Der in Paris lebende Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn (*1957 in Bern) gibt im Bündner Kunstmuseum Einblick in sein Schaffen seit den Anfängen. Er wählt dazu die Form, die auch der Hamburger Kunsthistoriker und Kulturwissenschafter Aby Warburg (1866-1929) für seinen «Mnemosyne-Atlas» wählte.
Atlas ist der Name eines Gebirges in Marokko, Atlas ist in der griechischen Mythologie auch der Name eines Titans, der das Himmelsgewölbe stützt. Und manche Künstler nennen ihr Material einen Atlas – so zum Beispiel Gerhard Richter oder Thomas Hirschhorn, der seine Ausstellung im Bündner Kunstmuseum «MY ATLAS» nennt.
Aby Warburg nannte sein unvollendetes Spätwerk «Mnemosyne-Atlas». Warburg war ein genialer Kunst- und Kulturhistoriker. Zum Beispiel entschlüsselte er nicht nur als erster den inhaltlich komplexen Freskenzyklus der Monatsbilder im Palazzo Schiffanoia in Ferrara und machte über die «Pathosformel» Verbindungen zwischen der Kunst verschiedener Epochen und Weltregionen deutlich. Er begründete ganz allgemein einen neuen Zugang zur Welt der Bilder, ihrer Sprache und Bedeutungen und befruchtet die Kunstwissenschaft mit seinen Impulsen bis heute.
In seinen letzten Lebensjahren schuf er den «Mnemosyne-Atlas» als eine «Kunstgeschichte ohne Text» und als Instrumentarium eines Denkens in Bildern: Er liess seine Zuhörer und Schüler die Beziehungen zwischen einzelnen Bildern, die aus ganz verschiedenen, auch trivialen Quellen stammen konnten, bedenken und daraus kulturell relevante Schlüsse ziehen. Er durchkreuzte, da die Bilder auf den schwarzen Tafeln beweglich waren und in verschiedene Beziehungen zu einander treten konnten, bestehende Hierarchien des Denkens und plädierte auf diese Weise für Freiheit von Denksystemen und Unabhängigkeit.
Künstlerische Autobiographie
Thomas Hirschhorn, der oft unbequem ist und die politische Provokation liebt – nicht um ihrer selbst willen, sondern um damit politische und kulturelle Denkprozesse in Gang zu setzen – , schuf sich in Anlehnung an Aby Warburg einen eigenen Atlas, den er (selbstbewusst und in Versalien geschrieben) «MY ATLAS» nennt und ihn damit zu einer Art Protokoll seiner eigenen künstlerischen Existenz und zu einer künstlerischen Autobiographie in Bildern macht.
Thomas Hirschhorn wurde 1957 in Bern geboren und wuchs in Davos auf. Er absolvierte eine Schriftsetzer-Lehre, besuchte die Kunstgewerbeschule in Zürich und zog 1983 nach Paris, wo er seither lebt. Zahlreiche Ausstellungen in Ausstellungsbeteiligungen in internationalem Kontext wie Biennalen in Venedig, Schanghai und Sao Paulo, documenta in Kassel, Manifesta in St. Petersburg. Grössere Arbeiten auf öffentlichen Plätzen in Biel (zum Beispiel «Robert Walser-Sculpture» in Biel oder «Pavillon Simone Weil» in Genf). Sein Schaffen wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Hirschhorn ist ein bedeutender Exponent einer Schweizer Kunst, die sich an ein breites und nicht-elitäres Publikum wendet. Seine Kunst ist geprägt von expliziten politischen und kulturpolitischen Positionsbezügen.
Hirschhorn treibt die Analogie zu Warburgs «Mnemosyne-Atlas» aber nicht zu weit: Seine schwarzen Tafeln mit den aufgeklebten Bildern – eigene Bilder, aber auch solche aus fremden Quellen – benutzt er nicht als Vorlagen für Vorträge und Lehrveranstaltungen, wie das Warburg tat, wohl aber als Instrumente der eigenen Erinnerung (das griechische Wort «Mnemosyne» bezeichnet die Göttin des Gedächtnisses, die zugleich die Mutter der Musen ist) oder als Schichtungen und Lager seiner eigenen Bildwelten. Was Hirschhorn auf den Wänden der Ausstellungsräume auf zwei Geschossen des Churer Museum ausbreitet, ist – vereinfacht gesagt – seine Erinnerung an die eigenen Werke und damit eine selbst erarbeitete und gedeutete, in Anlehnung in Warburg in Form gebrachte Retrospektive.
