Direkt zum Inhalt
  • Politik
  • Kultur
  • Wirtschaft
  • Gesellschaft
  • Medien
  • Über uns
close
Iran-Krieg

Die gespaltene Seele des iranischen Exils

22. Mai 2026
Reinhard Schulze
Exil-Iraner, Frankfurt
Mehrere hundert Exil-Iraner demonstrieren am 15. Mai in Frankfurt gegen das herrschende Regime in Teheran und für den Sohn des gestürzten Schahs Pahlavi. (Foto: KEYSTONE/DPA/Boris Roessler)

An einem Samstagnachmittag im Mai 2026 marschieren in Regensburg Menschen in weissen T-Shirts durch die Innenstadt. Auf den Shirts prangt ein Logo, das viele Iraner sofort erkennen und das bei nicht wenigen Schrecken auslöst: das Emblem von SAVAK, der Geheimpolizei des letzten Schahs, berüchtigt für Folter, politische Unterdrückung und Hinrichtungen. 

Gleichzeitig findet eine ähnliche Parade in Kopenhagen statt, dieselbe Symbolik, dieselbe demonstrative Selbstinszenierung. Was in Deutschland als blosse Versammlung gilt, bei der das Zeigen der Symbole laut Polizei keine Straftat darstellt, versetzt Teile der iranischen Diaspora in Empörung und Schrecken.

Zweitgrösste iranische  Exil-Community lebt in Deutschland

Die Szene ist symptomatisch. Sie verdichtet in einem einzigen Bild die Widersprüche, Wunden und politischen Leidenschaften einer Community, die zu den grössten und am besten integrierten nicht-europäischen Diasporagemeinschaften Deutschlands zählt — und die dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, tief in sich gespalten ist.

Rund 319.000 Menschen mit iranischem Migrationshintergrund leben derzeit in Deutschland, darunter etwa 161.000 iranische Staatsangehörige ohne deutschen Pass sowie rund 128.000, die sich eingebürgert haben. Deutschland beherbergt damit die grösste iranische Community in Europa und weltweit die zweitgrösste nach den USA. Mehr als 170 iranische Vereine sind bekannt, konzentriert vor allem in Nordrhein-Westfalen, Berlin, Hamburg, Bayern und Hessen.

Was diese Diaspora von anderen abhebt, ist ihr aussergewöhnliches Bildungs- und Qualifikationsprofil. Laut einer Studie des Instituts für deutsche Wirtschaft aus dem Jahr 2026 sind 43,3 Prozent der iranischen Beschäftigten in Deutschland Hochschulabsolventen — bei anderen ausländischen Beschäftigtengruppen sind es im Schnitt gerade einmal 19,5 Prozent, bei allen Beschäftigten sind es ca. 36 %. Knapp 59 Prozent der Iraner im erwerbsfähigen Alter gehen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach, überdurchschnittlich viele davon als Fachkräfte, Spezialisten und Experten. Die iranische Diaspora ist, daran lässt sich nicht zweifeln, ein Erfolgskapitel der deutschen Einwanderungsgeschichte.

Und doch wäre es ein Fehler, diese Community als homogenen Block zu begreifen. Wer iranische Vereine, Netzwerke und Demonstrationen betrachtet, begegnet einer politisch atomisierten Gemeinschaft, deren innere Konflikte mitunter so erbittert ausgetragen werden wie jene gegen das Regime in Teheran selbst.

Das monarchistische Lager: Nostalgie und neue Ambitionen

Reza Pahlavi, Sohn des letzten Schahs, hat sich in den vergangenen Jahren als mögliche Führungsfigur der iranischen Opposition in Stellung gebracht. Er pflegt Kontakte zu westlichen Politikern, besuchte zuletzt Berlin zu politischen Gesprächen, und geniesst die Unterstützung bekannter CDU-Politiker wie Armin Laschet und Roderich Kiesewetter, die ihn als Option für einen demokratischen Übergang im Iran betrachten. 

