«Ein grösserer Diktator hat nachts einen kleineren Diktator aus dem Bett gezerrt, um ihn nach seinen eigenen Gesetzen vor Gericht zu stellen.» Dieser Satz findet sich in einer Debatte, die zwei iranische Intellektuelle auf dem iranischen Telegram-Kanal geführt hatten. Es geht nicht nur um Trump, Maduro, Putin und Khamenei – es geht auch um die iranischen Dichter und Mystiker Hafis, Rumi und Saadi.
Nach der Festnahme Maduros schrieb ein Unbekannter in seinem Telegram-Kanal folgenden Vers von Hafis, einem der bekanntesten persischen Dichter, der im 14. Jahrhundert gelebt hatte:
Hast du das selbstsichere Lachen jenes Rebhuhns gesehen?
Es stolzierte dahin – blind für die Kralle des Schicksals,
die bereits aus der Höhe nach ihm griff.
Das kommentierte der erste Unbekannte so:
«Jemand sagte einmal, alle Verse des Korans seien Wunder; man müsse nur die passende Situation abwarten, damit sich ihr Wunder zeige. Dasselbe lässt sich über jede aufrichtige Kunst sagen. Es geht mir nicht um Maduro oder Trump, es geht mir um diesen Vers von Hafis!
Kunst ist die Darstellung unserer affektiven Wahrnehmung im grossen Panorama des Seins. So ist dieser Vers von Hafis, so ist auch Mahlers Achte Sinfonie; so ist Picassos Guernica; so ist Shakespeares Macbeth; so sind Ferdowsis Rostam und Sohrab und die ‹Bhagavadgita› des Mahabharata; so ist auch Kiarostamis Film ‹Wo ist das Haus meines Freundes?› …
Die Übersetzbarkeit der Kunst ist nicht eingeengt; Kunst wird in das Buch der Unendlichkeit eingeschrieben – genau deshalb sprach ich vom ‹grossen Panorama des Seins›. Philosophie ist nicht so, Wissenschaft ist nicht so.
Man kann diesen Vers von Hafis auf Maduro beziehen, auf den Schah Schodschaʿ zur Zeit von Hafis, ebenso wie auf den heutigen, düsteren Zustand Khameneis; man kann ihn auf jedes grosse, zu Staub gewordenes Talent anwenden.
Erkenntnis sagt, in der Gestalt von Wissenschaft und Philosophie, lediglich: ‹Dieses Talent ist gescheitert.› – mehr nicht. Kunst hingegen schreibt genau dies mit der Essenz des Gefühls auf die Seite der Unendlichkeit, um einen ontologischen Horizont zu erschaffen, gewoben aus den Fasern der Emotion.
Wenn der Zugang von Wissenschaft und Philosophie zum Feld der Normativität ein entlegener, steiniger Pfad ist, so ist dieser Zugang für die Kunst eine breite Hauptstrasse! Denn das Normative ist im Reich der Emotion beheimatet, nicht im Staat der Philosophie.
Genau deshalb erwies sich Kants ‹Kritik der praktischen Vernunft› nach dem Zeugnis der meisten Kenner als nicht sonderlich erfolgreich; Kants Argumentationsgang stolperte derart über dieses steinige Gelände, dass er sich hinkend an einen Ort schleppte, der nicht einmal ihn selbst wirklich zufriedenstellte!
Mit philosophischem Räsonnement gelangt man nicht ins Reich der Normen; um diesen Weg zu gehen, braucht man Simorgh – den Wundervogel der Emotion! Deshalb habe ich immer wieder gesagt: Das Wesen der Moral ist ‹Empathie› – und diese Empathie ist von Anfang bis Ende nichts anderes als Gefühl; hier hat die Vernunft nichts zu sagen!
Als Rumi sagte:
Ich prüfte den weitsichtigen Verstand,
von nun an mache ich mich selbst zum Narren.
Damit drückte er genau jene Erfahrung aus, die er an anderer Stelle in einem Gleichnis formulierte:
Bis zum Meer ist Pferd und Sattel dein Gefährt,
danach ist dein Reittier nur noch ein hölzernes.
