Die Wahlen im Kanton Bern brachten den Frauen Erfolge: Sie verstärkten ihre Sitzanteile in Exekutive und Legislative. Parteipolitisch ist ein Rechtsrutsch auf Kosten der bürgerlichen Mitte zu verzeichnen. Bern und Biel wählten rot-grün, das Land rechts.
Die grosse Frage bei den Wahlen im Kanton Bern war, ob es der SVP gelingt, mit ihrem Powerplay einen dritten Sitz zu holen und so die bürgerliche Vertretung in der Regierung auf fünf von sieben zu steigern.
Diese Ausgangslage dürfte sich auf die Partizipation förderlich ausgewirkt haben: Lag die Beteiligung in den letzten 28 Jahren bei den kantonalen Wahlen jeweils bei rund dreissig Prozent, so stieg sie diesmal auf 34 Prozent. Überdurchschnittlich hoch war sie im Oberland und im Zählkreis Bern-Mittelland.
Frauen an der Spitze
Bei den Regierungsratswahlen wurden alle vier Bisherigen wiedergewählt. Die besten Ergebnisse erzielten die beiden Frauen, Finanzdirektorin Astrid Bärtschi (Mitte) und Justizdirektorin Evi Allemann (SP). Beide lagen um je 31`000 Stimmen vor dem am knappsten Gewählten ihres jeweiligen politischen Lagers. Im Vergleich zu den letzten Wahlen haben beide Frauen zugelegt, Astrid Bärtschi aber stärker als Evi Allemann, wodurch sie Platz eins eroberte.
Dagegen schnitten die beiden männlichen Wiedergewählten, Polizeidirektor Philipp Müller (FDP) und Sozial- und Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg (SVP) aus dem Südjura, schlechter ab als vor vier Jahren. Pierre Alain Schnegg musste sich gar von seinem neu kandidierenden Parteikollegen Raphael Lanz, dem Thuner Stadtpräsidenten, knapp überholen lassen.
Bereits im Vorfeld wurde erwartet, dass die Verteilung von zwei Regierungsratssitzen unter der Grünen Nationalrätin Aline Trede, dem sozialdemokratischen Langenthaler Stadtpräsidenten Reto Müller und dem Stadtpräsidenten von Zollikofen, Daniel Bichsel (SVP), ausgemacht wird. Aline Trede setzte sich mit 101`500 Stimmen und einem Vorsprung von 2`500 Stimmen gegenüber Reto Müller durch (zur Einordnung: die Zahl der gültigen Wahlzettel betrug 250`000). Reto Müller distanzierte wiederum den SVP-Kandidaten Daniel Bichsel um rund 7`000 Stimmen. Damit hatte Rot-Grün den Angriff der SVP abgewehrt. Die seit 2016 bestehende parteipolitische Zusammensetzung der Kantonsregierung bleibt unverändert (SVP: 2, FDP: 1, Mitte: 1, SP: 2, Grüne: 1).
Hervé Gullotti, SP-Kandidat aus dem Südjura, waren im Vorfeld gegen den amtierenden Südjurassier Pierre Alain Schnegg kaum Wahlchancen eingeräumt worden. Er landete denn auch auf Platz neun. Im Südjura holte er die zweitmeisten Stimmen (hinter Pierre Alain Schnegg) und wurde auch in den urbanen Gebieten relativ gut gewählt. So kam er bis um rund 11`100 Stimmen an den 7-platzierten SP-Mann Reto Müller heran.
Die Grünliberalen gingen erneut leer aus. Ihr Kandidat, Tobias Vögeli, landete wie seine Vorgänger (Michael Köpfli und Casimir von Arx) bei den früheren Wahlen auf Platz 10. Er schnitt aber besser ab als Köpfli und von Arx.
Ein Stadt–Land-Graben
Ein Blick auf die regionale Verteilung der Stimmen zeigt, dass die Bürgerlichen in den ländlichen Regionen besonders stark waren, namentlich im Oberland, im Emmental und im Oberaargau. Die fünf Kandidierenden erzielten in diesen Regionen fast flächendeckend die fünf besten Ergebnisse. Wie schon früher punkteten dagegen SP und Grüne in den urbanen Gebieten, vor allem in Bern-Mittelland und in Biel. In beiden war Evi Allemann die Spitzenreiterin. Ein Vergleich der Stimmen von Aline Trede und Reto Müller zeigt, dass Aline Trede nicht nur in den urbanen Gebieten leicht stärker war, sie war es auch im ländlichen Berner Oberland. Astrid Bärtschi übersprang, als einzige, den Stadt-Land-Graben: Sie punktete in den ländlichen Zählkreisen am meisten oder zweitmeisten und kam in Bern-Mittelland und in Biel jeweils auf Platz zwei.
