Wenn in Teheran die Bazarhändler ihre Läden schliessen, ist das mehr als ein wirtschaftlicher Protest. Es ist ein politisches Signal von historischer Tragweite. Die Bazaris, jene traditionelle Kaufmannsschicht, die 1979 massgeblich die Rückkehr Ajatollah Khomeinis aus dem Pariser Exil finanzierte und damit der Islamischen Revolution den Weg ebnete, haben sich abgewendet.
Ende Dezember 2025 begannen sie, aus Protest gegen den dramatischen Verfall des iranischen Rial, ihre Geschäfte zu schliessen. Was als ökonomischer Hilferuf begann, hat sich binnen weniger Tage zu einer landesweiten Protestbewegung ausgeweitet, die das System der Islamischen Republik grundsätzlich in Frage stellt.
Die ökonomische Talsohle als Auslöser
Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Am 29. Dezember 2025 fiel der iranische Rial auf ein historisches Tief von 1,45 Millionen pro US-Dollar – ein Absturz, der die schon prekäre wirtschaftliche Lage weiter verschärfte. Zum Vergleich: 2015, nach Abschluss des Atomabkommens und der damit verbundenen Lockerung internationaler Sanktionen, stand die Währung bei etwa 32.000 Rial pro Dollar. Die offizielle Inflationsrate lag im Dezember 2025 bei 42,2 Prozent, doch Experten gehen von tatsächlichen Werten zwischen 70 und 100 Prozent aus. Besonders dramatisch entwickelten sich die Preise für Grundnahrungsmittel, die mit monatlichen Steigerungsraten von sechs bis sieben Prozent die Haushalte an den Rand des Existenzminimums drängten.
Diese Entwicklung ist kein isoliertes Phänomen, sondern das Resultat einer mehrjährigen Verschärfung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Die Wiedereinführung der UN-Sanktionen durch den sogenannten Snapback-Mechanismus Ende 2025, verschärfte EU-Sanktionen und die anhaltende Maximum-Pressure-Politik der USA haben den Iran wirtschaftlich in die Enge getrieben. Hinzu kamen die militärischen Auseinandersetzungen mit Israel im Sommer 2025: Der zwölftägige Konflikt, bei dem Israel gezielt militärische und wirtschaftliche Infrastruktur angriff, sowie US-Luftschläge auf iranische Atomanlagen in Fordow, Isfahan und Natanz. Diese Kombination aus militärischer Niederlage, internationaler Isolation und wirtschaftlichem Kollaps hat eine explosive Gemengelage geschaffen.
Von der Bazar-Revolte zur systemkritischen Bewegung
Die Protestwelle begann am 28. Dezember 2025 im Grossen Bazar von Teheran. Händler, die angesichts der Währungsinstabilität keine Preise mehr kalkulieren konnten und deren Geschäftsmodelle durch den Wegfall subventionierter Wechselkurse bedroht waren, traten spontan in einen Streik. Doch anders als bei früheren ökonomisch motivierten Protesten weiteten sich die Demonstrationen rasch aus. Binnen weniger Tage erfasste die Bewegung Universitäten, zog Studierende, Arbeiter und breite Bevölkerungsschichten an – und verwandelte sich von einer Forderung nach wirtschaftlichen Reformen in einen offenen Ruf nach dem Sturz des Regimes.
Die Parolen auf den Strassen sind unmissverständlich: «Tod dem Diktator», «Tod Khamenei», «Wir wollen keine Islamische Republik» und «Weder Gaza noch Libanon – mein Leben für die Freiheit Irans» verdeutlichen die Radikalität der Forderungen. Besonders bemerkenswert ist der letztgenannte Slogan, der die Aussenpolitik des Regimes direkt angreift. Die jahrzehntelange finanzielle und militärische Unterstützung regionaler Stellvertretergruppen in Palästina, in Libanon und im Jemen wird von weiten Teilen der Bevölkerung nicht mehr als legitime Machtprojektion, sondern als Verschwendung nationaler Ressourcen wahrgenommen.
Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation HRANA haben sich die Proteste mittlerweile auf über 100 Städte in mindestens 27 der 31 iranischen Provinzen ausgebreitet. Besonders intensiv waren die Demonstrationen in den westlichen Provinzen Lorestan, Ilam und Kermanshah, wo auch die meisten Todesopfer zu beklagen sind. Die kurdischen Gebiete, traditionell ein Unruheherd, verzeichneten ebenfalls massive Proteste und Solidaritätsstreiks.
Die Rolle von Reza Pahlavi und die Generation Z
Eine neue Dimension erhält die Protestbewegung durch die prominente Rolle monarchistischer Symbole und Parolen. «Pahlavi wird zurückkehren» und «Reza Schah, ruhe in Frieden» sind auf den Strassen ebenso zu hören wie Sprechchöre gegen die Islamische Republik. Reza Pahlavi, der 65-jährige Sohn des 1979 gestürzten Schahs, hatte für den 8. und 9. Januar zu Protesten aufgerufen – ein Aufruf, dem offenbar viele Iraner folgten.
Dabei steht Pahlavi, der im US-amerikanischen Exil lebt und eine zerstrittene Auslandsopposition vertritt, weniger für konkrete politische Gestaltungsmacht als vielmehr für eine diffuse Sehnsucht nach einer Ära vor der Islamischen Revolution. Kritische Beobachter merken an, dass sein gegenwärtiger Erfolg weniger seinen Führungsqualitäten als vielmehr der Unfähigkeit und Misswirtschaft des Regimes geschuldet sei. Dennoch ist bemerkenswert, dass monarchistische Symbole in einer Protestbewegung wieder auftauchen, die stark von der Generation Z getragen wird.
Diese jüngste Generation iranischer Bürger, deren politische Sozialisation massgeblich durch die «Frau, Leben, Freiheit»-Bewegung nach dem Tod Mahsa Aminis 2022 geprägt wurde, bildet das aktivste Element der gegenwärtigen Proteste. Anders als frühere Generationen, die noch Hoffnungen in Reformprozesse innerhalb des Systems setzten, vertritt die Generation Z mehrheitlich eine grundsätzliche Ablehnung der Islamischen Republik. Frauen spielen dabei eine herausragende Rolle: Am 5. Januar stellten sie im Teheraner Stadtteil Haft Hoz die Mehrheit der Demonstrierenden.
Repression und Gewalt: Die Antwort des Regimes
Die Reaktion des Regimes folgt einem bekannten Muster: Repression, Gewalt und der Versuch, durch Informationskontrolle die Mobilisierung einzudämmen. Am 8. Januar 2026 verhängte die Regierung einen nahezu vollständigen Internet-Blackout. Die in London ansässige Organisation NetBlocks sprach von einem kompletten Ausfall des Web-Traffics, auch telefonische Kontakte ins Land waren zeitweise nicht mehr möglich. Diese Massnahme erinnert an das Vorgehen vom November 2019, als ähnliche Proteste durch eine umfassende Internetsperre erstickt werden sollten.
Die Gewalt auf den Strassen eskalierte parallel zur wachsenden Mobilisierung. Menschenrechtsorganisationen dokumentierten zwischen dem 31. Dezember 2025 und dem 8. Januar 2026 mindestens 28 bis 45 Todesopfer, darunter mehrere Minderjährige. Amnesty International und Human Rights Watch bestätigten, dass Sicherheitskräfte, insbesondere die Basij-Milizen und die Revolutionsgarden, systematisch Schusswaffen, Metallgeschosse, Tränengas und Wasserwerfer gegen weitgehend friedliche Demonstranten einsetzten. Mehr als 1’200 bis 2’700 Personen wurden festgenommen, viele von ihnen willkürlich verhaftet, in Schnellverfahren abgeurteilt oder der Folter und Misshandlung ausgesetzt.
Besonders brutal verlief die Niederschlagung in marginalisierten Regionen. In der Stadt Lordegan in der Provinz Lorestan wurden am 7. und 8. Januar acht Demonstranten getötet, nachdem Sicherheitskräfte das Feuer auf Protestmärsche eröffnet hatten. Augenzeugen berichteten von kriegsähnlichen Szenen, Sicherheitskräfte drangen sogar in Krankenhäuser ein, um verletzte Demonstranten zu verhaften – ein Vorgehen, das als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft wird.