(Rumi, persicher Sufi-Mystiker; er lebte im 13. Jahrhundert)
Mit ‹Vernunft› kann man das Reich der Emotion nicht betreten; hier ist die Sphäre der Ästhetik und das Königreich der Göttin der Kunst. Um durch dieses Land zu reisen, muss man auf dem Rücken des Simurgh der Emotion sitzen – hier befinden sich auch Moral und Norm.
Trumps, Maduros und Chameneis waren entweder von Anfang an dumpfe Nashörner oder wurden später zu solchen, als ihre Hand vom Saum des affektiven Verstehens des Seins abgerissen wurde! Gefühllos, benommen und unmoralisch; stumpf gegenüber der künstlerischen Wahrnehmung des Seins! Vagabunden auf dem Markt der Selbstverkäuflichkeit, in der Illusion von ‹Macht›.
In unserer Gasse kauft man nur gebrochene Herzen,
der Markt der Selbstverkäufer liegt auf der anderen Seite!»
(Saadi, persischer Dichter und Mystiker; er lebte im 13. Jahrhundert)
Diesen wunderbaren Text kommentierte ein anderer Unbekannter
«Ich lese alle, wirklich ausnahmslos alle Ihrer Anmerkungen. Ich lerne sehr viel daraus und habe grosse Freude daran.
Ich bin – wie Sie – Sozialdemokrat. Selbstverständlich bin ich kein Anhänger irgendeiner Diktatur, weder einer einheimischen noch einer ausländischen. Der Diktator Maduro musste irgendwann fallen. Aber nicht auf diese Weise. Das, was geschehen ist, hat mich nicht gefreut, auch wenn ich weiss, dass es Auswirkungen auf das Schicksal des einheimischen Diktators hat. In Wirklichkeit hat ein grösserer Diktator nachts diesen kleineren Diktator aus dem Bett gezerrt, um ihn nach seinen eigenen Gesetzen vor Gericht zu stellen – so wie bei früheren Diktatoren in Panama und Honduras zu anderen Zeiten. Das ist dieselbe Metapher vom Rebhuhn und vom Falken. Allerdings war weder Maduro ein Rebhuhn noch Trump ein Falke.
Dieses Ereignis ist eine Warnung vor einem neuen Zeitalter, das man nur als Rückkehr zur Barbarei und zum Gesetz des Dschungels bezeichnen kann: nämlich die weitere Zerstörung aller internationalen Gesetze und Institutionen, die nach den Erfahrungen, Kriegen und der Zivilisationsgeschichte der Menschheit mühsam entstanden waren – nach den vorherigen Provokationen und Verhöhnung dieser Institutionen durch Trump und Netanjahu.
Das ist es, was mir Sorgen macht, insbesondere im Hinblick auf Putins frühere Aggression gegen das Nachbarland und deren nahes und absehbares Ergebnis.
Leider habe ich in Ihrer Anmerkung keine Spur dieser Sorge gefunden. Gerade weil mir in diesen Tagen einige Landsleute zu dieser Entführung gratuliert haben, hätte ich von Ihnen eine kritischere Haltung erwartet.
Mit freundlichen Grüssen
und meiner Hochachtung»
Und hier die kluge Antwort des Ersteren, die man mehrmals lesen muss.
«Verehrter Freund!
Auch ich teile deine Sorge; allerdings liegt in dieser Sorge ein innerer Widerspruch: Aus der Perspektive einer umfassenden zivilisatorischen und menschheitlichen Gesamtschau muss man das Zertreten internationaler Abkommen durch Trump zweifellos verurteilen. Doch von dem Punkt aus, an dem wir Iraner stehen, lässt sich nicht leugnen, dass dieser Wagemut Trumps von der Mehrheit der Iraner als ein Hoffnungsschimmer der Befreiung wahrgenommen wird – eine Wahrnehmung, die man nicht einfach als Irrtum oder Sophisterei abtun kann; zumindest ich tue das nicht!