Grob 5 bis 15 Prozent der iranischstämmigen Bevölkerung in Deutschland — also möglicherweise 15.000 bis 50.000 Personen — lassen sich als klar monarchistisch oder dezidiert pro-Pahlavi einordnen. Diese Anhängerschaft organisiert sich weniger über klassische eingetragene Vereine als über Telegram-Gruppen, Instagram-Netzwerke und lokal entstandene Protestbündnisse. Ihr Auftreten bei Demonstrationen ist oft auffällig: die Löwen-und-Sonne-Flagge des alten Kaiserreichs, Bilder Pahlavis, bisweilen auch — wie in Regensburg — Symbole von SAVAK.

Genau hier liegt ein politisches Problem, das Pahlavi selbst zu verantworten hat. Er hat sich nie klar von den repressiven Seiten des politischen Erbes seines Vaters distanziert. Stattdessen spricht er allgemein von „Stolz" auf seine Familie. Sein Übergangsplan — ein detailliertes Konzept für eine „Emergency Phase" der ersten 100 bis 180 Tage nach einem Regimewechsel — sieht eine zentrale Führungsrolle für ihn selbst oder ein von ihm ernanntes Gremium vor, mit temporärer Kontrolle über Exekutive, Legislative und Judikative. Kritiker sprechen von autoritären Tendenzen. Hinzu kommt, dass er vor „Separatisten" warnt, was kurdische und andere Minderheitengruppen als Bedrohung interpretieren.

Dass ein ehemaliger politischer Gefangener, der nach eigenen Angaben unter SAVAK gefoltert wurde, nun einen Brief an den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder schreibt und vor einer „neofaschistischen Strömung" in der monarchistischen Bewegung warnt, zeigt, welche emotionalen und historischen Tiefen diese Auseinandersetzungen berühren.

Die MEK: effektiv, belastet, polarisierend

Das andere grosse organisierte Lager sind die Volksmudschahedin, international bekannt als MEK oder PMOI, mit ihrem politischen Arm, dem Nationalen Widerstandsrat Iran (NWRI). Die Organisation entstand in den 1960er-Jahren als islamistisch-marxistische Guerillagruppe, kämpfte gegen den Schah, geriet nach 1979 in Konflikt mit Khomeini und stellte sich im Iran-Irak-Krieg schliesslich auf die Seite Saddam Husseins – ein Makel, den sie bis heute nicht abschütteln kann.

Heute gibt sich die MEK ein anderes Profil: säkular, demokratisch, feministisch. Zentrales politisches Dokument ist das Zehn-Punkte-Programm von Maryam Rajavi, erstmals 2006 vorgestellt und seither als programmatische Roadmap für ein post-islamistisches Iran propagiert. Es liest sich modern und inklusiv: Ablehnung der klerikalen Herrschaft, eine pluralistische Republik mit allgemeinem Wahlrecht, vollständige Geschlechtergleichheit, Minderheitenrechte, Abschaffung der Todesstrafe, freie Wahlen binnen sechs Monaten nach einem Regimewechsel, eine marktwirtschaftliche Ordnung mit sozialem Ausgleich sowie eine atomwaffenfreie Aussenpolitik.

Auf dem Papier stellt dieses Programm das wohl am klarsten ausgearbeitete republikanisch-säkulare Übergangskonzept der iranischen Opposition dar. Es hat Hunderte Parlamentarier in Europa und den USA überzeugt, darunter ehemalige hochrangige amerikanische Politiker. In Deutschland ist die Organisation über Solidaritätskomitees und Unterstützernetzwerke präsent, mit regelmässigen Demonstrationen in Köln, Frankfurt, Dortmund, Hamburg und weiteren Städten.

Gleichwohl gilt die MEK in grossen Teilen der iranischen Diaspora als toxisch. Die Gründe sind historischer wie struktureller Natur: die Kooperation mit Saddam Hussein, frühere Anschläge, vor allem aber der seit Jahrzehnten erhobene Vorwurf, die Organisation funktioniere intern wie eine Sekte – mit ausgeprägtem Personenkult um die Rajavi-Führung, Isolation der Mitglieder und weitreichender Kontrolle des Privatlebens.

