In der Debatte mit Kerstin Holm und Sergej Lebedew geht es um Krieg, Repression und Ohnmacht und um die Frage, ob im Exil andere politische Perspektiven, vielleicht sogar ein Gegenprojekt zum imperialen Selbstverständnis des russischen Staates und seiner offiziellen Kultur entstehen können. Moskau definiert die nationale Identität allein mit der historischen Einheit Russlands, der Ukraine und Weißrusslands samt den nationalen Minderheiten. Deshalb sieht der russische Exil-Schriftsteller Sergej Lebedew Lebedev in dieser Kultur «die letzte koloniale Kultur» und fordert als Ziel und Richtung für eine neue Kultur eine «postimperiale Identität».
Dafür wäre es jedoch notwendig, über Krieg, Täter und Verantwortung zu sprechen, aber: «Wo ist die Analyse? Wo ist die Reflexion? Wo ist die Antwort der russischen Kultur? Es gibt (sie) nicht.»
Für Kerstin Holm, der langjährigen Russland Korrespondentin und Feuilletonistin der FAZ besteht zwar für eine «postimperialen Kritik» eine Chance, das reale Problem sei aber, «dass nach dem Zusammenbruch des Imperiums 1991 (…) ein postimperiales Nation-Building gescheitert ist (…) Jetzt haben wir wieder das Modell, wie in der Sowjetunion, dass die versklavte Gesellschaft durch den Stolz auf das Imperium kompensiert wird. Und das funktioniert wieder.»
Der russischen Gesellschaft fehle ein Wir-Gefühl: «Die fühlen sich nicht als Gesellschaft, dieses politische Subjekt ist praktisch nicht da.» – Sergej Lebedew formuliert es grundsätzlich: «Ich würde das den Kadavergehorsam der russischen Gesellschaft nennen. (…) Wir können uns zu gut adaptieren. (…) Das ist die erste unbewusste Reaktion, einen Weg zu finden, um sich zu retten, aber nur sich selbst.»
Wirkt das Muster der Ohnmacht, die Russland geprägt hat, auch im Exil fort? Hier zeige sich, dass das russische Exil kein einheitlicher Raum sei. Es gebe zwar Solidarität, Reflexion und Gewissensarbeit, es gebe aber auch Streit und Zersplitterung. Für Kerstin Holm werde «ein Klischee der russischen Emigration, dass sie Meister sind, sich zu zerstreiten», deutlich.
Trotz aller Skepsis skizziert Sergej Lebedew am Ende des Gesprächs vorsichtig eine Perspektive: «Die offizielle russische Kultur wird immer offizieller und offizieller, langweiliger und langweiliger.» Früher habe es für die Kultur eine Nische gegeben, aber diese werde jetzt «immer beschränkter, mehr Politik, mehr Zensur». Gerade darin sehe er eine Möglichkeit für Veränderung: «Und wie hat die westliche Kultur damals gewonnen? Vielfalt, Interesse und Freiheit.» Lebedevs Hoffnung ist, dass daraus eine Alternative entstehen könne. Nicht durch grosse Gewissheiten, sondern durch Humor, Freiheit und neue Vernetzungen.
Journal 21 publiziert diesen Beitrag in Zusammenarbeit mit dem Podcast-Projekt «Debatte zu dritt» von Tim Guldimann.