Direkt zum Inhalt
  • Politik
  • Kultur
  • Wirtschaft
  • Gesellschaft
  • Medien
  • Über uns
close
Kommentar 21

Trump im Machtrausch

15. Januar 2026
Urs Meier
Trump Porträt
Das neue Porträtfoto Präsident Trumps in der Abteilung «American Presidents» der Smithsonian's National Portrait Gallery in Washington (Keystone/AP Photo, Rod Lamkey, Jr.)

Trump versteht sich als der Präsident, der die USA von einem fatalen Irrweg auf den richtigen Kurs bringen muss. Diese historische Mission erlaubt ihm, jedes denkbare Mittel einzusetzen. Niemand darf seine Macht beschneiden oder auch nur kritisieren.

Donald Trump war nicht zufrieden mit seinem Bildnis in der Smithsonian’s National Portrait Gallery in Washington. Es hatte ihn ernst und würdig in altmeisterlicher Manier vor dunklem Hintergrund präsentiert. Diese staatsmännische Pose passte ihm nicht mehr. Er sieht sich nicht als Fortsetzung einer historischen Abfolge respektabler Magistraten, sondern als denjenigen, der aus dieser Reihe ausbricht, um das Ausserordentliche, das nicht für möglich Gehaltene zu leisten.

Ein neues Präsidentenporträt musste also her. Das auserkorene Schwarzweiss-Foto zeigt ihn frontal mit drohender Miene, die Fäuste auf den spiegelnden Schreibtisch gestützt. Das ist nicht der einende Präsident aller Amerikaner, sondern der Rächer, der nach der Ermordung Charlie Kirks gerufen hat: «Ich hasse meine Feinde.» Und Feinde sind alle, die ihm nicht bedingungslos folgen.

«Feind» ist das wichtigste Wort in Trumps Vokabular. Gegen innen gerichtet brandmarkt es kritische Medien, unabhängige Wissenschaft, Bürgerproteste oder auch nur die Leiterin des Amts für Arbeitsmarktstatistik, wenn dieses Zahlen veröffentlicht, die ihm nicht genehm sind. Gegen aussen schwingt er die Keule der Feind-Vokabel gegen diejenigen Staaten, mit denen die USA eine defizitäre Handelsbilanz aufweisen oder aus denen sich der US-Markt mit illegalen Drogen versorgt. 

Bekanntlich will Trump sein Land «grossartig» machen. Angeblich um dies zu erreichen, befreit er die USA von formellen und informellen Verpflichtungen gegenüber der Staatenwelt und deren Organisationen. Er geht raus aus internationalen Handelsvereinbarungen sowie aus Umwelt- und Klima-Abkommen und er macht weitgehend Schluss mit humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit. 

Im Innern betreibt er mit der Kettensäge Sozial- und Bildungsabbau und zerstört das zivilgesellschaftliche Gewebe, wo immer er Opposition gegen seine Linie wittert. Diese ist so simpel wie irreal: Es soll eine Gesellschaft ausschliesslich aus Amerikanern entstehen, in der eine erzkonservative, von christlichen Fundamentalisten angeleitete Regierungspolitik nicht nur den Ton angibt, sondern knallhart die Regeln durchsetzt.

«Kulturrevolution» reicht als Begriff nicht aus für das, was Trump vorhat und Stück für Stück realisiert. Seine Entourage spricht lieber von «Disruption», dem totalen Bruch mit dem Bestehenden. In dieser Vorstellung trifft sich die MAGA-Führung mit der libertären Geschäftsphilosophie der Silicon-Valley-Granden, die sich mit Trump bei seinem zweiten Amtsantritt programmatisch verbündet haben: Er verschafft ihnen weltweit freie Bahn ohne irgendwelche Regulierungen, sie liefern ihm ein Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, in dem das Kapital ohne jeden Widerstand den Takt schlägt.

Ob das so auch wirklich funktionieren wird? Der KI-Hype kann an Grenzen stossen oder vielleicht ist plötzlich China uneinholbar vorn. Doch der Zweifel ist Trumps Sache nicht. Er sieht sich an der Spitze einer weltgeschichtlichen Umwälzung, welche die Macht der USA auf eine nie dagewesene Höhe treibt.

Der Raid auf Venezuela am 3. Januar hat Trump nochmals mächtig Auftrieb gegeben. Was in der «Nationalen Sicherheitsstrategie» vom Dezember 2025 propagiert wird, ist mit der handstreichartigen Verhaftung Nicolás Maduros ein erstes Mal in grossem Stil vorgeführt worden: Trump ist in dem vom ihm festgelegten Einflussgebiet der starke Mann, der kein Pardon kennt. 