Aus global-zivilisatorischer Angst kann man sich vor Trumps nächstem Appetit fürchten – zunächst Grönland zu verschlingen und danach Kanada. Selbst angesichts der Übereinstimmung von Trumps extremem Rechtsruck mit Putin kann man eine Hinterzimmer-Absprache der beiden befürchten: die Übergabe der Ukraine an Russland im Gegenzug für russisches Schweigen zur Annexion Grönlands durch die Vereinigten Staaten. Und natürlich kann man sich um die unglückseligen Taiwaner sorgen, die womöglich von der patriarchalen Mutter China verschlungen werden – um dann wie die Hongkonger zu enden, die unter britischer Kolonialherrschaft Freie waren und nach der Rückgabe an das Mutterland zu Unterdrückten in den Ketten nationaler Barbarei wurden!!
Und zugleich können diese düsteren Perspektiven mit unserer Befreiung von der grausamsten Herrschaft seit den Ilkhaniden (256 bis 1335) einhergehen!
Die Welt und die Geschichte sind das Feld der ‹verkehrt aufgenagelten Hufeisen›, o Salim!
Als Friedrich Hegel in Jena den prunkvollen Zug Napoleons Bonaparte sah, der bei der Besetzung seines Vaterlandes stolz unter Himmel und Sternen dahinschritt, schrieb er, er sehe den Zug der ‹Geschichte›. Derselbe Zug griff wenig später (1812) mit einer Armee von über einer halben Million Soldaten das Russische Reich an und kehrte mit weniger als hunderttausend zerschlagenen Resten seines Heeres gedemütigt nach Paris zurück – um schliesslich bei Waterloo (1815) aus dem Gang der Geschichte entfernt zu werden.
Man kann wie Hegel durch die Geschichte hindurch auf die menschliche Sphäre blicken und die Früchte der Erkenntnis empfangen; man kann aber auch wie Fichte auf dem Boden von Affekt und Identität stehen, im Zug Napoleons nationale Erniedrigung sehen und mit dem unheilvollen Extremnationalismus schwanger gehen, der in der nationalen Katastrophe der Nazis endete.
Ich neige mehr zur grossen Perspektive, damit aus mir kein Rechtsdenken erwächst, das auf dem Boden der Identitäten steht. Stattdessen bin ich Zuschauer der Bewegung des Menschen im Feld der Geschichte und suche Erkenntnis.
Der Gang der Geschichte ist nicht linear, sondern verschlungen, stolpernd und aufspringend – er ist dialektisch! Der Rückfall in die Barbarei erzeugt einen Vorwärtsschub, und das hastige Voranstürmen nach vorne ruft einen rückschrittlichen Sprung hervor. Zeuge für Ersteres ist die Islamische Republik, die die iranische Gesellschaft mit einem Fusstritt in Richtung Säkularismus getrieben hat; Zeuge für Letzteres ist die überstürzte, geldverteilende Entwicklung der Pahlavis, die den Aufstieg des schiitischen Fundamentalismus hervorbrachte.
Auch im globalen Raum gilt dies. Der heutige Rechtsruck ist der Vorbote einer vernünftigen linken Ordnung von morgen – so wie der heutige Rechtsruck selbst aus der Hegemonie der extremen Linken von gestern hervorgegangen ist.
Das dialektische Pendel der Geschichte schwingt nicht planlos, vielmehr verschiebt sich bei jeder Bewegung der Drehpunkt selbst. Was in der Moderne ‹Fortschritt› genannt wird, ist das kumulative Ergebnis dieser ihrem Wesen nach dialektischen Verschiebungen.
Wenn wir Mensch und Geschichte so betrachten, können wir ‹leichter aus der Trauer hervorgehen› und auf eine bessere Zukunft hoffen, die wir selbst nicht erleben werden, wohl aber die Nachkommenden. Wie der gebrochene, todkranke Idealist Basarow in Turgenjews ‹Väter und Söhne› sagt: ‹Das genügt!›»