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Iran

Zermürbungskrieg

3. April 2026
Reinhard Schulze
Brücke von Karaj
Eine neu konstruierter Brücke bei Karaj, westlich von Teheran, wurde am 2. April 2026 bei einem US-Luftangriff getroffen. (Keystone/AP Photo, Vahid Salemi)

Die Zerstörung der B1-Brücke trifft nicht nur Infrastruktur, sondern Identität. Dies in einem Moment, da die iranische Wirtschaft angeblich nur noch drei bis vier Wochen in der Lage ist, die Grundversorgung der Bevölkerung zu garantieren. Die Kluft zwischen der Sprache des Regimes und der Erfahrung der Menschen wächst mit jedem Tag, an dem die Preise steigen und die Medikamente knapper werden.

Am 2. April 2026 wurde die B1-Brücke in Karaj zerstört. Mit einem Schlag verschwand eines der ambitioniertesten Infrastrukturprojekte des Landes – rund einen Kilometer lang, über 130 Meter hoch, erst kürzlich fertiggestellt, Baukosten von etwa 400 Millionen US-Dollar. Im Juni sollte sie für den allgemeinen Verkehr freigegeben werden. Die Brücke verband den Grossraum Teheran mit der Millionenstadt Karaj, entlastete eine der meistbefahrenen Verkehrsachsen des Landes und beschleunigte den Gütertransport zwischen Industriegebieten und Hauptstadt. Mit ihrer Zerstörung sind nicht nur Verkehrsströme unterbrochen. Es ist auch ein Symbol vernichtet worden – das eines Staates, der trotz Sanktionen und Isolation auf Modernisierung setzt.

Dabei ist die B1-Brücke kein Einzelfall, sondern Sinnbild für die Logik dieses Krieges. Iranische Stellen bezeichneten sie als rein ziviles Bauwerk; die USA verwiesen auf ihre mögliche Nutzung für militärische Transporte – ein klassischer Dual-Use-Fall, der sie zu einem legitimen, wenn auch politisch hochbrisanten Ziel machen würde. Der Angriff zielte zugleich auf Funktionalität und Symbolik: Er unterbrach reale Versorgungswege und sendete eine unmissverständliche Botschaft, dass selbst die sichtbarsten Zeichen staatlicher Leistungsfähigkeit verwundbar sind. Der Krieg richtet sich nun nicht mehr nur gegen die Revolutionsgarden, sondern gegen die Intrastruktur der Islamischen Republik. 

An den Märkten gibt es noch Brot. Die Zapfsäulen laufen. Die Regierung versichert, alles sei unter Kontrolle. Doch hinter dieser Fassade der Ordnung beginnt das Gewebe einer Gesellschaft zu reissen, das schon vor dem Krieg brüchig war – und nun unter dem Druck eines Konflikts steht, der seit Ende Februar 2026 eskaliert und keine schnelle Lösung verspricht.

Der Krieg zwischen dem Iran, den USA und Israel entfaltet seine innenpolitische Wirkung nicht als dramatischer Zusammenbruch, sondern als stille, schleichende Erosion. Das ist in gewissem Sinne sogar gefährlicher: Ein Systemschock provoziert Reaktionen, eine langsame Aushöhlung wird zunächst verdrängt, bis sie irgendwann nicht mehr zu verdrängen ist.

Die Zange der Ökonomie

Präsident Mas’ud Pezeshkian soll dem Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf unmissverständlich mitgeteilt haben, dass die iranische Wirtschaft nur noch drei bis vier Wochen in der Lage sei, die Grundversorgung der Bevölkerung zu garantieren. Eine dramatische Aussage – und eine, die das Grunddilemma des Regimes schonungslos blosslegt: Zwischen der ideologischen Unbeugsamkeit der Revolutionsgarden und der wirtschaftlichen Realität klafft eine Lücke, die sich mit Propaganda allein nicht mehr schliessen lässt.

Das Regime ist überzeugt, dass die wirtschaftlichen und humanen Ressourcen ausreichen, einer möglichen Eskalation des Kriegsgeschehens in Gestalt einer US-Intervention mit Bodentruppen standhalten zu können. Doch genau das bezweifeln die Technokraten der Macht.

