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Buch

George Orwell: Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch

3. April 2026
Stephan Wehowsky
George Orwell
Keystone/AP

Zwischen Dezember 1943 und Dezember 1948 hat George Orwell neben seiner Arbeit als Redaktor in der links stehenden Wochenzeitung «Tribune» dort auch wöchentlich Kolumnen geschrieben. Der Lektor und Übersetzer Lutz-W. Wolff hat jetzt eine Auswahl daraus vorgelegt. Sie zeigt uns den Witz und die Bissigkeit Orwells, der in diesen Jahren auch seine beiden bekanntesten Werke, die Märchenerzählung «Farm der Tiere» und den Roman «1984», geschrieben hat.

An einer Stelle bemerkt Orwell, es gehe ihm bei seinen Kolumnen darum, jedes Mal «möglichst viele Leser zu verärgern». Dies geschah nicht durch den billigen Effekt vordergründiger Provokationen. Vielmehr leidet Orwell an den vielen Formen des Wahns, in den seine Zeit verstrickt ist und denen auch er nicht entgehen kann. Vieles erinnert auf fatale Weise an die Gegenwart.

Die Irrenanstalt

So vergleicht er die öffentliche Ächtung einzelner Mordtaten als kriminelle Akte mit der Akzeptanz von Kriegen, die in der Regel nicht als kriminell eingestuft werden: «Wenn ich eine Welt sehe, in der es ein Verbrechen ist, einen einzelnen Zivilisten zu töten, aber völlig rechtmässig, wenn man tausend Tonnen hochexplosiven Sprengstoff über einem Wohngebiet abwirft, dann frage ich mich schon, ob unsere Erde nicht eine Irrenanstalt ist, die ein anderer Planet als seine Abfalltonne benutzt.»

Wieder und wieder beschäftigt Orwell sich mit kollektiven Vorurteilen und Ressentiments. Zu den amüsanteren gehört die Aversion der Amerikaner gegenüber England, die, wie man weiss, derzeit in Bezug auf Europa eine Neuauflage erlebt. «Wir sollten nicht die Augen davor verschliessen, dass viele Amerikaner dazu erzogen wurden, uns abzulehnen und zu verachten.» Auf der Bühne, in Comicstrips und in Illustrierten werde «der typische Engländer als kinnloser Trottel mit einem Adelstitel, einem Monokel und der Angewohnheit dargestellt, ständig ‚haw, haw‘ zu sagen.» Ein bekannter amerikanischer Schriftsteller apostrophierte die Engländer als «horse-riding aristocratic snobs». Diese Vorurteile würden von der amerikanischen antibritischen Presse geschürt, während umgekehrt in England seit Kriegsbeginn peinlich drauf geachtet werde, alles in Funk und Presse zu vermeiden, was die Amerikaner verärgern könnte.

Der «Quartermaster»

Orwell wird sich wohl selbst über diese Seite kollektiver Vorurteile amüsiert haben, aber die Arroganz und Selbstgerechtigkeit der englischen Klassengesellschaft hat ihn empört. So schildert Orwell, wie er als noch ganz junger Mann in den 1920er Jahren  auf einem Linienschiff nach Burma reiste. Die Fahrgäste wurden wieder und wieder mit Mahlzeiten und Alkohol im Überfluss verwöhnt. Von der Besatzung fiel ihm ein «Quartermaster», der eine wichtige Rolle bei der Navigation und Steuerung des Schiffes spielt, besonders auf und beeindruckte ihn. 

Eines Tages kam Orwell etwas früher vom Mittagessen zurück und bemerkte, wie dieser «Quartermaster» regelrecht vor ihm davonlief und dabei einen Teller mit einer halben Pastete zu verbergen suchte, den er irgendwo an Deck aufgelesen hatte. «Über 20 Jahre später spüre ich immer noch die Scham und den Schreck über diese Entdeckung. Es dauerte zwar eine Weile, bis ich den Zwischenfall in allen Konsequenzen durchdacht hatte, aber es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass der Schock darüber, dass ein hochqualifizierter Fachmann, der jeden Tag unser aller Leben in Händen hielt, Essensreste von unserem Tisch stehlen musste, mich mehr gelehrt hat als ein halbes Dutzend sozialistischer Druckschriften.»

