Mit den erneuten Angriffen auf die Stahlwerke von Mobarakeh und Khuzestan haben die Vereinigten Staaten und Israel nun eine Schwelle überschritten: die gezielte Beschädigung industrieller Schlüsselstrukturen.Der Mobarakeh-Stahlkomplex in der iranischen Provinz Isfahan ist nicht irgendeine Anlage. Mit einer Produktionskapazität von etwa 10 Millionen Tonnen pro Jahr gilt er als größter Stahlproduzent des Landes und als einer der zentralen Pfeiler der iranischen Industrie
Zusammen mit anderen großen Produzenten wie dem Werk in Khuzestan trägt er maßgeblich dazu bei, dass der Iran insgesamt rund 30 Millionen Tonnen Stahl jährlich herstellt und damit zu den zehn größten Produzenten weltweit zählt.
Ökonomische Folgen
Diese Zahlen verweisen auf eine strukturelle Abhängigkeit weiter Teile der Wirtschaft: Stahl ist ein unverzichtbarer Grundstoff für Bauwesen, Maschinenbau, Automobilproduktion und Infrastrukturprojekte. Ein Ausfall dieser Kapazitäten trifft nicht nur einen Industriezweig, sondern wirkt sich kaskadenartig auf nahezu alle Bereiche der Volkswirtschaft aus.
Hinzu kommt die beschäftigungspolitische Dimension. Allein beim Mobarakeh Stahlwerk und seinen Tochtergesellschaften sind etwa 15.000 Menschen direkt angestellt. Rechnet man die abhängigen Arbeitsplätze in Transport, Zulieferindustrie und Rohstoffförderung hinzu, ergibt sich ein Vielfaches dieser Zahl. Die Beschädigung der Anlagen bedeutet daher nicht nur Produktionsausfall, sondern potenziell den Verlust wirtschaftlicher Existenzgrundlagen in erheblichem Umfang.
Technische und strukturelle Schwächung
Besonders gravierend ist die technische Seite der Zerstörung. Stahlwerke gehören zu den komplexesten industriellen Anlagen. Ihre Produktionsprozesse sind hochintegriert und auf kontinuierlichen Betrieb ausgelegt. Schäden an zentralen Einheiten führen in der Regel zum vollständigen Stillstand. Der Wiederaufbau ist nicht nur kostenintensiv, sondern auch technologisch anspruchsvoll. Für einen Komplex wie Mobarakeh werden Investitionen von drei bis fünf Milliarden Euro und eine Bauzeit von mehreren Jahren veranschlagt.
Unter normalen Umständen wäre dies eine Herausforderung, aber kein unüberwindbares Hindernis. Im Falle des Iran jedoch verschärfen internationale Sanktionen die Lage erheblich. Die ursprünglichen Produktionslinien wurden mit Technologie westlicher Unternehmen errichtet, darunter des italienischen Anlagenbauers Danieli. Ersatzteile, Wartung und technisches Know-how sind ohne internationale Kooperation kaum verfügbar. Damit wird aus einer temporären Zerstörung eine strukturelle Schwächung.
Auch die außenwirtschaftliche Dimension ist nicht zu unterschätzen. Stahl zählt zu den wichtigsten nicht-ölbasierten Exportgütern des Iran. Ein Rückgang der Produktion reduziert die Exporterlöse und erhöht zugleich die Importabhängigkeit, mit entsprechenden Auswirkungen auf Preise und Inflation.
Zwischen ziviler und militärischer Nutzung
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Zielsetzung solcher Angriffe. Stahlwerke lassen sich kaum als unmittelbare militärische Bedrohung klassifizieren. Ihre Bedeutung liegt vielmehr in ihrer Funktion für die wirtschaftliche Stabilität eines Landes. Zugleich entzieht sich Stahl einer eindeutigen Zuordnung. Als klassisches Dual-Use-Gut bildet er nicht nur die Grundlage ziviler Industrien, sondern auch die materielle Basis militärischer Infrastruktur.
In Staaten wie dem Iran, in denen Industrie und staatliche Strukturen eng verflochten sind, verschwimmen diese Grenzen zusätzlich. Gerade dieser Umstand kann als Begründung dienen, industrielle Anlagen als legitime Ziele zu definieren. Die Folge: ihre zivile Bedeutung tritt in den Hintergrund.
Normativer Wandel der Kriegsführung
Gerade hierin liegt die eigentliche Brisanz und der Vergleich drängt sich auf: Russland ist im Krieg gegen die Ukraine international scharf dafür kritisiert worden, systematisch Energieanlagen, Industriekomplexe und zivile Infrastruktur zu zerstören, um die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität des Landes zu untergraben. Wenn nun auch andere Staaten vergleichbare Ziele ins Visier nehmen, droht sich ein Muster zu verfestigen.
Die Problematik liegt weniger in der Einordnung einzelner Angriffe als in ihrer kumulativen Wirkung. Wird industrielle Infrastruktur als strategisches Ziel akzeptiert, verschiebt sich der Maßstab dessen, was als zulässig gilt. Die internationale Kritik verliert an Bindungskraft, wenn sie selektiv bleibt.
Die Bombardierung von Stahlwerken ist in diesem Sinne mehr als ein taktischer Schritt. Angriffe auf Energie- und Industrieinfrastruktur haben den Konflikt bereits früh geprägt. Mit der Ausweitung auf grundlegende Produktionskapazitäten wie die Stahlindustrie erreicht diese Entwicklung jedoch eine neue Tiefe: Nicht mehr nur einzelne strategische Sektoren, sondern die industrielle Basis insgesamt gerät ins Visier. Ob dies zur Lösung von Konflikten beiträgt, darf bezweifelt werden. Sicher ist hingegen, dass es deren Folgen vertieft und verlängert.