Am 12. August starb im Alter von 93 Jahren der Dirigent und langjährige Musikchef des Schweizer Fernsehens. Er hat für die Vermittlung klassischer Musik Bahnbrechendes geleistet. Seine einzigartigen Fernsehproduktionen wurden weltweit ausgezeichnet.
Für die Wiedergabe klassischer Musik im Fernsehen gibt es einen Standard: Dirigent, Musikerinnen und Musiker, zudem manchmal auch Zuhörende, werden im Konzert abgefilmt. Dabei werden die technischen Umstände der Produktion – Mikrofone, Scheinwerfer, Kameras – konsequent unsichtbar gehalten. Das Produkt erlaubt den Fernsehzuschauern die Illusion, aus wechselnden privilegierten Beobachtungspositionen alles und jedes mitzubekommen, ohne die Weihestunde zu stören.
Mit solchen dokumentierenden Konzertübertragungen wollte Armin Brunner sich nicht zufriedengeben. Er hielt die Möglichkeiten der Musik mit dem Setting des Konzertsaal-Geschehens nicht für ausgeschöpft. Immer schon interessierte er sich auch für den Einsatz von Musik im Film, wo Bewegtbild und Klang neue Dimensionen von Ausdruck und Wahrnehmung hervorbringen. Als Brunner 1979 die Leitung der Redaktion Musik und Ballett des Schweizer Fernsehens übernahm, folgte er dieser kinematographischen Spur und entwickelte neue Ideen und Formen medialer Musikvermittlung.
Und hier kommt ein zweiter Name ins Spiel: Adrian Marthaler. Armin Brunner hat dieses fulminante Regietalent entdeckt und vorbehaltlos gefördert. So kamen der Musiker und der Regisseur zusammen, die in dichter Folge eine Reihe von epochemachenden Musikproduktionen in die Fernsehwelt setzten. Brunner/Marthaler dokumentierten musikalische Werke nicht mehr, sie erzählten sie als Bildergeschichten. Beispiel George Gershwins «Rhapsody in Blue»: die laszive Story, gedreht in schönstem Hollywood-Schwarzweiss und voller erotischer Anspielungen in einer an die Nighthawks von Edward Hopper gemahnenden Szenerie. Beispiel Mahlers Sechste: Beflügelt vom Werk, schwingt das Fernsehen sich zu ganz grossem Kino auf und gestaltet das Lied von der Vergänglichkeit als hypnotischen Bilderstrom.
Die Brunner/Marthaler-Produktionen waren oft sehr aufwendig und teuer, doch da gab es in den Chefetagen Leute, die sich für solche kulturelle Sonderleistungen erwärmten und einsetzten. Der Lohn blieb nicht aus. Nicht nur heimsten die Musiksendungen von Fernsehen DRS (heute SRF) reihenweise Preise und Auszeichnungen ein, sie wurden auch rund um die Welt ausgestrahlt.
Mit der Sendereihe «Musikalische Meditationen» entwickelte Armin Brunner eine genuine Fernsehform, in der grosse Werke der geistlichen Musik von prominenten Sprecherinnen und Sprechern quasi beim Wort genommen und zur Rede gestellt wurden. So setzte der greise Wolfgang Hildesheimer, verzweifelt über die fortlaufende Umweltzerstörung, dem Requiem Mozarts sein «Herr, gib ihnen die ewige Ruhe nicht» entgegen. Dass die Chemiekatastrophe von Schweizerhalle zu diesem Fanal kurz vor Ausstrahlung der Sendung ein aktuelles Ausrufezeichen hinzusetzen würde, hatte man nicht ahnen können. 21 dieser Sendungen sind entstanden, sie liessen Schwergewichte wie Wolf Biermann, Herta Müller und Christa Wolf zu Wort kommen.
Als nimmermüder Kulturschaffender hat Armin Brunner auch neben und nach seiner Fernsehzeit Akzente gesetzt. Mit dem zwei Mal durchgeführten Frankfurter Sonoptikum hat er die Innovationen seiner Fernsehtätigkeit in die Form einer jeweils mehrtägigen kulturellen Grossveranstaltung umgegossen. Die Stadt Frankfurt erteilte ihm auch den Auftrag, zu Goethes 250. Geburtstag ein grosses Kulturfest zu gestalten.
Immer wieder war Armin Brunners Liebe zur frühen Filmkunst im Spiel. Mit oft sehr ungewöhnlichen Arrangements hat er klassische Stummfilme vertont und mit Orchester live begleitet. So hat er eine Partitur zu Murnaus «Nosferatu» mit Musik von Johann Sebastian Bach arrangiert (Erstaufführung an den Internationalen Musikfestwochen Luzern 1988) und damit diesem Filmklassiker eine ungeahnte Tiefe und Intensität verliehen.
Das erzählende, auch dokumentierende Element prägte Armin Brunners Arena-Konzerte, die Musik aller Gattungen vor dem jeweiligen zeitgeschichtlichen Hintergrund präsentierte. Die erfolgreiche Reihe umfasste 115 Konzerte in mehreren Schweizer Städten. Eine Spielart davon waren die musikalischen Porträts, die er sowohl als Fernsehreihen wie auch als Aufführungen für grössere und kleinere Bühnen realisierte.
Der oft kühne Umgang mit musikalischen Heiligtümern und der gelegentlich sarkastische Blick auf den etablierten Kulturbetrieb waren bei Armin Brunner nie Ausdruck von Geringschätzung, sondern vielmehr seines Zutrauens in die Relevanz grosser Kunst. Die Begegnung mit ihr, so sagte er oft, erzeugt nicht zuletzt auch Reibung, und diese gilt es darzustellen, wenn man die Werke ernst nehmen will. Für Armin Brunner war das nie eine Frage.
Der Verfasser hat zwei Jahrzehnte mit Armin Brunner zusammengearbeitet und war ihm bis zuletzt freundschaftlich verbunden.