Die Frage der Loyalität: Polizei, Basij und Revolutionsgarden
Eine zentrale Frage für den weiteren Verlauf der Proteste ist die Loyalität der Sicherheitskräfte. Die etwa 180’000 Mann starke uniformierte Polizei, die dem Innenministerium unterstellt ist, hat bislang primär die Aufgabe der Einhegung übernommen – Absperrungen, Tränengaseinsatz, Verhaftungen. Ihre Loyalität zum System gilt als weniger gefestigt als die der ideologisch geschulten Basij-Milizen. Besonders in den Provinzstädten, wo Polizeibeamte in lokale soziale Strukturen eingebunden sind, könnte die Bereitschaft zur Gewalt gegen die eigene Bevölkerung auf Grenzen stossen.
Anders verhält es sich mit den Basij, jener paramilitärischen Freiwilligenmiliz mit etwa 150’000 aktiven Kadern, die direkt dem Obersten Führer Ali Khamenei unterstellt ist und als «Augen und Ohren des Regimes» gilt. Die Basij sind tief in die ökonomischen Strukturen der Revolutionsgarden eingebunden, ideologisch fest verankert und gelten als jene Kraft, die gezielt und ohne Skrupel mit Schusswaffen gegen Demonstranten vorgeht. Ihre Loyalität wird als nahezu unerschütterlich eingeschätzt.
Sollte das Regime jedoch zur Mobilisierung der Basij-Reserve greifen – fast eine Million Angehörige, die im Ernstfall aktiviert werden könnten – könnte sich die Loyalitätsfrage verschärfen. Denn diese Reservisten sind in ihrem Alltag Teil der Gesellschaft, teilen möglicherweise den wachsenden Unmut über die wirtschaftliche Lage und könnten im Konfliktfall zwischen ideologischer Treue und sozialer Realität zerrissen werden.
Berichte über irakische schiitische Milizen, die zur Unterstützung der iranischen Sicherheitskräfte ins Land gebracht wurden, unterstreichen die Unsicherheit des Regimes über die Zuverlässigkeit der eigenen Truppen. Am 6. Januar sollen etwa 800 Kämpfer von Kata'ib Hezbollah, Harakat al-Nujaba und anderen Gruppen über Grenzübergänge nach Iran gekommen sein – offiziell als Pilger deklariert, in Wirklichkeit aber zur Niederschlagung der Proteste eingesetzt. Die Tatsache, dass die Islamische Republik zu diesem Mittel greift, deutet darauf hin, dass sie der eigenen Polizei nicht zutraut oder nicht zumuten will, gegen unbewaffnete Zivilisten vorzugehen.
Internationale Reaktionen: Zwischen Solidarität und Zurückhaltung
Die internationale Gemeinschaft reagiert auf die Proteste mit verbalen Solidaritätsbekundungen, bleibt aber bei konkreten Massnahmen zurückhaltend. US-Präsident Donald Trump, der am 20. Januar 2025 sein Amt antrat und die Maximum-Pressure-Politik gegenüber Iran fortführt, drohte mit Intervention, sollten weitere Demonstranten getötet werden. «Wenn der Iran friedliche Demonstranten tötet, werden die Vereinigten Staaten von Amerika ihnen zu Hilfe kommen», erklärte Trump auf Truth Social, liess aber offen, was diese Hilfe konkret bedeuten würde.
Israel äusserte Solidarität mit dem iranischen Volk, der Mossad rief sogar öffentlich zur Unterstützung der Proteste auf. Die Europäische Union und Deutschland verurteilten die Gewalt gegen Demonstranten, konkrete Sanktionen gegen die Revolutionsgarden, die seit Jahren als terroristische Organisation eingestuft werden sollen, blieben jedoch aus. Die UN äusserte «tiefe Besorgnis», Resolutionen des Sicherheitsrats wurden nicht verabschiedet.
Diese Zurückhaltung verschafft dem Regime Zeit und Handlungsspielraum. Das internationale Zögern erlaubt es der Islamischen Republik, Repression zu kalkulieren und die Proteste möglicherweise niederzuschlagen, ohne mit einschneidenden aussenpolitischen Konsequenzen rechnen zu müssen.