Zwar hat sich die MEK Anfang der 2000er Jahre von militanten Praktiken distanziert, doch weist ihre elitäre Kaderstruktur bemerkenswerte Kontinuitäten auf. Ein Grossteil des Führungspersonals lebt in abgeschlossenen Campstrukturen. Das ursprüngliche Camp Ashraf entstand in den 1980er-Jahren im Irak unter Saddam Hussein als politisch-militärische Basis und bestand – als „Camp Ashraf 2“ – auch nach dem Sturz des Regimes unter US-Schutz fort. Ab 2013/2016 vermittelten und finanzierten die USA die Umsiedlung von rund 3.000 Mitgliedern nach Albanien, mit Zustimmung des UNHCR und der albanischen Regierung. Das heutige Camp Ashraf 3 bei Manëz (zwischen Tirana und Durrës) dient seit etwa 2018/2019 als zentrales Hauptquartier und befindet sich auf einem stark gesicherten Gelände. Aus US-amerikanischer Perspektive fungiert die MEK dabei nicht zuletzt als politischer Proxy im Konflikt mit dem Iran; ideologisch positioniert sie sich heute tendenziell nationalkonservativ.

Diese Kaderstruktur nährt die anhaltenden Vorwürfe, es handle sich im Kern um eine Politsekte. Entsprechende Berichte werden von unabhängigen Journalisten, Menschenrechtsorganisationen und zahlreichen Aussteigern gestützt. Die Folge: Schätzungen zufolge sympathisieren lediglich 1 bis 3 Prozent der iranischstämmigen Bevölkerung in Deutschland aktiv mit der MEK – trotz ihrer professionellen Lobbyarbeit und medialen Sichtbarkeit.

Die schweigende Mehrheit: weder Schah noch Mullah

Was aber ist mit den übrigen 80 bis 85 Prozent? Sie entziehen sich der Vereinnahmung durch beide grossen Lager. Viele jüngere Exil-Iraner, geprägt durch die Protestbewegung „Jin Jiyan Azadi" — Frau, Leben, Freiheit —, die nach dem Tod von Jina Mahsa Amini 2022 aufflammte, wollen mit keiner der alten Organisationen assoziiert werden. Ihre Haltung ist eher basisdemokratisch: kein Personenkult, keine dominante Organisation, keine Führungsfigur aus dem Exil, die über die Köpfe der Menschen im Iran hinweg Ansprüche stellt.

Diese Stimmung spiegelt sich in Initiativen wie dem Verband iranischer Vereine in Hamburg wider, der ausdrücklich sowohl Monarchie als auch Theokratie ablehnt. Oder in Gruppen wie dem Ayande-Jugendverband und Woman Life Freedom Nürnberg & Erlangen, die bewusst überparteilich und säkular agieren wollen. Auch die 2023 entstandene Mahsa-Charta — ein gemeinsames Dokument von Reza Pahlavi, der Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, der Journalistin Masih Alinejad und dem Vorsitzenden der Vereinigung der Opfer des Flugs PS752, Hamed Esmaeilion — versuchte diesen Geist zu bündeln: keine festgelegte Staatsform, Betonung auf Einheit, ein Bekenntnis zu Demokratie und Menschenrechten jenseits ideologischer Lager. Symbolisch war die Charta bedeutsam; operativ blieb sie begrenzt.

Der zerstrittene Kampf um den besseren Iran

Was die verschiedenen Lager eint, ist die Überzeugung, dass das Mullah-Regime überwunden werden muss. Was sie trennt, ist fast alles andere: die Staatsform danach, die Frage nach Führung und Legitimität, die Aufarbeitung historischer Verbrechen — ob nun jene des Schahs oder jene der Mullahs —, die Rechte von Kurden, Balutschen und anderen Minderheiten, der Umgang mit Islamismus, religiöser und politischer Tradition.

Die Gefahr dieser Spaltung liegt auf der Hand. Eine fragmentierte Opposition stärkt das Regime in Teheran, das seinerseits aktiv „transnationale Repression" betreibt: Einschüchterung, Bespitzelung, Bedrohung von Oppositionellen im Ausland, in der Bundesrepublik nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden in rund 100 dokumentierten Fällen. Zuletzt wurde in Kanada ein iranischer Regime- und Monarchie-Kritiker getötet. Das Exil ist kein sicherer Raum, und der Argwohn zwischen den Oppositionsgruppen erleichtert den Schergen Teherans die Arbeit.

Wenn in Regensburg Demonstranten mit SAVAK-Logos aufmarschieren und explizit auch linke und republikanische Iraner als Feinde benennen, andernorts MEK-Anhänger antimonarchistische Slogans skandieren, zugleich Maryam Rajavi wie eine Erlöserfigur porträtieren, dann entsteht kein einheitliches Bild des Widerstands. 

