Der Bariton Konstantin Krimmel pendelt mit atemberaubender Sicherheit zwischen der grossen und der kleineren Bühne, zwischen Solo und Ensemble, zwischen Oper und Lied. Vielfach ausgezeichnet, gehört er mittlerweile zur ersten Garde der jüngeren Sänger.
Und nun kommt er angehumpelt: mit Rucksack und einem Gipsverband ums Bein. Wir treffen uns im Garten der Schubertiade in Schwarzenberg im Bregenzerwald. Bange Frage: Was ist passiert? «Ein Motorrad-Unfall», sagt Krimmel, während er den Rucksack auf den Tisch setzt, den Reissverschluss aufzieht und – Überraschung! – Gina, ein kleines Hündchen, sofort herauskrabbelt, mich begutachtet und sich’s auf dem Tisch gemütlich macht.
Zum Glück kann Krimmel an der Schubertiade im Sitzen auftreten. Und vor allem: Die Stimme hat bei diesem Malheur keinen Schaden genommen. An diesem Tag stehen Auszüge aus Franz Schuberts Singspiel «Die Zwillingsbrüder» und «Alfons und Estrella» auf dem Programm. Mit betörender Stimme, samtig und dunkel, verführt er das Publikum, genau zuzuhören und den Texten der Lieder zu folgen. Dass Krimmel genau und sorgfältig artikuliert, versteht sich fast von selbst. Das ist Gesang auf höchstem Niveau.
2020 nahm Krimmel das erste Mal an der Schubertiade teil. «Es war eine der wenigen Veranstaltungen, die stattgefunden haben, denn Corona war gerade ausgebrochen. Es gab fünf Konzerte mit lauter Schubertiade-Newcomern. Ich war einer davon. Das war der Startschuss. Seither freue ich mich, dass ich jedes Jahr an die Schubertiade kommen und singen darf. Das ist ein ganz grosses Glück.»
Von Auszeichnung zu Auszeichnung
Inzwischen gehört Krimmel zur ersten Garde der jüngeren Baritone und hat sich insbesondere auch auf der Opernbühne einen Namen gemacht. Und Krimmel gehört zum Ensemble der Bayerischen Staatsoper in München. Die Liste der Auszeichnungen ist lang. Unter anderem war er 2024 «Sänger des Jahres», nachdem er ein Jahr zuvor schon «Nachwuchssänger des Jahres» war. Dabei ist Konstantin Krimmel erst 33 Jahre alt.
Ist er nun aber mehr Opern- oder Liedsänger? Was für eine Frage! «Das Lied steht bei mir an erster Stelle. Aber ich mache alles sehr gern: Opern, Konzerte, Oratorien, Passionen – und Bach sowieso. Aber im Lied habe ich doch die grösste Freiheit. Ich kann so singen, wie ich es möchte. Da habe ich am meisten Spielraum, was die Interpretation angeht. Da kann ich – natürlich in Absprache mit dem Pianisten – machen, was ich will. Zwar nicht unbedingt bei einem Programm, das ich neu einstudiert habe. Aber sobald es in meinem Kopf ist und ich es drei- oder viermal gesungen habe, dann kommen die die stressfreiesten Auftritte für mich: hinreisen, den Tag geniessen und dann abends schöne Musik singen – und weiter geht’s zum nächsten Konzert.»
Oftmals habe er bei den Liederabenden freie Hand. «Mit Balladen fahre ich eigentlich immer gut», sagt er und fügt mit einem Schmunzeln bei: «Es gibt nicht so viele Sänger, die sich das antun, die grossen Schinken, deshalb komme ich damit bei den Veranstaltern gut an.» Dem bleibt nur beizufügen: Auch beim Publikum kommt das gut an.
Nun ist aber auch der Text der Lieder nicht immer einfach, zumal in einer Zeit, in der kaum mehr Gedichte gelesen werden. «In Gedichten, wie Goethes ‘Erlkönig’ oder ‘Prometheus’, beide von Schubert vertont, geht es um zeitlose Aussagen, die damals vor rund 250 Jahren ebenso zutreffen wie heute», sagt Krimmel. «Man muss sie vielleicht manchmal anders deuten und in das Hier und Jetzt übersetzen, aber ganz oft geht es um die gleichen Themen: um Liebe, um Freundschaft, um Trauer und Verlust, es geht um die Sehnsucht nach Glück, das Streben in die weite Welt hinaus, es geht um die Suche nach Hoffnung und Erfüllung. Und wenn man sieht, was gerade auf der Welt los ist, dann können diese Gedichte gar nicht aktueller sein. Das Streben nach Frieden und nach Glückseligkeit, das sind doch Wünsche, die wir auch haben. Nochmal: Es kann kaum aktueller sein!»