Die kleinen Dinge des Alltags

Über die grossen Themen verlor Orwell aber nicht die kleinen Dinge des Alltags aus den Augen. So echauffierte er sich über die Zumutung des täglichen Abwaschs und erwog, ob man dafür nicht einen Hol- und Bringservice einrichten könne, zumal im Winter die Wasserleitungen in den schlechten Mietskasernen ohnehin häufig zugefroren waren, wobei das Wasser durch die Dächer tropfte. Dann wieder schwärmte er vom Kamin in der Wohnung, der für ihn als Ort des Zusammenseins der Familien unersetzlich war. Und der Tee! Minutiös beschreibt er, wie ein guter Tee zubereitet und serviert werden muss. Dann wieder erinnert er sich an seine Kindheit, während der es ihm einen Riesenspass machte, Spielzeugkanonen mit Schwarzpulver abzufüllen und abzufeuern. Auch Kleinkalibergewehre hatten es ihm angetan – damals noch für Kinder erhältlich.

Aber über den Kolumnen liegt der Schatten des 2. Weltkrieges und an dessen Ende der Einsatz der Atombombe. Orwell kennt die Parolen des Faschismus und als Spanienkämpfer hat er die Verirrungen des Kommunismus erlebt. Das Ende des Krieges ist für ihn nur der Beginn neuer Diktaturen im Zeichen der Atombombe. Und er sieht schon den nächsten grossen Krieg kommen. 

Die Kolumnen von Orwell sind auch deswegen heute noch so lesenswert, weil sie in einer Zeit entstanden sind, in der er seine beiden grossen Werke über Totalitarismus geschrieben hat. Die Schlagworte, die mit beiden Romanen verbunden werden, sind zwar zutreffend, aber sie verstellen den Blick auf Orwells grosse literarische Kunst, die Verformungen des Fühlens und Denkens unter totalitären Bedingungen minutiös zu beschreiben. Man sollte sie noch einmal lesen.

Keine Gedankenfreiheit unter Diktaturen

Orwell bestreitet, dass unter Diktaturen nennenswerte Literatur entstehen kann. «Die geheime Freiheit, die man angeblich in einer Diktatur geniessen kann, existiert nicht, weil man nicht nur von eigenen Gedanken lebt. Philosophen, Schriftsteller, Künstler, ja sogar Wissenschaftler brauchen nicht nur Unterstützung durch eine Zuhörerschaft, sondern auch ständige Anregungen von anderen Menschen. Es ist nahezu unmöglich, zu denken, ohne darüber zu reden.»

Es ist also nicht so, dass Manuskripte in Schubladen schlummern und nur darauf warten, am Tag der Befreiung von der literarischen Welt entdeckt zu werden. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks hatte man im Westen auf unentdeckte Schätze gehofft. Aber nach kurzer Zeit machte sich Ernüchterung breit. Da waren keine.

Nicht jede Kolumne von Orwell wird den Leser gleichermassen interessieren. Aber manche muten verblüffend, ja geradezu schmerzhaft aktuell an und alle vermitteln etwas, was sich als «George Orwell-Sound» charakterisieren lässt. Orwell hat einen unverwechselbaren Tonfall in seinen Glossen, und man versteht, warum er, der wieder und wieder unter prekärsten Umständen sein Leben führen musste, schon damals eine grosse Lesergemeinde hatte.

Orwell Cover

George Orwell: Zeilen der Zeit. Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch. Ausgewählt und aus dem Englischen übersetzt von Lutz-W. Wolff, 267 Seiten, Reclam 2026, 25 Euro

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