Antibiotika-Resistenzen nehmen zu. Helfen könnte ein Therapieverfahren, das Bakterien mit spezialisierten Viren, sogenannten Phagen, angreift. Die Heilmethode wird seit vielen Jahren eingesetzt und erforscht – allerdings kaum in der Schweiz. Das liegt vor allem an strengen rechtlichen Hürden und an fehlenden Forschungsgeldern.
Hartnäckige Harnwegsinfekte, chronische Lungenentzündungen oder multiresistente Krankenhauskeime sind häufig schwer zu therapieren, weil die eingesetzten Antibiotika ihre Wirkung verloren haben. Weltweit nehmen Antibiotikaresistenzen zu – auch als Folge eines allzu sorglosen Umgangs mit dem Medikament. Chronische Infektionen mit multiresistenten Keimen können bei den betroffenen Patientinnen und Patienten die Lebensqualität massiv einschränken und insbesondere bei immungeschwächten Personen tödlich verlaufen.
In der Schweiz stirbt geschätzt täglich ein Mensch an einer nicht behandelbaren bakteriellen Infektion. Eine vielversprechende Möglichkeit könnte eine Therapie mit Phagen sein. Das sind lebende Viren, die Bakterien infizieren und zerstören können, insbesondere antibiotikaresistente Bakterien. Das macht sie für die Medizin interessant.
Erlaubt sind nur «individuelle Heilversuche»
Doch in der Schweiz können Phagen nur sehr begrenzt genutzt werden, da sie nicht als Arzneimittel zugelassen sind. Möglich ist derzeit der Einsatz von Phagen nur als «individueller Heilversuch», wenn andere Verfahren versagt haben und eine chronische und lebensgefährliche Infektion vorliegt. «Wir müssen die Wirksamkeit und Sicherheit von Heilmitteln garantieren» begründete Julia Djonova, Leiterin der Abteilung für «neuartige Therapien» bei der Swissmedic die strenge rechtliche Hürde in der Schweiz. Sie nahm an einer Veranstaltung des Phagenforums teil, das sich für eine breitere Diskussion des Themas in der Schweiz einsetzt.
Auch in der EU ist die Phagentherapie nicht als Standardbehandlung verfügbar. Möglich ist ihr Einsatz ebenfalls nur in eng begrenzten Ausnahmefällen. Zudem werden von den Zulassungsbehörden, der Swissmedic wie von der europäischen Arzneimittel-Agentur EMA, für die Phagenherstellung strengste Qualitätsstandards verlangt, wie sie in der Pharmaindustrie üblich sind (Good Manufacturing Practice, kurz GMP). Das verteuert die Produktion massiv, was einen breiteren Einsatz zusätzlich verhindert. Bislang wurden in der Schweiz erst zwölf Personen mit Phagen behandelt.
Belgische Sonderregel ermöglicht Herstellung
Tatsächlich ist die Phagentherapie nicht neu und wird in verschiedenen Ländern in kleinerem Umfang eingesetzt, so etwa in Belgien oder Frankreich. Für die Herstellung nutzt Belgien ein Schlupfloch im europäischen Arzneimittelrecht, wonach eine «magistrale Rezeptur» genügt, damit eine Apotheke den passenden Phagen-Cocktail für einen bestimmten Patienten mixen kann. Die Sicherheit wird über eine staatliche Zertifizierung der Labore garantiert, die strengen GMP-Auflagen entfallen.
Das Phagentherapielabor des Militärkrankenhauses in Brüssel, europaweit die führende Einrichtung für Phagen, hat bereits Tausende Patientinnen und Patienten im In- und Ausland mit den passenden Viren versorgt. 2023 wurde eine erste internationalen Studie mit 100 Patientenfällen publiziert: 77 sprachen auf die Behandlung mit Phagen an, bei 61 waren die Bakterien vollständig zerstört.
Zur Phagentherapie nach Georgien
Portugal geht einen ähnlichen Weg wie Belgien. In Frankreich können Phagen wie in der Schweiz nur aufgrund von Ausnahmegenehmigungen eingesetzt werden. Nun ist eine nationale Initiative unter Leitung des Universitätskrankenhauses in Lyon geplant, die eine Infrastruktur für die Herstellung grosser Mengen von Phagen in GMP-Qualität schaffen soll.
In Georgien, wo die Phagentherapie schon seit hundert Jahren erforscht und genutzt wird, ist die Behandlung weit verbreitet. Die Produktionsbedingungen gelten hierzulande aber als zu wenig sicher. Dennoch reisen Patienten aus aller Welt nach Tiflis, um sich auf eigenes Risiko und eigene Kosten dort behandeln zu lassen.
