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Architektur

Bauen im Gebauten

28. September 2026
Fabrizio Brentini
Tony Fretton

Das Schweizerische Architekturmuseum in Basel präsentiert die Arbeiten des englischen Architekten Tony Fretton in einer ruhigen, klassischen Retrospektive. Gleichzeitig gibt der Quart Verlag Luzern eine dreibändige Monografie heraus.

Wer ist der 1945 geborene englische Architekt Tony Fretton, dem nun die Ehre zufiel, in Basel eine Übersicht über sein Schaffen einzurichten? Die deutsche Wikipedia-Seite weist keinen Eintrag auf, und den dürftigen Zeilen auf der englischen Wikipedia-Seite kann man kaum nützliche Informationen entnehmen. Da scheint jemand tief zu stapeln, obwohl die Werkliste für einen grösseren Auftritt in der Öffentlichkeit einiges hergeben würde: die Lisson Gallery in London, die englische Botschaft in Warschau, das Kunstmuseum Fugelsang (Dänemark), das Rathaus in Deinze (Belgien). 

Man könnte meinen, dass Frettons Wohngebäude in unmittelbarer Nachbarschaft der dominanten Marmorkirche aus dem 18. Jahrhundert in Kopenhagen als gelungenes Beispiel eines sensiblen Umgangs in einer komplexen historischen Struktur in Architekturführern Eingang finden müsste. Doch das ist nicht der Fall, zumindest nicht in demjenigen von Kopenhagen, den der für solche Publikationen spezialisierte DOM publishers Verlag herausgab.

Einblick in die Arbeitsweise Frettons

Das Schweizerische Architekturmuseum ortete offensichtlich Nachholbedarf und bot Tony Fretton seine Räume an. Es sei bei einem Besuch empfohlen, zunächst den letzten Raum aufzusuchen und sich das Fotoessay von Fretton auf einem grossen, altarartigen Monitor anzuschauen. Der Architekt bereitete sich auf seinen Auftritt in Basel minutiös vor und fotografierte viele Details der Kunsthalle Basel. Man schlüpft gleichsam in seine Haut und blickt auf sonst übersehene Merkmale des Gebäudes und seiner Umgebung. Damit wird gleichzeitig Frettons Strategie bei der Entwicklung eines Projekts deutlich und es ist eine Methode, die seit Anbeginn seiner Tätigkeit zentral für seine Arbeit ist. In der Ausstellung hängen die frühen, reinen Fotoarbeiten gleichwertig neben den architektonischen Entwürfen. 

Und in der Monografie des Quart-Verlages fügte Fretton in den dritten, schmalen Band Schnappschüsse ein, die er während seiner Arbeit, aber auch während seiner Reisen machte. Als schön kann man die Sujets nicht bezeichnen, aber sie zeigen das, was unsere Sinne im Alltag aufnehmen, nämlich Belangloses. Ein zweites wichtiges Mittel, seine Ideen Form werden zu lassen, sind die Skizzenbücher, von denen einige in Vitrinen aufgeschlagen sind. Zarte Zeichnungen ohne auffällige Schraffuren, ohne Schattierungen, ohne Farben. Hauchdünne Linien loten Möglichkeiten für ein Möbel, für eine Innenrichtung, für ein Haus aus. 

Die Ausstellung im Basler Museum ist im Gesamtschaffen von Fretton ein eigenständiges Werk – abgesehen davon, dass man hier, was in den letzten Jahren selten genug der Fall war, eine übersichtliche Schau eines einzelnen Architekten zu sehen bekommt, der auf eine Materialschlacht verzichtet. Fretton stellte für jede Arbeit eine bestimmte Anzahl Tafeln mit Plänen, Fotos und Kommentaren zusammen und hängte sie als Gruppen an die Wände. Das gemahnt an die Arbeit eines Buchgestalters, der die zu schaffenden Seiten nebeneinanderlegt, um das Layout zu überprüfen. 

Architektonische Dialoge

Mit dem Neubau der Lisson Gallery 2 in London, die eine Vielzahl international arrivierter Künstlerinnen und Künstler vertritt, machte er 1992 nicht nur erstmals auf sich aufmerksam, er dokumentierte damit auch seine Art, Alt und Neu miteinander zu verbinden. Ein strenges Raster von verglasten und geschlossenen Flächen lässt die Fassade fast wie ein Mondrianbild in Schwarz-Weiss erscheinen. Auf der anderen Seite ist das Gebäude insofern perfekt in die Strassenflucht eingepasst, als die Höhe der Stockwerke der benachbarten Häuser übernommen wird. 