Ein überraschender Hirschhorn
Da zeigt sich ein neuer Hirschhorn. Er wartet nicht mit wild aufbegehrenden Installationen auf, wie er das schon bei früherer Gelegenheit in Chur oder auch in Zürich und anderswo tat. (Unvergessen ist sein Beitrag zum Davoser «WEF-Ausnahmezustand», ebenso unvergessen seine (polemische) Installation «Swiss-Swiss Democracy» im Centre Culturel Suisse in Paris im Jahr 2004, die Skandal machte und zu einer Reduktion der Bundessubvention an die Ausstellungsveranstalterin Pro Helvetia führte.)
Er breitet seine private Bilderwelt auch in Form einer Rauminstallation aus, bleibt aber fast ausnahmslos beim Zweidimensionalen der rund 50 Schautafeln und verzichtet auf seine typischen Klebeband-Basteleien. Ein wesentlicher Teil seiner Kunst ist aber auch jetzt seine Zuwendung zu einfachen, «armen» Materialien geblieben. Ihm ist über das rein Inhaltliche seiner Werke hinaus durchaus politische und soziale Bedeutung eigen: Die Niederschwelligkeit seiner künstlerischen Arbeit ist dem Künstler wichtig.
Er scheut den «Elfenbeinturm» wie die «Splendid Isolation» einer Kunst, die sich – auch in ihren Materialien – auf Elitäres kapriziert, und er will eine Sprache finden auch für jene, die kaum Vorwissen mitbringen. Er stellte zum Beispiel in seiner Arbeit zu Robert Walser in Biel dem Publikum eine Bibliothek zur Verfügung, und er wählte für seinen Beitrag als Hommage an den Schriftsteller, Philosophen und Surrealisten Georges Bataille an der documenta 11 in Kassel einen Standort weitab vom viel besuchten Zentrum der «Weltausstellung der Kunst», als welche die documenta oft verstanden wird. Wichtig ist Thomas Hirschhorn auch eine einprägsame, einfache und sehr direkte grafische Gestaltung seiner visuellen Botschaften.
Kunstgeschichte ohne Text?
Thomas Hirschhorn zeigt die Bilder und Schriftbilder auf seinen schwarzen Tafeln kommentarlos: Eine Kunst-oder Bildergeschichte ohne Text und ohne Bildlegenden, die Auskunft geben würden über Autoren der Bilder, über ihre Bedeutungen und mögliche Interpretationen? Da er das Ganze als «MY ATLAS» im Persönlichen ansiedelt, braucht es seine Interpretation nicht: Er weiss selber Bescheid, und Betrachter oder Betrachterinnen können ihr eigenes Denken in Gang setzen und nach ihren persönlichen Interpretationen suchen. Hirschhorn lässt ihnen dabei jede Freiheit, die sinnvoll zu nutzen aber nicht einfach ist. Was tut man zum Beispiel mit einem Hinweis auf Joseph Beuys, der kombiniert ist mit einem angreifenden Kampfjet? Was mit einem kommentarlosen Bildzitat von Meret Oppenheims Pelztasse?
Anderes ist klarer und wirkt darum vielleicht auch aggressiver – etwa wenn die «Kellog’s corn flakes»-Verpackung mit Filzstift so bearbeitet wird, dass die Buchstaben «FAKES» eingerahmt und isoliert werden. Das Wort SCHWEIZ lässt Hirschhorn mehrdeutig mutieren in SCHMUTZ und SCHUTZ, und die Parole «No peace under apartheid» begleitet das Bild einer Maschinenpistole. Das Zitat eines Frauenkopfes von Picasso kombiniert er mit der Aufforderung «Picasso – jetzt sterben lassen»: Eine kulturpolitische Parole gegen Heroenkult in der Kunst? Oder die Aufforderung an Künstler von heute, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen und nach vorne zu blicken.
Mehrfachdeutungen sind möglich. Offenheit ist programmiert. Freiheit der eigenen Meinung auch. Ein Sinn ist nicht immer gegeben, und oft ruft die persönliche und auch kryptische Bildfindung Hirschhorns nach einer ebenso persönlichen und kryptischen Antwort des Betrachters. Sie zu finden ist spannend, aber nicht leicht. Der Weg des Nicht-Elitären führt – so zeigt Hirschhorns «MY ATLAS» – zu vielen spannenden Entdeckungen. Er ist aber nicht einfach und vor allem nicht gradlinig. Auch die Lektüre der Texte Robert Walsers, des Surrealisten Georges Bataille oder der Sozial-Revolutionärin, Mystikerin und Pazifistin Simone Weil (diesen drei bedeutenden, eher am Rand öffentlichen Interesses angesiedelten Persönlichkeiten neuerer europäischer Kulturgeschichte hat Hirschhorn in Biel, Kassel und Genf Installationen im öffentlichen Raum gewidmet) ist anspruchsvoll und anstrengend.
Bündner Kunstmuseum Chur. Bis 6.12. 2026. Kein Katalog, aber Saaltext mit einem Essay von Thomas Hirschhorn und Abbildungen (gratis).