Die Story hat einen griffigen Namen: „Trumps Flucht im Catering-Container“. Sie füllt dieser Tage die Spalten der Zeitungen nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und beruht auf mehr als einmonatigen Recherchen der „Washington Post“.
Es geht um Donald Trumps Rückreise vom Nato-Gipfel. Kurz: Der US-Präsident erhielt am 8. Juli in Ankara von seinen Geheimdiensten (er nahm dort am Nato-Gipfeltreffen teil) eine, wie es heisst, „ernst zu nehmende“ Warnung: iranische Saboteure planten einen Anschlag auf die amerikanische Präsidentenmaschine, die Airforce-1. Also sollte Trump kurzfristig ein anderes Flugzeug für die Rückreise nach Washington umsteigen.
Trump wechselt das Flugzeug – der Rest bleibt zurück
Jetzt begann das Täuschungsmanöver – der Flugzeugwechsel sollte heimlich vollzogen werden. Donald Trump wurde diskret von der Airforce-1 in einem Service-Container zu einem anderen Flugzeug mit US-präsidialen Kennzeichen gefahren. Etwa einhundert Menschen, unter ihnen Aussenminister Marco Rubio und Finanzminister Bessent, ausserdem etwa einhundert Journalistinnen und Journalisten, blieben allerdings ahnungslos an Bord der Airforce-1, obgleich diese Maschine, zumindest gemäss Einschätzung der Geheimdienste, mögliches Ziel eines Anschlags war.
Bei der Zwischenlandung in London gab es einen Flugzeugwechsel – die Reise ging nun für alle mit jener Boeing-747 mit goldfarbenem Interieur weiter, die Donald Trump vom Emir von Katar als Geschenk erhalten hat. Donald Trump gelangte ebenso heimlich an Bord dieser Maschine, wie er in Ankara von Bord des anderen Flugzeugs gegangen war.
Nach der Landung in den USA stellten Journalisten, die von den diversen Flugzeugwechseln des Präsidenten nichts wussten, ein paar eher harmlose Fragen – etwa die, weshalb man ihnen vor dem Start in Ankara gesagt habe, sie sollten die Rouleaus ihrer Fenster schliessen?
Was die Journalisten herausfanden
Donald Trump antwortete, wohl ziemlich unbedacht: „Nun, ihr wart möglicherweise auf einem gefährdeten Flug“. Dass das der Auslöser für eine umfangreiche Recherche war, musste ihm eigentlich klar sein – und Journalisten der „Washington Post“ arbeiteten sich daraufhin mehr als einen Monat durch hundert von Puzzle-Teilen, dann veröffentlichten sie die Ergebnisse der Recherche.
Donald Trump blieb schliesslich nichts anderes übrig, als die Story zu bestätigen. Kein Wort jedoch verlor er zur Tatsache, dass er wissentlich Mitglieder seiner Regierung und etwa weitere einhundert Menschen einer Situation ausgeliefert hatte, die er selbst als hoch riskant eingeschätzt hatte.
Im Labyrinth des Iran-Krieges
Die Auseinandersetzung um diese „Container-Flucht“ verschränkt sich jetzt mit der ohnehin schon virulenten Debatte über Sinn oder Nicht-Sinn des Irankriegs, also mit den grösseren Fragen rund um den von Donald Trump (und dem israelischen Premier Netanyahu) am 28. Februar angezettelten Konflikt. Senator Chuck Schumer, Sprecher der Minderheit der Demokraten im Senat, erklärte: „Trump hat die Söhne und Töchter Amerikas in Gefahr gebracht“. Er wies darauf hin, dass er damit nicht nur die dubiose Art und Weise meinte, wie Mitglieder der eigenen Regierung und Journalisten beim Rückflug vom Nato-Gipfel in Ankara in die Irre geführt worden waren, sondern generell um die Entfachung des Kriegs gegen Iran und die fehlende strategische Perspektive der Trump-Administration, wie man aus diesem Konflikt wieder herausfinden könnte.
Der Präsident verheddert sich von Tag zu Tag von Neuem in faktenferne Behauptungen – an einem Tag erklärt er, Iran sei militärisch schon total besiegt, an einem anderen Tag äussert er, die USA müssten den Krieg schon deswegen nicht fortsetzen oder neu starten, weil das Land ja wirtschaftlich schon am Boden liege. Jetzt eben stellt er sich auf den Standpunkt, die Meerenge von Hormuz sei völlig unter der Kontrolle der US-Marine und frei passierbar. Die iranischen Revolutionswächter (gegenwärtig wichtigste Macht im Staat) jedoch beharren darauf, dass kein Schiff das Nadelöhr passieren kann, ohne sich mit einer Behörde in Iran abgesprochen zu haben.
Wer jetzt über Hormuz verhandelt
Ob und in welcher Höhe die Iraner Transitgebühren verlangen, ist unklar, aber Tatsache ist, dass in den letzten zehn Tagen durchschnittlich nie mehr als zwölf Schiffe täglich die Meerenge passiert haben. Darüber, wie es um Hormuz weiter gehen soll, wird verhandelt – aber nicht zwischen Iran und den USA, sondern zwischen Iran und Oman.
Den USA wird wohl kaum etwas anderes übrigbleiben, als die Einigung zwischen diesen beiden Anrainerstaaten zu akzeptieren, oder den Krieg gegen Iran neu loszutreten. Eine Alternative, die Donald Trump zu vermeiden versucht, auch, weil ihm seine eigenen Generäle klar machen, dass es den US-Truppen jetzt, nach mehr als fünf Monaten Krieg, an Angriffs- und Verteidigungswaffen in der Region Nahost mangelt (80 Prozent der Abwehrraketen sollen verschossen worden sein).
Nur eine unbedeutende Episode?
Der Krieg drückt täglich mehr auf seine Zustimmungswerte (gegenwärtig liegen sie noch bei rund 31 Prozent) und auf die Erfolgschancen seiner Republikaner bei den für November bevorstehenden Zwischenwahlen.
Da bleibt eigentlich nur, möglichst schnell ein Ende des Kriegs zu deklarieren. Das Kunststück würde darin bestehen, diesen Entscheid nicht als Eingeständnis einer Niederlage, sondern als Sieg zu verkaufen. Und die peinliche Container-Affäre als unbedeutende Episode möglichst schnell in Vergessenheit geraten zu lassen.