt, aber man konnte erkennen, dass es Kinder waren; man konnte es an ihren Augen sehen. Sie standen vor den erwachsenen Streitkräften. Sie tun mir leid, und ich habe Angst.»

Wegen diesem und ähnlich unbestreitbaren Berichten sprach Human Rights Watch vor drei Tagen in einem Bericht, von «schwerer Verletzung der Kinderrechte und Kriegsverbrechen» bei dem Rekrutierungsprogramm.

Haley Degrass, Iran-Experte beim Think-Tank «Washington Institute for Near East Policy», sagte gegenüber der BBC, der Einsatz von Kindern an Kontrollpunkten zeige «die prekäre Lage der Islamischen Republik».

https://www.bbc.com/persian/articles/ce8j0n544dzo

https://www.iran-emrooz.net/index.php/news2/more/126741/

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