Suche nach Überwindung des Lagerdenkens

Die iranische Diaspora in Deutschland ist eine der bemerkenswertesten Einwanderungsgemeinschaften des Landes: hochqualifiziert, politisch engagiert, kulturell vital. Ihre Vereine, Netzwerke und Initiativen sind lebendige Zeugnisse eines Landes, das seine besten Köpfe ins Exil getrieben hat. Und ihre politischen Debatten, so erbittert sie geführt werden, sind in einem tieferen Sinne echt: Sie handeln von Freiheit, Würde und der Frage, was ein gerechtes Iran sein könnte.

Aber der Weg dorthin bleibt ungeklärt. Kein Programm hat bisher breite inneriranische Legitimität erlangt. Die Mehrheit der Menschen im Iran will weder Schah noch Mullah — was sie wollen, ist das Recht, selbst zu entscheiden. Viele in der Diaspora teilen diesen Wunsch. Die entscheidende Frage ist, ob die politischen Kräfte des Exils jemals in der Lage sein werden, dieses Ziel mehr in den Mittelpunkt zu stellen als ihre eigenen Machtansprüche.

Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass die Struktur der politischen Opposition im Exil eher den Logiken der Aufnahmeländer folgt als den tatsächlichen sozialen und kulturellen Gegebenheiten im Iran selbst. Zentrale gesellschaftliche Gruppen, die dem Regime lange Zeit Legitimität verliehen haben – etwa ländliche Zuwanderer, die Bazari oder Teile der Nomenklatura –, ebenso wie politisch marginalisierte Akteure wie Minderheiten und tribale Gemeinschaften, sind im Exil nur schwach repräsentiert. Daraus ist eine deutliche Kluft zwischen Exilpolitik und innergesellschaftlicher Realität entstanden, deren Überwindung letztlich einen politischen Diskurs im Iran selbst voraussetzt.

Vor diesem Hintergrund suchen viele Iranerinnen und Iraner, die das starre Lagerdenken ablehnen, nach Formen politischer Organisation, die die soziale, politische und kulturelle Pluralität auch im Exil abbilden können, ohne sich auf eine zentrale Führungsfigur festzulegen. Allerdings hätte eine solche, am Modell des „Runden Tisches“ orientierte Politik angesichts der weltweit wachsenden Sehnsucht nach autoritärer Führung derzeit einen schweren Stand.

Das weisse T-Shirt mit dem SAVAK-Logo in Regensburg ist kein Randphänomen. Es ist ein Warnsignal — dafür, dass historische Traumata nicht aufgearbeitet sind, dass Symbolpolitik Wunden aufreisst statt sie zu heilen, und dass eine Bewegung, die wirklich den Anspruch erhebt, den Iran zu befreien, zuerst lernen müsste, mit ihrer eigenen Geschichte ehrlich umzugehen.

Und dazu gehört die Aufarbeitung der Geschichte imperialer Ordnungsvorstellungen, die sich bis in die Islamische Republik hinein fortgeschrieben haben. Solange die imperiale Idee der dominante Deutungsrahmen einer politischen Ordnung der iranischen Gesellschaft bleibt, bleiben die Räume für einen wirklichen integrativen Neuanfang begrenzt. 

 

Letzte Artikel

Die kalte Gewalt der Staatsideologie, die stumme Macht des «Guten»

Patrick Straumann 22. Mai 2026

Die Volksinitiative der Widersprüche

Beat Allenbach 21. Mai 2026

Schnelles Ende oder endloser Krieg?

Erich Gysling 21. Mai 2026

Aussenseiterposition

Daniel Woker 21. Mai 2026

Mit Viren gegen multiresistente Bakterien

Helga Kessler 20. Mai 2026

Erneut Bedenkliches vom Bundesgericht

Markus Mohler 20. Mai 2026

Newsletter abonnieren

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Zurück zur Startseite
Leserbrief schreiben
Journal 21 Logo

Journal 21
Journalistischer Mehrwert

  • Kontakt
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Newsletter
To top

© Journal21, 2021. Alle Rechte vorbehalten. Erstellt mit PRIMER - powered by Drupal.