Die Inflation galoppiert. Der Rial verliert kontinuierlich an Wert. Devisenreserven schwinden. Was das konkret bedeutet, spüren jene am deutlichsten, die ohnehin am Rand der wirtschaftlichen Existenz leben: Rentner, informell Beschäftigte, arme Haushalte. Für sie ist die Krise keine abstrakte Zahl in einem Wirtschaftsbericht, sondern die täglich erfahrene Realität, dass ein wachsender Anteil des Einkommens für Grundnahrungsmittel aufgewendet werden muss – und für Gesundheit, Bildung oder Vorsorge schlicht nichts mehr übrigbleibt.

Besonders die Verwundbarkeiten im Lebensmittelsektor zeigen, wie sehr der Iran in eine strukturelle Falle getappt ist. Die Abhängigkeit von importierten Futtermitteln, kombiniert mit der Blockade zentraler Seewege, hat eine Kettenreaktion ausgelöst: Viehhalter schlachten ihre Bestände vorzeitig – was kurzfristig zu einem Überangebot führt, dem mittelfristig ein empfindlicher Mangel folgen dürfte. Die Ironie ist bitter: Heute billiges Fleisch, morgen keines mehr.

Gesundheit als Klassenfrage

Noch bedrohlicher ist die Lage im Gesundheitssektor. Zwar existiert eine Basisversorgung, doch gerade bei importabhängigen Medikamenten – für Krebs, Diabetes, chronische Erkrankungen – entstehen zunehmend lebensgefährliche Versorgungslücken. Humanitäre Lieferungen aus Russland, Armenien oder dem Irak können punktuell entlasten, ersetzen aber nicht die ausgefallenen Handelsströme über den Seeweg.

Was sich hier herausschält, ist ein erschreckendes Muster: Der Zugang zu medizinischer Versorgung wird in zunehmendem Mass eine Frage von Einkommen, Beziehungen und regionaler Herkunft. Gesundheit als Privileg – in einem Land, das sich jahrzehntelang auf staatliche Fürsorge als Legitimationsgrundlage berufen hat, ist das eine politisch hochexplosive Entwicklung.

Dass auch Teile der Mittelschicht unter Druck geraten, macht die Situation für das Regime besonders heikel. Diese Gruppe gilt traditionell als sozialer Stabilitätsanker. Wenn sie wegbricht, oder auch nur an Zuversicht verliert, verschieben sich die politischen Koordinaten grundlegend. Die rasante Verarmung der Mittelschicht wird zu einem Schlüsselprozess, der massgeblich die Zukunft der politischen Ordnung in Iran bestimmt. Dem Bazar, traditionell der dominante soziale Ort der altansässigen Mittelschicht, dürfte es vor allem darum gehen, seine Handlungsfähigkeit zu bewahren, und das dürfte ihn nach den Erfahrungen der Dezemberproteste wieder enger an das Regime zurückbinden.

Das Machtgerangel hinter den Kulissen

Während die Bevölkerung leidet, tobt im Inneren des Regimes ein Richtungsstreit. Auf der einen Seite: Präsident Pezeshkian und pragmatische Kräfte, die eine diplomatisch garantierte Verhandlungslösung mit den USA anstreben, weil sie wissen, dass die Alternative wirtschaftlicher Kollaps ist. Auf der anderen: die Führung der Revolutionsgarden, deren institutionelles Selbstverständnis auf Standhaftigkeit und Abschreckung basiert – und die in einem Waffenstillstand eine Möglichkeit zur ideologischen Erneuerung sehen, nicht zur Reformöffnung. Sie sieht das System nur durch das Fortbestehen der privilegierten Schattenwirtschaft der Revolutionsgarden garantiert. Immerhin kontrolliert das Wirtschaftsimperium der Revolutionsgarden fast 40% des Bruttoinlandsprodukts und bindet gut ein Drittel der Beschäftigten ein.

Der ehemalige Präsident Hassan Ruhani hat sich mit der Forderung nach strukturellen Reformen zu Wort gemeldet – ein Zeichen dafür, dass die Debatte auch jenseits der aktuellen Regierung geführt wird. Doch welche Stimme sich durchsetzt, ist nicht eine Frage der Überzeugungskraft, sondern der Machtarchitektur. Und in dieser Architektur haben die Revolutionsgarden seit Jahren das letzte Wort.

Das hat ökonomische Konsequenzen. Denn die entscheidende Frage nach einem möglichen Waffenstillstand lautet: Werden Ressourcen in den zivilen Wiederaufbau gelenkt – oder in die Strukturen des Militärischen? Alles spricht dafür, dass die Revolutionsgarden Vorrang erhalten werden. Die lähmenden Mechanismen, die den Iran in diese Krise geführt haben, würden damit fortgeschrieben.