Szenarien für die Zukunft: Zwischen Implosion und Eskalation
Vorhersagen über die weitere Entwicklung in Iran sind angesichts der komplexen Gemengelage kaum möglich. Das System der Islamischen Republik steht unter einem Druck, wie er seit Jahrzehnten nicht mehr zu beobachten war. Der militärische Konflikt mit Israel hat die Verletzlichkeit des Regimes offenbart, die wirtschaftliche Lage ist katastrophal, und die Legitimation in der Bevölkerung ist auf einem historischen Tiefpunkt. Manche Beobachter sehen Parallelen zur Situation in der DDR und anderen Ostblockstaaten vor dem Fall der Mauer, als die Systeme unter dem Druck der Strasse schlicht implodierten.
Mehrere Szenarien sind denkbar: Das Regime könnte mit einer Kombination aus brutaler Repression und taktischem Aussitzen die Lage noch einmal unter Kontrolle bringen – eine Strategie, die in der Vergangenheit mehrfach funktioniert hat. Es könnte aber auch zu einer politischen Spaltung innerhalb der Führung kommen. Präsident Masoud Peseschkian, der im Juli 2024 mit dem Versprechen von Reformen und guter Regierungsführung gewählt wurde, räumte kürzlich ein: «Wenn die Probleme nicht gelöst werden, können wir nicht regieren.» Eine Allianz zwischen reformorientierten Regierungskräften und Teilen der Protestbewegung gegen die Übermacht Khameneis und der ihm direkt unterstellten Revolutionsgarden erscheint nicht völlig ausgeschlossen, wenngleich unwahrscheinlich.
Ein weiteres Szenario wäre die vollständige Machtübernahme durch die Revolutionsgarden, die die zivile Regierung Peseschkians entlassen und selbst die Regierungsexekutive übernehmen könnten. Khamenei, der am 3. Januar Brigadegeneral Ahmad Vahidi zum stellvertretenden Kommandeur der Revolutionsgarden ernannte – ein Mann, der von Interpol wegen seiner Beteiligung am Bombenanschlag auf ein jüdisches Gemeindezentrum in Buenos Aires 1994 gesucht wird –, signalisiert damit möglicherweise, dass er sich auf die radikalsten Elemente des Systems stützen will.
Nicht auszuschliessen ist auch eine Machtübernahme durch die bislang weitgehend unbeteiligte reguläre Armee, die als Notbremse eingreifen könnte. Reza Pahlavi bemüht sich offenbar, Verbündete im Militär zu gewinnen. Ob und wie eine US-Intervention aussehen könnte und wie Russland, das den Iran als strategischen Partner betrachtet, darauf reagieren würde, bleibt Spekulation.
Fazit: Ein Regime am Scheideweg
Was als Protest der Bazarhändler gegen den Währungsverfall begann, hat sich zu einer existenziellen Krise der Islamischen Republik ausgeweitet. Die Protestbewegung ist breiter, entschlossener und radikaler als frühere Aufstände. Sie vereint verschiedene soziale Schichten, Generationen und politische Strömungen in der gemeinsamen Forderung nach einem Ende des Systems. Die Generation Z, die Frauen an vorderster Front, die traditionellen Händler und selbst Teile der Arbeiterschaft stehen gemeinsam gegen ein Regime, das seine Legitimation verloren hat.
Doch noch ist der Ausgang offen. Das Regime verfügt über ein mächtiges Repressionsinstrumentarium, über finanzielle Reserven und über die Unterstützung externer Akteure. Die Protestbewegung ist weitgehend führerlos, ihre organisatorische Struktur fragil, und die internationale Unterstützung bleibt rhetorisch. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Islamische Republik diese Krise aussitzen kann – oder ob Iran vor einem historischen Wendepunkt steht, der das gesamte politische Gefüge der Region verändern könnte.
Die Frage, die über allem steht, ist nicht mehr nur, ob das Regime wirtschaftliche Reformen durchsetzen kann. Es geht um seine schiere Existenz.