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Jahrestag 9/11

Sind Europäer Trittbrettfahrer, Saudis Unschuldslämmer?

7. September 2026
Erich Gysling
Erich Gysling
9/11
9/11 (Keystone/AP/Chao Soi Cheong)

Offene Fragen rund um den 25. Jahrestag des Terroranschlags vom 9. September 2001: Wer trug, ausser Osama bin Laden und Al Qaida, die Verantwortung? Und wie haben die europäischen Nato-Partner der USA sich damals verhalten?

US-Kriegsminister Pete Hegseth, Vizepräsident J.D. Vance und andere Mitglieder der Trump-Regierung lassen keine Gelegenheit aus, die Europäer als «Trittbrettfahrer» zu bezeichnen – als Staaten, die einseitig von den Vereinigten Staaten profitieren und nie eine Gegenleistung erbringen. Ein Rückblick auf die Zeit nach den Terroranschlägen vom 9. September 2001 in die Türme des World Trade Center in New York und ins Pentagon in Washington (ca 3000 Tote) zeigt ein anderes Bild.

Gleich nach den Anschlägen beantragten die USA im Nato-Rat den Bündnisfall, und schon am 12. September 2001 erklärten die Mitglieder der Allianz (Kanadier und Europäer) ihre Bereitschaft gemäss Artikel 5, sich an US-amerikanischen Aktionen gegen die für den Terror Verantwortlichen zu beteiligen. Dazu zählte das Engagement an dem am 7. Oktober 2001 in Afghanistan begonnenen Krieg mit dem Code-Namen Operation Enduring Freedom (siehe dazu auch den Beitrag von Thomas Burmeister «Das Grauen am Ground Zero» vom 3.9.26 in journal21).   

Wollten die USA die Saudis schonen?

Warum Afghanistan, gab es nicht auch Gründe, die Verantwortlichen darüber hinaus auch noch anderswo zu suchen? Osama bin Laden war saudischer Staatsbürger, lebte jedoch in Afghanistan. Aber insgesamt 15 der 19 Terroristen waren Saudis (zwei weitere stammten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, einer aus Aegypten und einer aus Libanon), keiner war Afghane. Sollten da  die US-Geheimdienste nicht an erster Stelle Saudis befragen oder Saudis zumindest nicht bevorzugt behandeln gegenüber anderen Ausländern? Die damalige US-Regierung (Präsident George W. Bush) schloss nach dem Terroranschlag sofort den gesamten Luftraum, auch für internationale Flüge, begünstigte aber ausgerechnet die Staatsangehörigen Saudiarabiens, die sich in den USA aufhielten oder in den USA ihren Wohnsitz hatten: sie, als Einzige, durften per Flugzeug das Land verlassen, niemand sonst konnte hinaus. Weshalb diese einseitige Begünstigung? Darauf gibt es bis heute keine Antwort.

Auch die entsprechenden Fragen von Recherche-Journalisten wurden pauschal so beantwortet: es gäbe zwar Hinweise für eine private Finanzierung des Terror-Netzwerks von Osama bin Laden aus saudischen Quellen, aber keine Beweise für die Unterstützung von staatlicher Seite. Solche Antworten nährten bei kritischen Beobachtern den Verdacht, die US-Behörden wollten die Saudis, ob Private oder staatlich Verantwortliche, schonen. Klar dagegen erschien die Verantwortung Afghanistans, weil die dort eingenistete al Qaida Bin Laden Gastfreundschaft und Bewegungsfreiheit zugesichert hatte. Und weil eindeutig schien, dass die afghanischen Taliban ihrerseits ihre schützende Hand über al Qaida respektive über bin Laden hielten.

Undankbare USA

Ziel des Afghanistan-Kriegs der USA und deren Verbündeten aus Europa (Grossbritannien stand an erster Stelle bei der Beteiligung, gefolgt von Kanada, Frankreich, Deutschland und Dänemark) war der Kampf gegen al Qaida und die Gefangennahme oder Tötung von Bin Laden (was allerdings erst elf Jahre später gelang). Der Krieg sollte sich nicht gegen die afghanische Zivilbevölkerung richten, tat das aber dennoch auf gravierende Weise, weil die militärischen Operationen rasch ausser Kontrolle gerieten und die Angehörigen der westlichen Truppen (verkürzte Bezeichnung ISAF-Truppen) erkennen mussten, dass sie in der gebirgigen Umgebung einen asymmetrischen Krieg führten, den sie auf konventionelle Weise nicht gewinnen konnten.

Bilanz nach zwanzig Jahren, als die westlichen Truppen das Land verliessen: 46 000 ums Leben gekommene afghanische Männer und Frauen, die nichts mit dem Konflikt zu tun hatten. Ausserdem ca 120 000 Angehörige des Militärs. Auf amerikanischer Seite starben 2461 Soldaten, bei den Briten 455, den Kanadiern 158, den Franzosen 86, den Deutschen 54 und bei den Dänen 44. Rechnet man diese Opferzahlen auf die jeweiligen Bevölkerungsgrössen hoch, hatte Dänemark am meisten Opfer zu beklagen (0,75 auf eine Million Einwohner). Und die Kosten des 20jährigen Kriegs:  geschätzte 3,3 Billionen (also 3300 Milliarden US-Dollars). Hinzu rechnen muss man die (von Amerikanern und Europäern getragenen) Kosten für humanitäre Hilfe und den versprochenen, aber kaum irgendwo realisierten Wiederaufbau: weitere 65 (nach anderer Berechnung 77) Milliarden. 

All das mit dem Resultat, dass die Taliban, die indirekt (weil Beschützer von al Qaida und Osama bin Laden) Schuldigen für die Anschläge vom 11. September, wieder an der Macht sind und dass der islamistische Terror nicht ausgerottet wurde. Und dass jetzt in Washington eine Regierung herrscht, welche die Europäer, jahrzehntelanges Engagement an ihrer eigenen Seite hin oder her, als Trittbrettfahrer bezeichnet und dass sie einen ihrer einst engen Verbündeten, den Nato-Partner Dänemark, mit einer Invasion Grönlands bedroht.  

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