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Frühfranzösisch

Vier offizielle Sprachen: Das ist die Schweiz

7. Juli 2026
Beat Allenbach
Bundesverfassung
Die Schweizer Bundesverfassung in den vier offiziellen Landessprachen (Keystone, Christian Beutler)

Darauf dürfen wir stolz sein: in der Schweiz leben vier anerkannte Sprachgruppen zusammen. In vielen Ländern werden Sprachminderheiten ignoriert oder ausgegrenzt. Krasse Beispiele: Ex-Jugoslawien und China.

Die vier offiziellen Landesprachen werden in Ansprachen immer wieder mit Stolz erwähnt. Die Sprachenvielfalt ist jedoch vielfach blosse Theorie. Doch sie sollte gelebt werden, etwa indem jede Schweizerin und jeder Schweizer in der Muttersprache sprechen kann und von Angehörigen anderer Sprachgruppen verstanden wird. Leider sind wir weit davon entfernt. In den 50er- und 60er-Jahren war in weiten Teilen der deutschsprachigen Schweiz ein Welschlandjahr nach dem 9. Schuljahr fast die Regel; heute scheint dies wenig populär zu sein. Dass wir als Deutschschweizer Französisch sprechen oder wenigstens verstehen, sollte aufgrund unserer Geschichte und unserer nationalen Identität eigentlich selbstverständlich sein.

Liebe zum Französischen

Mehrere Kantone und viele Lehrer wehren sich gegen das Frühfranzösisch. Kantone, die in ihrer Gesamtheit die Schweiz bilden, finden es offensichtlich überflüssig, dass Kinder möglichst früh lernen, Menschen in der Romandie zu verstehen, um sich mit ihnen unterhalten zu können. Das ist, milde gesagt, unglaublich. 

Ich bin weder Lehrer noch Sprachforscher, deshalb äussere ich mich nicht zur Frage, wann der Französischunterricht beginnen soll. Wenn ich mich dennoch in die Französischdiskussion einmische, geschieht es aufgrund meiner persönlichen Erfahrung. In sehr jungen Jahren ist es einfacher, eine Sprache zu lernen. Wenn Lehrer entgegnen, das Frühfranzösisch bringe kaum etwas, dann wird das meiner Meinung nach verschiedene Gründe haben. Ist die Lehrkraft nicht gut ausgebildet, liebt sie die französische Sprache nicht oder spricht das Französische mehr schlecht als recht, dann ist es naheliegend, dass die Schülerinnen und Schüler kaum Fortschritte machen.

In der 8. und 9. Klasse hatte ich einen Französischlehrer, von dem wir Schüler im Unterricht kein deutsches Wort hörten. Er las uns oft eine kurze Geschichten vor und verlangte von uns, eine Zusammenfassung von drei, vier Sätzen zu schreiben. Einer oder zwei mussten jeweils ihr Résumé vorlesen. Ich war ein sehr mittelmässiger Schüler, doch im folgenden Jahr an einem anderen Ort, in einer Diplomschule, war ich im Französisch zu meiner Überraschung der Beste. Die Lehrer meiner neuen Klassenkameraden waren offensichtlich weniger schlau gewesen.

Verfehltes Frühenglisch

Etwas ist für mich sonnenklar: Französisch ist die erste Fremdsprache (die gar nicht so fremd ist) in Schulen der deutschen Schweiz. Sicher nicht Englisch, wie das in den meisten Kantonen der Fall ist. Nach Angaben der Eidgenössischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK) hat Appenzell-Innerrhoden als erster Kanton Englisch als erste Fremdsprache eingeführt, im Jahr 2000 folgte Zürich und sodann die gesamte Ost- und Zentralschweiz. 

Als erste Fremdsprache wird Französisch bloss noch in den Kantonen Wallis, Bern, Solothurn, Basel-Landschaft und Basel-Stadt unterrichtet. In Graubünden ist erste Fremdsprache eine andere des Kantons, also je nach Region Italienisch, Rätoromanisch oder Deutsch. Deutsch ist in der Romandie und im Tessin erste Fremdsprache.

«Schweizmüde»?

Aus staatspolitischen Gründen und infolge der Verbundenheit mit den Miteidgenossen jenseits der Saane betrachte ich den Vorrang des Englischen als einen Skandal. Die Schweiz mit ihrem Föderalismus und ihren Sprachgruppen ist ein kompliziertes Gebilde. Wir haben viele Privilegien, aber als Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern auch zusätzliche Pflichten und Erschwernisse: 26 Schulsysteme und Steuergesetze. Dazu gehört auch der Reichtum der Landessprachen und der verschiedenen Kulturen. Offensichtlich sind viele Kantone etwas «schweizmüde». Zürich, der bevölkerungsreichste Kanton, entschied sich für Englisch und löste eine Kettenreaktion aus. 

Die Herabstufung der französischen Sprache passt zu den wiederholt abschätzigen Äusserungen von alt Bundesrat Blocher gegenüber den Romands. Nach der Abstimmung über die Masseneinwanderungs-Initiative im Jahr 2014 sagte er: «Die Welschen hatten immer ein schwächeres Bewusstsein für die Schweiz.» Solche Kritik hat Tradition in seiner Familie. Als im Juni 1917, nach mehrjährigem Unterbruch, wieder ein zweiter französischsprachiger Bundesrat von der Bundesversammlung gewählt worden war, der Genfer Liberale Gustave Ador, sprach Blochers Grossvater, Eduard Blocher, ein Freund des Deutschen Reiches, von der «Verwelschung» der Schweiz.

Junge Menschen lernen Englisch ohnehin

Englisch ist weltweit die wichtigste Sprache. Die jungen Menschen lernen sie teilweise so nebenbei, wenn sie im Internet herumturnen. Sie sollte in der Schule die zweite Fremdsprache sein; als Alternative ist auch Italienisch anzubieten. Für Menschen deutscher Muttersprache ist Englisch leichter zu lernen als Französisch. Schnell kann man sich notdürftig verständigen, doch korrektes Englisch mit seinen vielen Ausdrucksformen und den subtilen grammatikalischen Regeln sprechen nur Personen nach längerem Studium und einem Aufenthalt im englischen Sprachraum. Diese Sprache hat zudem einen riesigen Wortschatz: über 700’000 Wörter, deutlich mehr als Deutsch, Französisch und Italienisch.

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