Man spürt: Krimmel blüht richtig auf in dieser Welt der Lieder und der Poesie. Und wenn man ein Faible für diese Sprache habe und sich damit auseinandersetze, dann sei es wunderschön, in diese Welten einzutauchen. «Und ich möchte die Geschichten, die auch in den einfachsten Liedern erzählt werden, so plastisch wie möglich darstellen, damit auch das Publikum tief in die Bilder eintauchen kann.»
Lieder und ihr Publikum
Da stellt sich aber auch gleich die Frage nach dem Publikum, das in den Liederabenden meistens älter ist als die Sänger und Musiker auf der Bühne. Gibt es denn gar kein jüngeres Publikum? «Doch, das gibt es», sagt Krimmel, «aber das ist tatsächlich länderabhängig. In England und Spanien zum Beispiel ist das Publikum sicher im Durchschnitt zehn bis fünfzehn Jahre jünger. Das ist ja die grosse Frage in unserem Business: Wie kriegen wir das junge Publikum zur klassischen Musik, wenn es sie nicht schon vom Elternhaus, aus der Schule oder aus dem Freundeskreis mitbekommen hat.»
«Auch in den deutschsprachigen Ländern habe ich immer wieder Auftritte vor sehr gemischtem Publikum. Aber was das Lied betrifft, da geht es um Gedichte, um Goethe, Schiller, Heine. Das war vor fünfzig bis hundert Jahren aktueller als heute. Aktueller im Sinne von Schulstoff. Da kämpft sicher der eine oder andere Lehrer auch heute noch dafür. Wenn man zum Beispiel den Titel ‘Bürgschaft’ nennt, dann ist das vielen Menschen der älteren Generation noch ein Begriff als Ballade von Friedrich Schiller und sie kennen den Text zum Teil noch auswendig.»
«In nicht-deutschsprachigen Ländern ist der Text weniger ausschlaggebend als vielmehr die Musik. Da ist Schubert ein Begriff! Und gerade in Asien, zum Beispiel in Tokio, kommt teilweise ein sehr junges Publikum in die Konzerte. Dort hat der Umgang mit unserer westlichen Kultur einen hohen Stellenwert. Da sitzen die jungen Leute teilweise mit Noten und dem übersetzten Text und lesen mit. Ich versuche immer, die beiden Welten so gut wie möglich zu verbinden.»
Schubert an erster Stelle
Und er selbst? Welche Komponisten sind Krimmel die liebsten? «Was das Lied angeht, da steht Schubert ganz oben. Franz Schubert, Carl Löwe, Hugo Wolf, Mozart und Bach. Wenn man mit einem sehr guten Barockorchester die Matthäuspassion singt – es gibt wenig, was erfüllender wäre, als mit grossartigen Leuten zu musizieren, die ihr Instrument beherrschen. Und Mozart liebe ich sowieso! Von Mozart kann man so viel ableiten. Von Mozart haben sich auch viele spätere Komponisten inspirieren lassen.» Und er fügt bei: «Mozart hat sich von Bach inspirieren lassen.»
Krimmel beschäftigt sich aber auch gern mit Komponisten, die etwas weniger populär sind. «Im Sommer wird eine CD mit Werken von Brahms und Eusebius Mandyczewski erscheinen. Die beiden waren Zeitgenossen und kannten sich sehr gut.» Mandyczewski hat rumänische Wurzeln – wie zur Hälfte auch Krimmel selbst – und er hat Texte grosser rumänischer Dichter vertont. «Das ist grandiose Musik!», schwärmt Krimmel. «Mandyczewski stammt aus dem Grenzgebiet zwischen der Ukraine und Rumänien und in dieser Musik hört man dieses Osteuropäische, diese russische Romantik, das ist unglaublich! Ich freue mich immer, wenn ich so etwas entdecke und präsentieren kann – und wenn die Leute dann, zumindest teilweise, so begeistert sind wie ich.»
