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US-Venezuela/Ukrainekrieg

«Vielleicht sollten wir amerikanische Generäle anstellen»

8. Januar 2026
Reinhard Meier
Reinhard Meier
Hostomel, Ukrainekrieg
Ein ukrainischer Soldat mit einer Mütze aus einem zerstörten russischen Militärfahrzeug auf dem Flughafen Hostomel bei Kiew. Der russische Versuch zu Beginn des Ukraine-Überfalls, den Flughafen zu erobern und von da ins Zentrum Kiews vorzustossen, ist gescheitert. Aufnahme vom April 2022 (Foto: Keystone/AP Photo/Vadim Ghirda)

Sogenannte russische Militärblogger, die auf Internet-Plattformen über den Angriffskrieg gegen die Ukraine in der Regel aus ultranationalistischer Sicht berichten, kommentieren teilweise die US-Blitzaktion zur Entführung des venezolanischen Präsidenten mit offener Bewunderung. Einige fragen nicht ohne bittere Ironie, weshalb den russischen Streitkräften nicht ein ähnlicher Coup gegen Selenskyj in Kiew gelungen sei. 

Man kann Trump im Zusammenhang mit seinem imperialen Kommando-Eingriff zur Entführung des venezolanischen Präsidenten vieles vorwerfen. Aber dass es ihm damit gelungen ist, ausgerechnet in der chauvinistischen russischen Bloggerszene Respekt und Bewunderung zu ernten, wird man ihm doch als ungewöhnlichen Erfolg anrechnen können.  

Aktivisten dieser russischen Szene verbreiten über soziale Medien – vorwiegend über den Kanal Telegram –  Meinungen, Frontberichte, Analysen, Insiderinformationen, mitunter auch Kritiken über den Verlauf und die Perspektiven des russischen Angriffskrieges gegen das Nachbarland Ukraine. Viele von ihnen sind keine klassischen Journalisten, sondern ehemalige Soldaten, Veteranen oder kriegsbegeisterte Enthusiasten mit Kontakten zum Militär. Sie vertreten in aller Regel eine radikal nationalistische Grundhaltung, weshalb sie vom Putin-Regime – anders als kremlkritische Kanäle – gern geduldet, teilweise wohl auch gefördert werden.

Die von exilrussischen Journalisten in Lettland in russischer und englischer Sprache betriebene Informationsplattform «Meduza» hat nach der Blitzaktion eines amerikanischen Militärkommandos zur Festnahme Maduros in Venezuela einige einschlägige Kommentare russischer Militärblogger zusammengestellt und in englischer Sprache publiziert. (https://meduza.io/en/feature/2026/01/05/maybe-it-s-time-we-started-hiring-american-generals?utm_source=email&utm_medium=briefly&utm_campaign=2026-01-06&mc_cid=6ac99f610e&mc_eid=c66996e86c)

Hier ein paar Beispiele auf Deutsch übersetzt:

Ein Blogger unter dem Namen Sachar Prilepin kommentiert: 

Man sollte meinen, die venezolanische Armee würde wenigstens einen amerikanischen Hubschrauber über ihrer Hauptstadt abschiessen. Oder etwa nicht? Hatten sie nicht mit deren Einflug gerechnet? Man sollte auch meinen, die progressiven Kräfte der Welt – also wir, China, Nordkorea und die BRICS-Staaten – würden endlich ihre diplomatischen Zähne zeigen und Venezuelas Souveränität verteidigen. So wie die weissen Europäer, Kanadier, Australier und Amerikaner zuvor die Souveränität der Ukraine verteidigt haben. (Und das haben sie tatsächlich getan.) Oder ist die Situation mit Maduro auch für die BRICS-Staaten – und für uns – eine Überraschung?