In den Städten Bern und Biel distanzierten die vier rot-grünen Kandidierenden die fünf Bürgerlichen überdeutlich, am stärksten in Bern, wo die Beteiligung mit 42 Prozent (2022: 37%) besonders hoch war. Bei den vier rot-grünen Kandidierenden bewegten sich die erhaltenen Stimmen – relativ kompakt – zwischen 25`500 und 28`900. Bei den Bürgerlichen war die Spanne grösser: Astrid Bärtschi erzielte mit 13 900 Stimmen das beste Ergebnis; die anderen vier Bürgerlichen kamen nur gerade auf 5`600 bis knapp 10`000 Stimmen.
Rechtsrutsch im Parlament auf Kosten der bürgerlichen Mitte
Aufgrund der Tendenzen bei den Parlamentswahlen der letzten Jahre in anderen Kantonen konnte ein Vormarsch der SVP erwartet werden. Und dieser fiel bei den Berner Wahlen stark aus: Die SVP steigerte ihre Mandatszahl um sieben auf 51. Dazu kommt, dass auch die rechtskonservative EDU zwei Mandate zulegte (auf 8). Diese beiden Parteien vom rechten Pol haben nun weit mehr als einen Drittel der Mandate im 160-köpfigen Grossen Rat inne. Zusammen mit der FDP, die ihre 18 Mandate per Saldo halten konnte, haben die Rechtsbürgerlichen nun fast über die Hälfte der Grossratsmandate verfügen. Leidtragende des Vormarsches von SVP und EDU waren die bürgerlichen Mitteparteien: die Mitte (-3 auf 9), die EVP (-4 auf 5) und die GLP (-1 auf 15)
Auf rot-grüner Seite büssten die Grünen zwei Mandate ein, die SP gewann vier hinzu. Damit wurden die Verschiebungen, die 2022 im Zuge der «grünen Welle» erfolgten (SP: -6; Grüne: -4) teilweise kompensiert. Werden noch die beiden Mandate der südjurassischen Sozialisten (PSA) in Betracht gezogen, die diesmal nicht mehr antraten, konnte das rot-grüne Lager, bei den jüngsten Parlamentswahlen zusammen mit der Alternativen Linken, ihre bisherigen 54 Mandate halten. Sie verfügen weiterhin über gut einen Drittel der Grossrats-Mandate.
Die Proporzwahl nach Hagenbach-Bischoff bringt es mit sich, dass grössere Parteien eher zu Restmandaten kommen als kleinere. Diesmal waren diese Effekte besonders ausgeprägt: Die SVP holte mit einem Stimmenanteil von 29 Prozent 32 Prozent der Mandate; der SP reichten für 22,5 Prozent der Mandate 21 Prozent der Stimmen. Stark negativ betroffen war dagegen die EVP: Sie holte mit einer Parteistärke von 5,1 Prozent nur gerade 3,1 Prozent der Mandate. Die Empörung der Betroffenen, namentlich der EVP, ist nachvollziehbar; ein Wechsel zum Verteilungsmodus nach «Doppeltproportionalen Zuteilungsverfahren» («Doppelter Pukelsheim») würde solche Verzerrungen verhindern.
Berner Frauenwahl
Die relativ starke Vertretung der Frauen im Berner Regierungsrat hat eine gewisse Tradition: Im kantonalen Vergleich haben Frauen relativ früh Einsitz genommen und sich seither kontinuierlich behauptet. Nachdem die Grüne Leni Robert 1986 als erste Frau in den Berner Regierungsrat gewählt wurde, gab es 1990 noch ein letztes Mal im Kanton Bern eine reine Männer-Regierung. Seither gibt es meistens zwei bis drei Regierungsrätinnen: Dori Schär-Born (SP), Elisabeth Zölch (damals SVP), Dora Andres (FDP), Barbara Egger-Jenzer (SP), Beatrice Simon (BDP) und Christine Häsler (Grüne). Diese Tradition wurde bei den jüngsten Wahlen mit der Wahl von Astrid Bärtschi, Evi Allemann und Aline Trede weitergeführt.
Einen Vormarsch der Frauen gab es 2026 auch bei den Berner Parlamentswahlen: Die Frauen legten um sieben Prozentpunkte auf 46 Prozent zu. Es wurden elf Frauen mehr gewählt als 2022. In jeder Partei stieg dabei die absolute Zahl der gewählten Frauen, ausser bei der Mitte (-1) und beim PSA (-2), der von der Politbühne abtrat. Bei den Rechtsparteien EDU und SVP liegt der Frauenanteil 25 bzw. 29 Prozent, bei der Mitte, der FDP und der GLP zwischen 33 und 40 Prozent. Mehr Frauen als Männer weisen die Grünen und die SP aus (59% bzw. 69%). Bei der EVP, der etwas tragischen Verliererin der Grossratswahlen, gingen die Sitz-Verluste per Saldo alle zu Lasten der Männer. Die 5-köpfige EVP-Delegation ist zu 100 Prozent weiblich.
Nach dieser Steigerung rückt der Kanton Bern im kantonalen Vergleich auf Platz 2 der Frauenvertretung in den Kantonsparlamenten vor. Nur Neuenburg hat eine grössere Frauenvertretung im Kantonsparlament als Bern; seit 2021 sind dort die Frauen in der Mehrheit, aktuell mit 54 Prozent.