Im Folgenden erhielt Fretton immer wieder die Gelegenheit, den Dialog mit dem bereits Gebauten fortzuführen, beispielsweise 2001 mit dem Red House in London, das die unterschiedlichen Haustypen der Zeile mit einer weiteren eigenständigen Einheit ergänzt, die nichtsdestotrotz formale Gemeinsamkeiten wie etwa eine erkerartige Ausbuchtung im Obergeschoss oder den rötlichen Naturstein aufdeckt. 

Ähnliche Realisationen findet man in Groningen, wo Fretton ein schmales und hohes kubisches Gebäude mit zwei Wohnungen in eine Häuserzeile schob, an der Britton Street in London, wo eine Lücke für zwei Künstlerwohnungen samt Ateliers genutzt wurde, in Chelsea London, wo der weltberühmte Künstler Anish Kapoor Fretton einen schon fast unmöglichen Auftrag erteilte, den dieser mit Bravour löste. Die Wohnung erstreckt sich als langer Schlauch von der Strasse, unter den Geschossen der nicht zur Verfügung stehenden Wohnungen hindurch bis zum rückwärtigen Garten, der auf kleinster Fläche eine grüne Oase schafft. Tageslicht wird fast ausschliesslich über Oblichter ins Innere geleitet. Es sind Frettons stärkste Entwürfe, während die wenigen solitären Wohngebäude, etwa in Amsterdam und Antwerpen recht konventionell sind. Das trifft auch auf das Wohnhaus in Neuhausen bei Schaffhausen zu, das einzige von Fretton in der Schweiz umgesetzte Projekt.

Reduktion und Selbstbeschränkung

Die dreibändige Monografie des Quart-Verlages zeigt sich edel, mit seiden glänzenden Einbänden in Anthrazit und silbern gedruckten Schriftzügen. Reduziert auch der Inhalt. Der gewichtigste Band stellt auf 360 Seiten lediglich 23 verwirklichte Entwürfe dar, vorwiegend mit Plänen und Aufnahmen. Fretton begnügt sich bei der Beschreibung auf knappe Hinweise, die ähnlich verdichtet formuliert sind wie die Werkbeschreibungen des englischen Künstlers Richard Long. So ist man eingeladen, sich selbst mit den Arbeiten vertraut zu machen und über sie zu urteilen. Im zweiten Band werden die genannten Entwürfe mit nicht realisierten ergänzt. Die 49 Eintragungen sind nun mit längeren Beschreibungen versehen und lediglich mit Skizzen, Modellaufnahmen und Renderings dargelegt. Obwohl der Name «Tony Fretton» alle Bände ziert und auch als Ausstellungstitel dient, werden bei jedem Projekt sämtliche Mitarbeitende gleichberechtigt namentlich genannt. 

Bei einigen Wettbewerbseingaben kann man im Nachhinein bedauern, dass sie Papier blieben, so beispielsweise beim Vorschlag für eine kleine katholische Kirche in Hungerford (England) oder beim Wettbewerbsbeitrag für das neue Munch-Museum in Oslo. Auf dem künstlichen, in den Fjord reichenden Pier setzte Fretton zunächst einen lediglich zweigeschossigen Block und erst dahinter mit einer Lücke einen viergeschossigen für die Sammlung. Der Entwurf zeugt von weitaus grösserer Ehrfurcht vor der Oper von Snøhetta als die monumental in die Höhe gestreckte Scheibe, die alles in der näheren Umgebung zerdrückt. In einer Architekturwelt, in der nach der grossen Geste verlangt wird, kann man Gestaltern dankbar sein, die nicht auf Bekenntnisse achten, sondern in einem ehrlichen, bescheidenen Rahmen weiterbauen. Das tut Tony Fretton mit seinem Team in hohem Masse.

Ausstellung im S AM Basel bis 3. Januar 2027

Begleitpublikation: Tony Fretton, Buildings/Projects/Photographs, 3 Bände, Quart Verlag Luzern 2026

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