Die Logik der Abhängigkeit

Teheran sucht Auswege über Moskau und Peking. Auf Anweisung Putins seien mehrere Lieferungen – unter anderem 13 Tonnen Medikamente per Flugzeug, dann über 300 bis 330 Tonnen Medikamente per Bahn (Grenzübergang Astara) und rund 150 Tonnen Lebensmittel per LKW aus Dagestan in den Iran erfolgt. China hat eine Notfallhilfe angekündigt, genaue Mengen aber nicht öffentlich kommuniziert. Iranische Medien zeichnen schon das Bild einer chinesischen Luftbrücke. Hilfslieferungen kommen auch aus Armenien und über verschlungene Wege auch aus Tadschikistan. Eine stabilisierende Rolle spielt auch der Handel mit dem Irak, der über den Landweg abgewickelt wird.

Vertiefte wirtschaftliche Kooperation in Energieinfrastruktur, Rüstung und Finanzdienstleistungen soll Handlungsspielräume öffnen. Doch diese Partnerschaften haben ihren Preis: Russland nutzt den Iran als Lieferanten und Absatzmarkt; China verlangt robuste Preisnachlässe und politische Loyalität. Wer sich an Autokraten klammert, wird nicht freier – nur abhängiger.

Perspektivisch könnte Teheran versuchen, über erhöhte Transitgebühren in der Strasse von Hormuz neue Deviseneinnahmen zu generieren. Doch das erfordert Eskalationskontrolle in einer Region, in der die Spannungen ohnehin auf hohem Niveau bleiben. Das Risiko, dass ein solches Kalkül schiefgeht, ist real.

Der Mythos vom Sieg

Würde ein Waffenstillstand kommen, würde das Regime ihn als Triumph inszenieren. Als göttlich gewollten Beweis eigener Standhaftigkeit, als Bestätigung, dass die «nationale Opferbereitschaft» sich gelohnt habe. Die Propagandamaschinerie läuft längst auf Hochtouren – der Krieg hat dem System, wie es scheint, ein ideologisches Rückhaltebecken verschafft, mit dem es Proteststimmung zu kanalisieren hofft.

Doch die Realität ist prosaischer. Wer überlebt, will nicht den Sieg des Systems feiern. Er will den nächsten Monat überstehen. Das ist die eigentliche innenpolitische Wahrheit des Krieges: Die Kluft zwischen der Sprache des Regimes und der Erfahrung der Menschen wächst mit jedem Tag, an dem die Preise steigen und die Medikamente knapper werden.

Fragile Stabilität, ungewisse Zukunft

Die abschliessende Diagnose muss differenziert ausfallen. Kurzfristig verfügt der iranische Staat noch über ausreichende Mittel und Mechanismen, um einen völligen Kollaps der Grundversorgung zu verhindern. Exportstopps bei Nahrungsmitteln, zentral gesteuerte Verteilung, Subventionen für Basisgüter – das hält das System vorerst am Laufen.

Doch mittelfristig deutet vieles auf eine zunehmende Destabilisierung hin. Nicht unbedingt durch absolute Knappheit, sondern durch etwas Subtileres: soziale Spannungen, die aus ungleichem Zugang, steigenden Preisen und schwindenden Perspektiven entstehen. Eine schleichende Krise, die kein dramatisches Ereignis braucht, um zu einem ernsthaften innenpolitischen Risiko zu werden.

Die zerstörte B1-Brücke bleibt dabei mehr als eine Kriegsnotiz. Sie steht sinnbildlich für das, was dieser Konflikt mit dem Iran macht: Er trifft nicht nur Infrastruktur, sondern Identität. Ein Staat, der seiner Bevölkerung trotz Isolation Modernisierung versprach, muss nun zusehen, wie seine sichtbarsten Errungenschaften in Schutt fallen – und wie die unsichtbaren, die sozialen und wirtschaftlichen Fundamente der Gesellschaft, unter dem Druck des Krieges langsam nachgeben.

Ein Waffenstillstand wäre kein Neubeginn. Er wäre, wenn überhaupt, ein Stillstand – ohne Richtung, ohne Reformversprechen, ohne Zukunft. Solange die Strukturen, die den Iran in diese Lage gebracht haben, unangetastet bleiben, ist das Ende der Abwärtsspirale nicht in Sicht. Der Krieg mag irgendwann enden. Die Krise, die er beschleunigt hat, wird es so schnell nicht tun.

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