Bakterienfresser
Phagen oder Bakteriophagen sind lebende Viren, die ganz spezifische Bakterien infizieren und zerstören können. Dafür heften sie sich an das Bakterium an und schleusen ihr Erbgut ein. Das Bakterium produziert daraufhin neue Phagen, bis das Bakterium platzt und die Phagen freisetzt. Diese befallen daraufhin weitere Bakterien. Um einen einzelnen Patienten behandeln zu können, muss man die resistenten Bakterien identifizieren und geeignete Phagen im Labor testen. Dafür werden Ausscheidungen des betroffenen Patienten genutzt. In grossen Mengen finden sich Phagen in Klärschlamm und Abwasser.
Nötig wären grosse und teure Studien
Damit die Phagentherapie in der Schweiz wie in Europa vermehrt zum Einsatz kommen könnte, müsste nicht nur die sterile Produktion in grossen Mengen sichergestellt sein. Es müsste zudem der Nachweis gelingen, dass die Behandlung wirksam und sicher ist, wie das generell für neue Arzneimittel verlangt wird.
Dafür bräuchte es grössere klinische Studien an Personen, die mit multiresistenten Keimen kämpfen. Verglichen würde darin die Wirkung eines Phagen-Cocktails plus Antibiotikum mit Placebo plus Antibiotikum. Solche Studien werfen nicht nur ethische Fragen auf, sondern sind mit geschätzten 15 Millionen Euro pro Studie auch teuer.
Relativ günstige Therapie im Einzelfall
Unterdessen laufen europa- und schweizweit verschiedene Forschungsprojekte zur Phagentherapie, an denen hierzulande die universitären Spitäler beteiligt sind. Die Resultate werden in nationalen Registern erfasst. Die passenden Viren finden die Forschenden in Phagenbanken, über die neben Belgien auch Frankreich oder die USA verfügen, oder sie stellen sie selbst her.
Die Suche ist aufwändig und der behördliche Aufwand «enorm», so Lorenz Leitner von der Universitätsklinik Balgrist, wo die Phagentherapie bei wenigen Paraplegikern mit wiederkehrenden Harnwegsinfekten eingesetzt wurde. Leitner schätzt die Kosten des individuellen Heilversuchs auf lediglich 15'000 Franken. Das ist vergleichsweise günstig, rechnet man die Kosten einer letztlich erfolglosen Antibiotika-Therapie mit langen stationären Aufenthalten und weiteren Folgekosten hoch. Im Kampf gegen antibiotikaresistente Keime bei chronischen Infektionen könnte die Phagentherapie, wenn sie zugelassen wäre, das Gesundheitssystem erheblich entlasten.
Ungefährlich im Menschen?
Noch gibt es etliche praktische Fragen. So ist nicht ganz klar, wie die Phagen am besten zur bakteriellen Infektionsstelle gebracht werden. Inhalieren, intravenös injizieren oder als Kapsel schlucken? Alle Methoden werden angewandt, teilweise werden sie mit Antibiotikagaben kombiniert. Häufig werden Phagen-Cocktails genutzt, die gleich mehrere Bakterienstämme zerstören können.
Auch ist nicht wirklich klar, wie sich die «lebende Medizin» im menschlichen Körper verhält und welche Nebenwirkungen sie allenfalls entfaltet. «An sich sind sie nicht gefährlich», sagte ETH-Phagenforscher Alexander Harms auf dem Phagenforum in Zürich. Da die Phagen sehr spezifisch wirken, lassen sie das restliche Mikrobiom unangetastet. Sind die Bakterien, die von den passenden Phagen attackiert werden, zerstört, verschwinden auch die Phagen. Einige Phagen können vom menschlichen Immunsystem attackiert und unwirksam gemacht werden. Und schliesslich können Bakterien auch Resistenzen gegen Phagen entwickeln, wodurch diese dann wieder unwirksam werden.
Bundesrat muss auf Postulat antworten
In der Schweiz muss nun der Bundesrat zum Thema Phagentherapie Stellung nehmen. Die Nationalrätin Gabriela Suter, SP, hat im März ein entsprechendes Postulat eingereicht. Hintergrund ist die «Strategie Antibiotikaresistenzen Schweiz». Erwartet wird eine Antwort auf die Frage, welche Schritte der Bundesrat prüft, um Forschung, klinische Studien oder Pilotprojekte in Schweizer Spitälern zu unterstützen. Noch steht die Antwort dazu aus.
Weiterführende Informationen:
«Viren als Hoffnung gegen Antibiotikaresistenz», Video der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz SCNAT