Grosse Proklamationen sind sein Ding. Was Trump plant und tut, ist zwingend stets von weltgeschichtlichem Format. Wenn es jedoch an die Konkretisierung geht, verliert er rasch das Interesse. So bleibt bislang unklar, ob er jetzt Venezuela tatsächlich wie angekündigt «regiert». Gut möglich, dass die Maduro-Clique unter der Führung der Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez die Ansagen Trumps einfach ins Leere laufen lässt. Das tiefverwurzelte venezolanische System von Gewalt und Korruption ist von der Verhaftung der Führungsfigur kaum tangiert. Auch die von Trump befohlene Ankurbelung der darniederliegenden Öl- und Gasförderung durch US-Konzerne dürfte auf sich warten lassen. Die grossen Ölgesellschaften zeigen wenig Lust, sich das absehbare Verlustgeschäft an den Hals zu hängen. 

Trump hat zu Venezuela bislang nichts vorgelegt, was wie ein Plan für das Land aussieht. Doch den braucht er gar nicht. Venezuela ist ihm ebenso egal wie zum Beispiel die Ukraine. Die spektakuläre Machtdemonstration hat ihm vollauf genügt; sie war von Anfang an der eigentliche Zweck der Übung. Es ging ihm vor allem darum zu zeigen, dass die Supermacht USA nicht nur ihrem lateinamerikanischen Hinterhof, sondern auch anderswo alles tun kann, was sie will. 

Auch im Iran? Trump hat angesichts der brutalen Unterdrückung des iranischen Volks durch das Mullah-Regime mehrfach eine «sehr harte» Intervention der USA angekündigt. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Textes zögert Trump noch immer, und dies aus begreiflichen Gründen. Ob er hier mit seiner geballten Militärmacht eine Wendung zum Besseren herbeiführen könnte, ist fraglich, und nichts fürchtet Trump so sehr, wie einen eklatanten Misserfolg vor den Augen der Welt.

Die Angst vor einem Versagen ist vor allem innenpolitisch begründet. In knapp zehn Monaten muss Trump sich zuhause einer landesweiten Wahl stellen. Obwohl in diesen Midterms, bei denen ein grosser Teil des Kongresses neu gewählt wird, er sich nicht selbst zur Wahl stellen muss, geht es eben doch primär um den Kurs des Präsidenten. Sollte er die Mehrheiten in beiden Kammern verlieren, so würde ihm in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit das Etikett der «lame duck» anhaften.

Diese Midterms haben es in sich. Gewinnt das Trump-Lager, wird der Präsident dies als Freipass zum autoritären Durchregieren nutzen und mit allen Mitteln danach trachten, die Herrschaft der Republikaner auf Dauer abzusichern. Verliert aber Trump im kommenden November, so kann man sich auf eine Neuauflage des Capitolsturms von 2021 gefasst machen. Denn Trump verliert ja bekanntlich keine Wahlen. Gehen sie zu seinen Ungunsten aus, so kann nur gigantischer Betrug die Ursache sein.

Ein Trump würde die Schlappe nicht hinnehmen. Schon bei seiner ersten Kandidatur setzte er den folgenschweren Satz in die Welt: «Ich werde das Wahlresultat akzeptieren, wenn ich gewinne.» Die Niederlage gegen Joe Biden vier Jahre danach hat er nie akzeptiert, sondern aus der «gestohlenen Wahl» das Grundnarrativ gemacht, das seither seine MAGA-Bewegung befeuert. Bei den kommenden Midterms steht kaum weniger auf dem Spiel als bei einer Präsidentschaftswahl. Man sollte also gewarnt sein. Aus Trumps Machtrausch könnte es für das ganze Land ein böses Erwachen geben.

Letzte Artikel

Es geht um wesentlich mehr als die SRG!

14. Januar 2026

Auf den Spuren des Krieges in der Ukraine

Stephan Wehowsky 14. Januar 2026

Turbo-Boomer wird Altersratgeber

Reinhard Meier 14. Januar 2026

Irans Eliten zwischen Messianismus und Machterhalt

Reinhard Schulze 13. Januar 2026

Die Präsidentenwahl, spannend wie noch nie

Thomas Fischer 12. Januar 2026

Hochhäuser sind keine Lösung

Gastkommentar 12. Januar 2026

Newsletter abonnieren

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Zurück zur Startseite
Leserbrief schreiben
Journal 21 Logo

Journal 21
Journalistischer Mehrwert

  • Kontakt
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Newsletter
To top

© Journal21, 2021. Alle Rechte vorbehalten. Erstellt mit PRIMER - powered by Drupal.