Der Blogger-Kanal Zwei Majore schreibt: 

Spass beiseite, und ohne jegliche übertriebene Bewunderung für die Amerikaner: Sie führten die Operation kompetent wie im Lehrbuch durch. Es ist unwahrscheinlich, dass ihnen das ohne Verräter im eigenen Land gelungen ist – Maduro lebte schliesslich nicht gerade in einem Bungalow. So war unsere eigene «Spezialoperation» vermutlich ursprünglich auch geplant: schnell, spektakulär und effektiv. Kaum zu glauben, dass [der russische Generalstabschef Waleri] Gerassimow einen vierjährigen Kampf geplant hat.

Im Blogger-Kanal Rybar heisst es: 

Angesichts der Nachrichten aus Venezuela haben einige Medien – und einige besonders verabscheuungswürdige Persönlichkeiten – erwartungsgemäss voreilig Parallelen zu den Ereignissen in der sogenannten Ukraine gezogen, nach dem Motto: «So sollte eine militärische Spezialoperation durchgeführt werden.» Fairerweise muss man sagen, dass die USA in mancher Hinsicht vorbildlich vorgegangen sind – angefangen bei der Aufstellung einer ausreichend grossen Truppe und der sorgfältigen Planung aller Aspekte der Kampfunterstützung. Dennoch unterscheiden sich die Operationen in fast jeder Hinsicht grundlegend, angefangen bei ihren Zielen. […]

Wenn wir wirklich wollen, dass es «wie bei den Amerikanern läuft», müssen wir zunächst genau verstehen, was wir wollen – und wozu wir in der Praxis tatsächlich fähig sind. Ohne eine nüchterne Analyse lassen sich keine fundierten Schlussfolgerungen ziehen. Und ohne Schlussfolgerungen treten wir immer wieder auf der Stelle.

Im Telegram-Kanal des Militärbloggers Pavel Rasta liest man:

Sie haben einfach die politische Führung eines souveränen, unabhängigen Landes ausgelöscht. Und das alles vor dem Hintergrund unserer angeblich «harten Reaktion auf die Ukraine», auf die wir im vierten Kriegsjahr immer noch warten – und die wir vielleicht nie erleben werden. Ich empfinde gerade nur eines: Scham. Ich schäme mich, Leute. Nicht für Venezuela. Und schon gar nicht für die USA.

Der Telegram-Kanal Osetin meint: 

Sie haben am ersten Tag den Präsidenten eines fremden Landes und seine Familie gefangen genommen. Alle schreien um die Wette: «Das ist anders.» Und hier sind wir – im vierten Kriegsjahr …

Der Telegram Kanal der Militärgruppe Rusitch schliesslich folgert kurz und süffisant: 

Vielleicht sollten wir anfangen, amerikanische Generäle und Planer für Russland einzustellen?

Die Anspielungen in diesen Kommentaren auf die eigene russische «Spezialoperation» gegen die Ukraine und deren ursprüngliche Planung beziehen sich unzweifelhaft auf die gescheiterte Luftlandeoperation auf dem Kiewer Militärflughafen Hostomel im Februar 2022. Die russischen Streitkräfte versuchten dort, einen Brückenkopf zu errichten, um dann ins Zentrum der ukrainischen Hauptstadt vorzudringen – offenkundig mit dem Ziel, den ukrainischen Präsidenten festzunehmen oder zu vertreiben. Dieser Plan scheiterte kläglich an der ungenügenden russischen Vorbereitung, am offenbar völlig unterschätzten Widerstand der ukrainischen Verteidiger und deren effizienter Unterstützung durch amerikanische Geheimdienstinformationen unter Präsident Biden. 

Dass chauvinistische russische Blogger den Vergleich zwischen der fehlgeschlagenen Kommando-Aktion in Kiew und dem erfolgreichen US-Entführungscoup in Venezuela als Kränkung und Schmach empfinden, bedarf keiner weiteren Erklärung. 

Auffallend ist, dass bei den von der Exilplattform «Meduza» zitierten Texten von russischen Militärbloggern der Name Putins im Zusammenhang mit kritischen Bemerkungen zum Ukraine-Krieg nirgends vorkommt. Anders als andere Namen der obersten russischen Militärführung ist offenbar der Kremlchef auch für die nationalistischen Internet-Aktivisten bei diesem Thema tabu.  

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