Geboren und aufgewachsen ist Konstantin Krimmel in Ulm. «Mit fünf Jahren kam ich in den Chor und habe dann 16 Jahre im Knabenchor gesungen. Eigentlich habe ich also schon immer Musik gemacht», sagt er. «Aber zum Beruf sollte die Musik zunächst nicht werden. Ich hatte Angst, mir mein Hobby kaputt zu machen, wenn es dann richtig ans Üben und Arbeiten geht. Aber es war nicht so! Ich habe es ausprobiert und den Versuch gewagt und bis heute – toi toi toi – bereue ich es nicht! Bis heute macht auch das Üben Spass, das Neu-Entdecken und das Einstudieren. Es ist eine grosse Freude!» Dankbar ist er rückblickend auch für die Zeit im Knabenchor. «Man trainiert die Stimme und das musikalische Verständnis. Auch musiktheoretisch habe ich sehr viel gelernt, von dem ich jetzt profitiere.»
Da ein Sänger in den allermeisten Fällen nicht ganz allein auftritt, spielt die Begleitperson eine wesentliche Rolle. «Vor einigen Jahren habe ich noch mit mehreren Pianisten zusammengearbeitet, weil ich mir Input holen wollte und die Inspiration für Ideen. Mittlerweile hat sich ein fester Kern herauskristallisiert. Sehr oft spiele ich mit Ammiel Bushakevitz zusammen. Man verbringt ja auch neben der Bühne sehr viel Zeit miteinander, also muss man abgesehen von der musikalischen Ebene auch im Persönlichen zusammenpassen.» Zumal die Situation beim Liederabend völlig anders ist als in der Oper. «Es ist eine sehr nackte Situation, es gibt nichts, wo man sich verstecken könnte: kein Kostüm, kein Bühnenbild. Man steht da und hat nur den Text und die Musik.»
Und wie merkt man auf der Bühne, ob und wie das Publikum mitgeht? «Man spürt die Aufmerksamkeit. Wenn es ganz still ist und ich viele offene Augen sehe, dann hat das eine unglaubliche Energie, die auf die Bühne trifft. Manchmal muss man ein Publikum erst ein bisschen ‘einfangen’. Wenn es noch raschelt oder etwas Unruhe herrscht, dann braucht es manchmal etwas länger. Es ist von so vielem abhängig: vom Saal, vom Wetter, von der Akustik, von der Jahreszeit. Und es kommt darauf an, in welcher Stimmung das Publikum ist – und in welcher ich selbst bin. Aber früher oder später klappt es in den meisten Fällen.»
Oper und Liederabend halten sich bei Krimmel mehr oder weniger die Waage, sagt er. «Das ist ein schöner Ausgleich. Die Abwechslung hält die Stimme flexibel und frisch und man muss den Kopf immer wieder umschalten. Im Moment tut mir die Abwechslung gut.»
Bewährtes Team
Ständige Begleiter sind für Krimmel auch seine beiden Hunde. Gina ist diesmal allein dabei in Schwarzenberg, weil Krimmel wegen seines lädierten Fusses nicht ganz so flexibel ist. Und weil er aus dem gleichen Grund nicht mit seinem Camper unterwegs ist, seiner sonst üblichen Unterkunft. Normalerweise sind Krimmel und seine zwei Hunde ein bewährtes Team. Sogar bei den Proben. «Da schlafen sie meistens, das sind sie gewöhnt. Entweder im Camper oder in der Garderobe. Ich glaube, sie finden dieses reisende Pilgerleben ganz gut.»
Im Juli lernen die Hunde ein neues Reiseziel kennen. Dann tritt Konstantin Krimmel zum ersten Mal in Verbier am Festival auf. «Ich hoffe, dass mein Fuss dann wieder so gut ist, dass ich auch das Umland etwas erkunden kann. Neben der Musik sind der Sport, die Berge, das Bergsteigen meine Leidenschaft. Wenn ich es schaffe, dort Musik zu machen, wo auch Berge sind, ist dies mein persönliches Paradies.»
Konstantin Krimmels nächste Auftritte:
Verbier Festival 18. und 21. Juli
Salzburger Festspiele 7. August
Schubertiade Schwarzenberg 22. August